Im „deutschen Herbst“ brummte das Geschäft

Eine Geschichte: die Nüssel Metallkunst und die Bundesrepublik

Von Jens-Christopher Ulrich

Zwei Generationen Kunstschmiede Nüssel: Erich (rechts) und Ludwig Nüssel. Foto: Ulrich

Im „deutschen Herbst“ brummte das Geschäft

Es war der 29. Dezember 1949, als Schlossermeister Fritz Nüssel nach bestandener Meisterprüfung seine Kunstschmiede in die Handwerksrolle der Handwerkskammer für München und Oberbayern eintragen ließ. „Nach dem Krieg war jede Menge zu tun. Es wurden sofort Facharbeiter und Lehrlinge eingestellt. Einer davon blieb 44 Jahre im Betrieb. Das Geschäft brummte, so dass sich mein Vater bald Maschinen kaufen und erweitern konnte“, erzählt Erich Nüssel (57), der den Betrieb von 1983 bis 2003 leitete. Fast 60 Jahre nach der Eintragung hat in Person von Ludwig Nüssel (30) die nächste Familiengeneration die Nüssel Metallkunst GmbH, eine Schlosserei mit Schmiede, übernommen.

Der Betrieb war von jeher auf hochwertige Arbeiten spezialisiert – Restaurierung, Kunstschmiedearbeiten und Gürtlerei. Momentan wird z.B. der Arm der Bavaria-Statue auf der Münchner Theresienwiese repariert, der ist etwas abgesackt. 1967 fing Erich Nüssel im elterlichen Betrieb als Lehrling an. 1970 machte er seine Gesellenprüfung, fünf Jahre später war er Meister. „Es war klar, dass ich den Beruf ergreife, allerdings hätte mich auch Kfz-Mechaniker gereizt“, berichtet er. Mit der 68er-Bewegung hatte er nicht viel am Hut: „Ich war zu jung. Später habe ich auf andere Weise rebelliert, bin mit dem Moped nach Italien gefahren“, schmunzelt der passionierte Oldtimerfan. An die Bedrohung durch den RAF-Terror kann er sich dagegen noch genau erinnern. „Das Sicherheitsbedürfnis während des deutschen Herbstes war groß, wir haben seinerzeit die Villen von Politikern, Schauspielern und Bankiers umgebaut“, erinnert sich Nüssel. 2003, nach genau 20 Jahren als Chef, trat er gesundheitsbedingt zurück. Die Wiedervereinigung nahm er noch mit. „Die hat sich aber nicht groß auf unser Geschäft ausgewirkt. Eher schon die Erweiterung der EU, seitdem haben wir große Konkurrenz durch billige Arbeitskräfte aus Osteuropa“, sagt er.

Wie sich die Kunden verändert haben? „Die Wertschätzung ist leider nicht mehr da. Sie wollen höchste Qualität, diese aber oftmals nicht mehr bezahlen“, blickt Erich Nüssel mit etwas Wehmut auf die alten Zeiten zurück. Damals bestimmte unbedingtes Vertrauen das Verhältnis zwischen Handwerker und Kunden. Ein Handschlag galt noch etwas. „Heute dagegen dreht man keine Schraube mehr in die Wand, ohne vorher ein Angebot abgegeben zu haben.“