Arbeitsschutz „Ich muss die Maske nicht die ganze Zeit aufhaben“

Die Corona-Pandemie hat Chefs gezwungen, sich mit neuen Fragen des Arbeitsschutzes auseinanderzusetzen. Frank Göller, Leiter Aufsicht und Beratung in der Präventionsabteilung der BG ETEM, über die Folgen.

Arbeiterin mit Helm und Corona-Maske
Während der Arbeit muss man nicht die ganze Zeit eine Maske tragen. Bei mittelschwerer Arbeit ist die empfohlene Tragedauer zwei Stunden, danach folgt eine Tragepause. Ist niemand anderes im Raum oder habe ich keinen Kontakt zu anderen, ist die Maske nicht nötig. - © Alessandro Biascioli - stock.adobe.com

Von Barbara Oberst

Herr Göller, wie hat sich das Pandemiejahr auf den Arbeitsschutz ausgewirkt?

Frank Göller: Arbeits- und Infektionsschutz hat durch die Pandemie eine ganz neue Priorität bekommen und ist viel stärker ins Bewusstsein der Unternehmer gerückt. Unsere Mitglieder haben intensiv unsere Corona-Hotline genutzt, uns gefragt, wie sie die Infektionsgefahr im Betrieb senken können.

Das sind Dinge, mit denen sich die wenigsten Handwerker davor beschäftigen mussten.

Ja. In den bei uns versicherten Handwerksbetrieben standen im Wesentlichen die physikalischen und chemischen Einwirkungen am Arbeitsplatz im Vordergrund. Nur einzelne Branchen wie die Zahntechniker, Textilreiniger oder Orthopädieschuhmacher mussten sich schon vor der Pandemie mit Infektionsschutz beschäftigen. Jetzt ist es ein Thema für alle: Wer zum Kunden geht, muss eine Maske tragen. Wenn verschiedene Personen das gleiche Fahrzeug nutzen, müssen sie das Lenkrad desinfizieren. Das musste auch Einzug in die Gefährdungsbeurteilungen halten und in die Handlungskonzepte, die wir für die verschiedenen Branchen erarbeitet haben.

Gelten denn diese Konzepte auch für die Virusmutationen?

Ja, denn der Infektionsweg ist der gleiche. Im Verlauf der Pandemie haben wir immer mehr Erkenntnisse darüber gewonnen, wie sich das Virus überträgt und welche Maßnahmen vor einer Übertragung am besten schützen. Unsere Gefährdungsbeurteilungen haben wir ständig nachgebessert. Angesichts der Mutanten ist es jetzt also eher so, dass sich jeder bewusst machen muss, wie wichtig es ist, diese Hygieneschutzkonzepte in aller Konsequenz umzusetzen.

Dazu gehört das Tragen von Masken. Doch viele Handwerker beklagen, ihre Sicht sei durch die Maske beeinträchtigt. Gibt es Situationen, wo die Maske das Unfallrisiko erhöht und besser nicht getragen werden sollte?

Nein, nach unserer Erfahrung für das Handwerk nicht. Ist die Sicht tatsächlich behindert, sollte derjenige andere Maskenformen und -größen ausprobieren. Gerade Brillenträger brauchen Masken, die im oberen Nasenbereich eng anliegen, so dass der Atem nicht zur Brille hin ausströmt und die Brille beschlägt. Grundsätzlich gilt: Je höher die Gefahr einer Infektion, desto höherwertiger sollte auch die Maske sein – und umgekehrt. Die Maske muss zur eigenen Tätigkeit passen.

In der Praxis ziehen viele ihre Maske herunter, weil das Arbeiten mit Mundschutz zu anstrengend wird.

Deswegen gibt es ja die Empfehlungen zur Tragedauer. Bei mittelschwerer Arbeit sind das zwei Stunden, danach folgt eine Tragepause. Das wird oft missverstanden: Ich muss die Maske nicht die ganze Zeit aufhaben. Ist niemand anderes im Raum oder habe ich keinen Kontakt zu anderen, ist die Maske nicht nötig. Die Tragepausen müssen keine Arbeitspausen sein. Das ist eine Frage der Arbeitsorganisation.

Hat aber eine Person die Maske abgenommen und eine zweite kommt hinzu, sind Aerosole in der Luft …

Deswegen ist Lüften das A und O, sobald mehrere Personen in einem Raum sind.

Privat wie im Arbeitsumfeld schlagen vielen Menschen die Kontaktreduzierungen, aber auch eigene Ängste und Sorgen auf die Psyche. Spielt das im aktuellen Arbeitsschutz eine Rolle?

Wir haben bisher noch keine Zahlen über die psychischen Belastungen für 2020. Aber wir sehen an den Reaktionen unserer Versicherten, wie wichtig das Thema ist. An einem Webinar, das wir zu psychischen Belastungen angeboten haben, nahmen 180 Personen teil – das ist viel. In dem Zusammenhang werden auch weiter viele Fragen an uns gerichtet. Die Unternehmer erkennen das als psychische Gefährdung.

Neben der beratenden Funktion haben die Berufsgenossenschaften immer auch die Rolle der Aufsicht. Unternehmer berichten aber, in der Pandemie fänden kaum mehr Kontrollen statt. Stimmt das?

Wir hatten 2020 einen geringen Rückgang der Beratungskontakte vor Ort. 2019 waren es rund 40.000 Besuche, 2020 etwa 32.000. Da spielt vor allem der erste Lockdown hinein, in dem wir erst einmal Hygienekonzepte erstellen mussten, damit unser Außendienst überhaupt in die Betriebe konnte. Vor Ort ging es um die normalen Gefährdungen, aber natürlich auch um den Infektionsschutz. Insbesondere anfangs gab es Beanstandungen, weil die Maskenpflicht oder das Abstandsgebot nicht eingehalten wurden.

Ist jetzt, nach einem Jahr Pandemie, ein „neues Normal“ eingetreten?

An den Abrufzahlen unserer Corona-Hotline können wir sehr gut nachvollziehen, wie die Betriebe die Lage bewältigen. Im April 2020 gab es ein sehr hohes Anrufaufkommen. Als wir dann die branchenspezifischen Checklisten zum Schutz vor dem Coronavirus zur Verfügung gestellt haben, hat das viel zur Entspannung beigetragen. Jetzt sind es nur noch kurzfristige Anrufspitzen, wenn es aktuelle Veränderungen in den Corona-Vorschriften gibt, beispielsweise aktuell die Frage der Testpflicht. Unser Eindruck ist, dass sich die Mehrzahl der Betriebe in unseren Branchen inzwischen gut auf die Situation eingestellt hat.