Seltenes Handwerk "Ich bin der letzte Taschenkompassbauer Europas"

Norbert Fritz pflegt ein fast vergessenes Handwerk: den Bau von Taschenkompassen. In seiner Werkstatt bei Nürnberg geht es zu wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts – und doch ist sein Ein-Mann-Betrieb alles andere als altmodisch. Mit welchen Problemen er zur heutigen Zeit zu kämpfen hat.

Ein fertiger Taschenkompass aus dem Hause C. Stockert & Sohn. - © Hanna Kleeberger

Umgeben von Autowerkstätten und Industriehallen steht ein unscheinbares Gebäude in einem Gewerbegebiet bei Nürnberg. Es ist die Werkstatt von Norbert Fritz. Ein kleines Schild, kaum zu sehen, weist den Weg. Wer die Tür öffnet, fühlt sich augenblicklich in eine andere Zeit versetzt. Einzig der Klang der Türglocke erinnert an die Gegenwart, doch alles andere scheint aus einer anderen Epoche zu stammen. Die Wände sind voll von alten Maschinen, Werkzeugen und Kisten.

Inmitten dieser Werkstatt steht Inhaber Norbert Fritz, der hier die Tradition eines jahrhundertealten Handwerks weiterführt: Die Fertigung von Taschenkompassen. Die Geschichte von Kompassherstellern in der Nürnberger Region ist lang: Im 15. und 16. Jahrhundert gab es dort rund 20 Kompassmacher-Familien – heute nur noch eine: C. Stockert und Sohn. Man weiß nur wenig über die Firmengeschichte, die ersten Belege stammen aus dem Jahr 1762. Fritz hat das Unternehmen im Jahr 2009 von einem Freund übernommen, der die Werkstatt aufgeben wollte. "Man konnte eine so alte Produktion mit so viel Geschichte und Handwerk doch nicht einfach schließen", sagt er, während sein Blick auf den alten Maschinen ruht.

Sein Handwerk ist vom Aussterben bedroht

"Vor der Übernahme hatte ich nicht mehr als andere mit Kompassen zu tun. Ich habe mir alles selbst beigebracht", erzählt der studierte Chemiker. Den Ausbildungsberuf Kompassbauer gibt es schon lange nicht mehr. Deshalb gehört er zu den Handwerksberufen, die in Deutschland wahrscheinlich bald nicht mehr ausgeübt werden. Verwandte Ausbildungsberufe sind heutzutage Werkzeug- oder Feinwerkmechaniker. Als Fritz den Betrieb übernahm, hatte er noch sechs Mitarbeitend. Mittlerweile arbeitet er alleine. "Soweit ich weiß, bin ich der letzte Taschenkompassbauer Europas", sagt Fritz mit einer Mischung aus Stolz und Bedauern: "Das ist schade, weil es ein Handwerk ist, das man relativ einfach erlernen kann." Man erzeuge ein Produkt mit Nutzwert, was helfe, sich auf der Welt zurechtzufinden – und das ohne Strom, Satellit oder WLAN.

Produktion wie Mitte des 19. Jahrhunderts

Die Maschinen stehen aufgereiht nebeneinander, die Farbe ist hier und da schon abgeblättert. Beim Fertigungsprozess der Kompasse hat sich kaum etwas verändert, er läuft weitgehend noch wie Mitte des 19. Jahrhunderts ab. In den 1930er und 1940er Jahren produzierte Stockert & Sohn einige Tausend Kompasse pro Woche. Viele der Maschinen stammen noch aus dieser Zeit. "Einige davon sind wahrscheinlich selbst gebaut und über Jahrzehnte hinweg entwickelt und optimiert worden. Heute würde ein solches Gerät schnell einen fünfstelligen Betrag kosten", erzählt Fritz, man sieht ihm die Begeisterung für das alte Handwerk förmlich an. Ein Problem sind aber vor allem die Ersatzteile: "Falls etwas kaputt geht, muss man spezielle Einzelteile anfertigen lassen, die sich oft finanziell nicht mehr lohnen." Was Fritz nicht selbst im Haus reparieren könne, sterbe den Tod, erzählt er, während seine Hand über die silbernen Oberflächen einer Maschine streicht, der einst grüne Lack lässt sich nur noch erahnen.

Er holt eine Kiste mit zahlreichen verschiedenen Kompassen darin, die Stockert & Sohn über die Jahre hergestellt haben. "Es ist viel routinierte Fleißarbeit, eine Mischung aus Metallverarbeitung und Feinmechanik, und vielleicht ein bisschen Physik", erkärt Fritz und betrachtet zufrieden das glänzende Messinggehäuse, das im Licht schimmert. Bei der Arbeit mit scharfkantigem Material muss man über lange Zeit hinweg sehr konzentriert bleiben. Fritz beginnt damit, ein Stahlband so zu schleifen, dass es die typische blau-silberne Farbe von Kompassnadeln erhält. Mithilfe einer Presse stanzt er nun aus diesem Band kleine Nadeln aus. Anschließend wird die Nadel magnetisiert und auf ein Lager gesetzt, damit sie sich später Richtung Norden ausrichten kann. Das Gehäuse wird aus einem Messingblech gestanzt und anschließend geschliffen und lackiert. Bei Bedarf wird noch ein Ring als Halterung oder ein Deckel angebracht. Dann kann alles zusammengefügt werden: In das Gehäuse werden eine Skala, ein Abstandsring, das Lager mit der Nadel und ein Abdeckglas eingepasst.

Norbert Fritz: Inhaber von C. Stockert & Sohn, mit einem seiner fertigen Taschenkompasse. - © Hanna Kleeberger

"Man braucht nur eine Kompassnadel und eine Lagerspitze"

Die magnetisierte Nadel richtet sich im Magnetfeld der Erde immer nach Norden aus. Um das präzise anzuzeigen, muss sie leicht drehbar auf der Spitze sitzen. "Umso mehr die Nadel zittert, umso besser richtet sie sich aus, das ist ein Qualitätsmerkmal", sagt Fritz und zeigt auf einen seiner Kompasse, dessen Nadel sich besonders lang bewegt. Die Qualität seiner Produkte ist ihm wichtig, er arbeitet sehr akribisch: "Für mich muss das Hand und Fuß haben, meine Kompasse sollen möglichst lang und präzise funktionieren." Besonders begeistert erzählt er von seinen Schul-Sets: "Im Grunde genommen brauchen wir nur eine Nadel und eine Lagerspitze, schon haben wir einen Kompass". Die kleinen Sets werden in Streichholzschachteln geliefert und bestehen nur aus diesen beiden Komponenten. Abnehmer dieser Sets seien vor allem Lehrmittelfabriken, die Schulen beliefern, und Lehrer. Die Sets geben Schulklassen die Möglichkeit, zum Thema Magnetfeld einen eigenen kleinen Kompass zu bauen.

Andere Käufer von Stockert & Sohn sind neben Industriekunden vor allem Sammler oder ältere Leute, die besonderen Wert auf deutsche Handarbeit legen. "Die wenigsten nutzen die Kompasse wirklich zum Navigieren, vereinzelt vielleicht noch wenige Hobbywanderer", schätzt der Inhaber. Ein Teil der Taschenkompasse wird mit Slogans wie "Wir sind auf dem richtigen Weg" oder "Wir geben die Richtung vor" auch zu Marketingzwecken genutzt.

Kleine Gewinnmargen, große Leidenschaft

Probleme liegen neben dem Kundenrückgang vor allem im finanziellen Bereich: Die Gewinnmargen sind klein. Ein Problem dabei sind auch die kleinen Bestellmengen: Fritz bestelle zum Beispiel nur zwischen drei und fünf Kilogramm Stahl, da die Kompassnadeln klein und leicht sein: "Für die Produzenten sind das allerdings Kleinstmengen, die zu liefern sich kaum lohnt, das ist dann teuer." Besonders mit den Herstellern aus Asien kann er preislich nicht mithalten. Norbert Fritz aber macht weiter, will sich mit qualitativ hochwertiger Handarbeit aus Deutschland gegen die Konkurrenz durchsetzen. Ihn lässt die Leidenschaft fürs Handwerk nicht los. "Durch meine Kompasse transportiere ich auch ein Verständnis davon, wie die Welt funktioniert – und wie man sich darin zurechtfindet", strahlt er und schaut dabei auf die Maschinen, die hier seit Jahrzehnten verwendet werden.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.