Neun Jahre lang baute DHZ-Kolumnistin und Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg ihren Betrieb auf, war in der Branche gefragt und erfolgreich. Doch die Schwangerschaft stellte sie vor eine unmögliche Wahl. Was sie aus dieser Zeit gelernt hat.

Neun Jahre lang habe ich meinen eigenen Handwerksbetrieb geführt. Neun Jahre Aufbau, Verantwortung, Wachstum. Und trotzdem musste ich 2017 schließen. Nicht, weil die Aufträge fehlten. Nicht, weil ich mich übernommen hätte. Sondern weil ich schwanger wurde.
Eine Schwangerschaft ist ein Wunder, kann im Handwerk aber zur Existenzgefahr werden. Ich war selbstständige Steinmetzmeisterin, hatte vier Mitarbeitende, bundesweite Sichtbarkeit durch meine Homepage und soziale Medien. Menschen reisten für meine Bildhauerkurse Hunderte Kilometer weit an; meine Grabsteine stehen bis heute bundesweit in vielen Städten. Kurz gesagt: Ich war in der Branche gefragt. Heute würde man das "Personal Branding" nennen. Damals war es schlicht die Tatsache, dass ich mit meinem Namen und meiner Person für Qualität stand.
Und trotzdem: Alle wollten mich. Kein Teammitglied konnte mich ersetzen. Mein Mann unterstützte mich, wo er nur konnte, doch wir waren irgendwann beide am Limit. Privatleben? Fehlanzeige. Sport, Erholung, Zeit zu zweit, alles fiel weg. Ich arbeitete bis zwei Wochen vor der Geburt gebückt über dem Stein, führte vier Wochen nach der Entbindung wieder Kundengespräche auf dem Friedhof und stand nach drei Monaten erneut in der Werkstatt. Körperlich war das kaum möglich, betriebswirtschaftlich aber alternativlos.
Nach anderthalb Jahren habe ich meinen Betrieb geschlossen, eine Entscheidung, die ich gemeinsam mit meinem Mann getroffen habe. Nicht, weil die Werkstatt betriebswirtschaftlich nicht tragfähig gewesen wäre, sondern weil uns das Leben zwischen Werkstatt oder Kind unglücklich machte. Jede Stunde bedeutete ein Entweder-oder. Und irgendwann war klar: Wir entscheiden uns für das neue Leben. Ich habe den Betrieb aufgegeben, nicht aus Schwäche, sondern aus Verantwortung.
Das ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem. Solange es im Handwerk keine verlässlichen Strukturen gibt, die Selbstständige in Schwangerschaft und Mutterschaft absichern, verlieren wir Betriebe, Fachkräfte und vor allem Vorbilder. Und wir gefährden auch die Nachfolge: Sie kann nicht allein mit Männern gelöst werden. Wir brauchen Frauen, die den Mut haben, Betriebe zu übernehmen, ohne gleichzeitig den Wunsch auf Mutterschaft unterdrücken oder ihre Existenz aufs Spiel setzen zu müssen.

3 Impulse für Sie:
- Unterstützung statt Konkurrenz: Handwerk lebt von Gemeinschaft. Wer sieht, dass eine Kollegin schwanger ist, sollte Unterstützung anbieten, unabhängig davon, ob man im Alltag miteinander konkurriert. Das kann ein Anruf sein, ein Angebot zur Kooperation, praktische Hilfe im Betrieb oder einfach Verständnis im Kundenumgang. Wenn die Strukturen fehlen, können wir sie nur gemeinsam abfedern.
- Strukturen hinterfragen: Wir sprechen viel von Chancengleichheit, aber leben sie im Handwerk nicht. Solange Selbstständige im Mutterschutz keinen Euro erhalten, Angestellte aber sehr wohl, ist das eine eklatante Ungerechtigkeit, die Frauen systematisch benachteiligt. Das muss man klar benennen, auch wenn es unbequem ist.
- Politisch Druck machen: Mutterschaftsgeld für Selbstständige, eine Umlagefinanzierung, Betriebshilfen, das sind keine Luxusforderungen. Es sind überfällige Maßnahmen, wenn Unternehmertum nicht länger ein männliches Privileg bleiben soll. Politik muss endlich handeln.
Die Frage, die bleibt: Wie lange wollen wir im Handwerk Frauen noch vor die Wahl "Betrieb oder Familie" stellen und gleichzeitig vom Fachkräftemangel sprechen?
Doch dieser Kampf darf nicht allein von Frauen geführt werden. Wenn wir 2025 wirklich von Gleichberechtigung im Handwerk sprechen wollen, braucht es auch die Männer, die sich solidarisieren. Denn das Handwerk bleibt nur dann lebendig, wenn Gleichberechtigung kein Frauenthema mehr ist, sondern ein gemeinsames Anliegen von allen.
Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Abonnieren Sie den kostenlosen DHZ-Newsletter, um keine Ausgabe zu verpassen.