Bootsbaumeister Tom Goal "Ich bin ein Entdecker und Abenteurer, wie viele meiner Zunft"

Tom Goal begann als Hauptschüler, wurde der Beste seiner Zunft und ein weltweit gefragter Bootsbaumeister. Nach einem Zwischenstopp auf den Malediven arbeitet er nun seit einigen Jahren am Bodensee, wo er nicht nur Yachten restauriert. Aber Goal hat schon wieder Hummeln im Hintern.

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Leidenschaft für den Bootsbau: Tom Goal investiert viele Arbeitsstunden in seine Aufträge. Die Sicht auf den Beruf sei manchmal romantisch verklärt. - © Philipp Uricher

Es ist ein trüber Tag im Oktober. Der kleine Ort Moos am Bodensee ist in dichte Nebelschwaden gehüllt. Der See versteckt sich im tristen Grau. Aus dem Dunst ragen nur die Masten der Yachten im Hafen.

Unweit entfernt befinden sich die Werkhallen von Tom Goal. Vor rund fünf Jahren ließ sich der Bootsbaumeister hier mit seiner Familie nieder und machte sich mit seinem Betrieb selbstständig. "Ich habe damals bei null angefangen. Die Hallen waren nackt, ohne Ausstattung und ich hatte keinen einzigen Kunden", erinnert er sich. Doch Tom Goal liebt es, sich ins Unvorhersehbare zu stürzen. Spontane Veränderungen und die Suche nach besonderen Herausforderungen durchziehen sein Leben. Er sei ein Entdecker und Abenteurer, wie viele seiner Zunft, sagt Goal.

Im Handwerk aufgewachsen

Seine Liebe für das Handwerk und die Faszination für das Wasser ent­wickelt er schon im Kindesalter. In Schwäbisch Hall wächst Tom Goal als Sohn eines Schreiners auf und darf seinem Vater nicht nur über die Schulter schauen, sondern mithelfen und Werkzeuge ausprobieren.

Bei einem ortsansässigen Schreinerbetrieb arbeitet er regelmäßig in den Ferien, wenn er nicht gerade seinen Vater unterstützt. "Schon damals merkte ich schnell, dass mein Talente vorwiegend im praktischen Bereich liegen. In der Schule tat ich mich eher schwer, besonders bei den Sprachen."

Als ein Bekannter der Familie eine Werft im Nachbardorf gründet und über mehrere Jahre ein großes Boot für die Erbin eines großen Versandhausunternehmens restauriert, wird seine Leidenschaft für den Bootsbau geweckt. "Der Beruf vereint so viele Elemente des Handwerks und tolle Materialien. Ob Holzbearbeitung, Faserverbundkunststoffe, Metall, Innenausbau, Elektrik, Mechanik oder Maler- und Lackierarbeiten", sagt er mit strahlenden Augen.

Nach der Schulzeit will Tom Goal etwas Neues sehen. Sein Ziel ist Lübeck, die führende Adresse für angehende Bootsbauer in Deutschland. Mit seinem Hauptschulabschluss muss er etliche Bewerbungen schreiben, bis er schließlich einen Ausbildungsplatz findet. "Viele Bootsbaubetriebe stellen lieber Bewerber mit höherer Qualifikation ein, weil sie nicht zu viel Aufwand mit der Berufsschule haben wollen."

Doch fachlich ist Tom Goal vielen seiner damaligen Azubi-Kollegen weit voraus. Und auch mancher Geselle schaut sich gerne etwas beim jungen Handwerker ab. Nach dreieinhalbjähriger Lehre schließt Tom Goal die Gesellenprüfung als Bester seines Jahrgangs ab. Da er den Leistungswettbewerb in Schleswig-Holstein mit deutlichem Vorsprung gewinnt, wird er ohne weitere Ausscheidung auch gleich zum Bundessieger seines Fachs gekürt. Viele Türen stehen ihm danach offen.

Aber Tom Goal sehnt sich nach dem nächsten Abenteuer. Zunächst meldet er ein Reisegewerbe an und arbeitet in verschiedenen Werften und Schreinereien. Dann entdeckt er zufällig einen Aushang in der Berufsschule, dass für ein großes Projekt auf den Malediven ein Bootsbauer gesucht wird. Tom Goal zögert keine Sekunde. Ein Telefonat und zwei Wochen später sitzt er im Flugzeug, Ziel: Indischer Ozean.

Bootsbau unter Palmen

Vor Ort soll er für ein neues Luxusresort drei Boote fertigstellen. Dabei treffen Welten aufeinander. "Billigarbeiter aus Bangladesch erhielten monatlich 250 Dollar und arbeiteten mit Bootsbaumeistern für ein Honorar von 15.000 Dollar zusammen", erinnert er sich. Zeit- und Kostendruck sind hoch, Fristen bereits überschritten. Dennoch fühlt sich Tom Goal in der tropischen Umgebung schnell wohl. "Wir haben auf einer eigenen Insel gewohnt und die Unterkünfte waren direkt am Strand. Von meinem Bett konnte ich fast ins Meer hüpfen." Er kann sich damals gut vorstellen, länger auf den Malediven zu bleiben, vielleicht für immer.

Doch dann bittet ihn ein Freund um Unterstützung bei dem Projekt eines Ölscheichs in Nigeria. Auf 5.000 qm Fläche soll eine Wohnanlage mit eigener Moschee errichtet werden. Ein neues Abenteuer ruft. Tom Goal packt seine Koffer. Eigentlich will er nur eine kurze Station für ein paar Impfungen in Deutschland einlegen. Doch gerade angekommen, erfährt er, dass das Bauprojekt in Nigeria vor der Pleite steht. Tom Goal bläst die Reise ab. Ungeplant ist er wieder in Deutschland gestrandet.

Moderne Walz mit dem Camper

Rasten will er jedoch nicht und hat schnell eine Idee für ein neues Abenteuer: Eine "moderne Walz" als reisender Handwerker quer durch Europa. Den ersten eigenen Camper hat er dafür bereits ausgebaut. Doch zur geplanten Walz kommt es nicht mehr, als er seine heutige Frau kennenlernt. Zu einer Reise kann er sie dennoch überreden. Mit dem Wohnmobil fahren sie über drei Monate die Atlantikküste entlang und über das Mittelmeer zurück. Mit nach Hause bringen sie einen Hundewelpen, der heute Tom Goals treuer Begleiter ist.

Nach der Rückkehr spielt er mit dem Gedanken, wieder etwas Neues auszuprobieren. Ein Architekturstudium würde ihn reizen. Doch er entscheidet sich dafür, seinem Handwerk treu zu bleiben. Das Paar zieht an den Bodensee. Hier will Tom Goal sich wieder seiner Liebe für das Wasser und den Bootsbau zuwenden. Er absolviert seine Meisterausbildung und erfährt von einer frei stehenden Halle in Moos. 2018 gründet er dort die Firma Yachtbau Goal.

Um das Geschäft zum Laufen zu bekommen, arbeitet er die ersten zwei Jahre 16 bis 18 Stunden pro Tag. Die Konkurrenz am See ist groß. Er muss sich etablieren. Zudem ist die Arbeit an den Booten sehr zeitintensiv. "Bei manchen Aufträgen sind meine Azubis und ich Hunderte Stunden beschäftigt. Davon auch viele Stunden mit dem Kopf unter dem Boot. Das musst du wollen und mit Leidenschaft machen, sonst hältst du es nicht lange durch", sagt Tom Goal.

Trügerisches Image des Berufs

Das Bild seines Berufs werde häufig romantisch verklärt und viele würden erst nach Beginn der Ausbildung erkennen, dass Bootsbau nicht nur aufregend, sondern auch anstrengend sei. "Von den 25 Azubis in meiner Berufsschule arbeiten inzwischen nur noch vier in diesem Job." Gesundheitlichen Risiken, etwa durch Staubpartikel bei den Holz- und durch chemische Stoffe bei den Lackierarbeiten, würden ebenfalls manche abschrecken. Hinzu kämen falsche Verdienstvorstellungen. "Beim Bootsbau denkt man an vermögende Kunden. Doch das Geld sitze bei vielen fester als vermutet. Manche meinen, ich könnte für 1.000 Euro mal schnell ihr betagtes Boot fit machen. Dann erkläre ich ihnen, welcher Aufwand dahintersteckt."

Die Arbeitsstunden bis zum perfekten Ergebnis summieren sich nicht selten zu einem höheren fünfstelligen Betrag. Deshalb empfiehlt Tom Goal allen, die mit diesem schönen Hobby liebäugeln, neben den Anschaffungskosten des Bootes auch die laufenden Ausgaben für Reparaturen sowie Liege- und Winterplätze einzuplanen. Das werde oftmals unterschätzt. Er bietet seinen Kunden dafür einen "All-inclusive"-Service mit Reparatur, Wartung und auch einem Abstellplatz für das Boot.

Wegen der saisonal schwankenden Nachfrage hat sich Tom Goal ein zweites Standbein geschaffen. Dank einer Zusatzqualifikation darf er auch Wohnwagen aus- und umbauen. "Während des Camping-Hypes in der Corona-Pandemie wurde ich von Anfragen überrannt. Viele wollten Aufstelldächer zum Übernachten auf ihre Fahrzeuge montiert haben", sagt Goal. Aufgrund von Lieferschwierigkeiten beim Material habe er jedoch nur einen Bruchteil davon bearbeiten können. Inzwischen habe sich die Situation normalisiert, das Geschäft laufe gut und mache großen Spaß.

Den Schritt in die Selbstständigkeit bereut Tom Goal keine Sekunde. Auch wenn Freunde ihn manchmal fragen, warum er es sich nicht leichter mache und einen gut bezahlten Job als Werkstattmeister in der nahegelegenen Schweiz annehme. Doch dafür hat er zu viel Herzblut in die Firma gesteckt. Lust auf ein weiteres Abenteuer hat er dennoch. Ein zeitlich begrenztes Projekt im Ausland würde ihn reizen.