Die Europäische Bürgerinitiative "House Europe!" dringt auf eine Wende in der Baukultur - weg vom Neubau, hin zum Umbau. Mit ihrer Unterschrift können Handwerker das Anliegen unterstützen.

Der Bau emittiert große Mengen Treibhausgas, verantwortet Flächenfraß und Abfallberge. Die Initiative "House Europe!" möchte die Branche klimafreundlicher machen und dafür den ewigen Kreislauf aus Abriss und Neubau durchbrechen. Renovierung und Umbau sollen zur Norm werden, denn in Bestandsbauten steckt wertvolle Energie.
Damit das Vorhaben gelingt, wollen die Initiatoren die EU-Kommission zum Handeln bringen. Möglich ist das über die Europäische Bürgerinitiative, ein Instrument der direkten Demokratie in der Europäischen Union. Innerhalb eines Jahres müssen eine Million Bürger aus mindestens sieben Ländern der EU das Vorhaben mit ihrer Unterschrift unterstützen. Am einfachsten geht das online unter diesem Link. Seit Anfang Februar wurden bisher mehr als 12.500 Unterschriften geleistet. Täglich werden es mehr.
Handwerker gefragte Partner
"Wir hoffen, dass viele Handwerker für unsere Sache unterschreiben. Wenn reparieren statt wegwerfen im Sinne eines nachhaltigen Wirtschaftens wieder an Bedeutung gewinnt, profitiert das Handwerk besonders stark", sagt Olaf Grawert, einer der Initiatoren von "House Europe!". Der aus Österreich stammende Architekt sieht Handwerker als wichtige Botschafter, die das Anliegen der Kampagne bei Kunden, Freunden und in der Familie vermitteln und um Unterstützung werben könnten.
Tatsächlich steht das Motto "Umbau vor Neubau" im Handwerk hoch im Kurs, wie eine Umfrage für den Baukulturbericht 2022/23 ergab. Demnach sind bei Umbau und Renovierung 86 Prozent der Handwerker häufig oder sehr häufig in gestalterische Entscheidungen eingebunden, bei Neubauten nur 36 Prozent. 78 Prozent der befragten Betriebe würden sich bei Bauvorhaben gern stärker bei der Gestaltung und der Materialauswahl einbringen. Wenn handwerkliches Know-how und Improvisationsgeschick durch mehr Bauen im Bestand im Ansehen steigt, würden auch die Bauberufe an Attraktivität gewinnen.

"House Europe!" bringt drei Gesetzesvorschläge ein
"House Europe!" will mit drei Gesetzesvorschlägen das Recht auf Wiederverwendung für bestehende Gebäude durchsetzen:
- die Reduzierung bzw. Abschaffung der Mehrwertsteuer für Renovierungsarbeiten und die dafür verwendeten Materialien,
- faire Regeln bei der Bewertung von Gebäuden, damit das Renovieren von Bestandsbauten bei der Kreditvergabe durch die Banken nicht benachteiligt wird,
- Ökobilanzen aller Bauvorhaben, die den gesamten Lebenszyklus betrachten und nicht nach der Abschreibung enden.
"Das alles gibt es bereits in einzelnen Ländern der EU. Italien verlangt zum Beispiel bei Renovierungsarbeiten nur zehn Prozent Mehrwertsteuer statt der üblichen 22 Prozent. Wir möchten, dass so sinnvolle Gesetze künftig in der gesamten EU gelten", sagt Olaf Grawert. Wenn das Ziel, den Gebäudebestand in der EU bis 2050 energetisch zu sanieren, geschafft werden soll, müsse sich die jährliche Renovierungsrate verdreifachen.
Der Alltag sieht anders aus. Oft entscheiden sich Investoren für Abriss und Neubau. Wenn sich an der Wirtschaftsweise am Bau nichts ändert, könnten bis 2050 europaweit 1,5 Milliarden Quadratmeter an Bestandsfläche der Abrissbirne zum Opfer fallen, prognostizieren Forscher. Das entspricht in etwa der Hälfte des Wohnraums in Deutschland.
San Gimignano in Berlin-Lichtenberg
Wie es anders geht, weiß Olaf Grawert als Partner bei "b+" aus eigener Erfahrung. Das auf den Erhalt der sozialen, ökologischen und kulturellen Werte bestehender Bauwerke spezialisierte Architekturbüro hat mit San Gimignano Lichtenberg eine Art Musterbeispiel für eine neue Umbaukultur geschaffen. Der Name erinnert an ein für seine pittoresken Türme bekanntes Dorf in der Toskana. Dabei handelt es sich bei dem Projekt im Osten von Berlin um ein deutlich weniger malerisches Areal. Die beiden Türme des ehemaligen VEB Elektrokohle im Stadtteil Lichtenberg sind nur deshalb erhalten geblieben, weil ein Abriss zu teuer war. Dem Team von "b+" ist es mit viel Ausdauer und Beharrlichkeit gelungen, eine der Ruinen zu revitalisieren.
"Wir wollen Abriss nicht verbieten, aber er sollte der letzte Ausweg sein. Erste Wahl muss der Erhalt von bestehenden Bauwerken haben“, betont Olaf Grawert. "House Europe!" will dafür die Grundlagen schaffen. Ob es gelingt, wird Ende Januar 2026 feststehen. Bis dahin bleibt Zeit, um die notwendige Zahl an Unterschriften zu erreichen – für einen Perspektivwechsel in der Bauwirtschaft, der Bestandsgebäude mehr wertschätzt als Neubauten.
