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Hörakustik-Präsidentin Marianne Frickel über schlechtes Hören und Demenz Hörakustik: "Ein unglaublich rasanter Wandel"

Die alternde Gesellschaft bringt vieles mit sich - auch eine immer größere Zahl an Menschen mit Höreinschränkungen. Marianne Frickel ist seit über 20 Jahren Präsidentin des Hörakustiker-Handwerks. Sie spricht mit der Deutschen Handwerks Zeitung darüber, warum Schwerhörige sich frühzeitig um eine Hörversorgung kümmern sollten, welchen Zusammenhang es zwischen schlechtem Hören und Demenz gibt und wie sich Hörgeräte in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben.

DHZ: Frau Frickel, unsere Gesellschaft altert. Damit gibt es immer mehr Menschen mit Hörverlust. Was bedeutet das für Ihre Branche?

Frickel: Es bedeutet Vollbeschäftigung, schon seit Jahren. Und die demografische Entwicklung wird das noch verstärken. Das heißt, wir können unserem Nachwuchs eine sichere Zukunft versprechen. Aber wir sehen uns auch in einer gesellschaftlichen Verantwortung. Wir geben den Menschen sehr viel mit gutem Hören – es bedeutet reine Lebensqualität.

DHZ: Trotzdem gehen viele Menschen zu spät zum Hörakustiker.

Frickel: Ja, leider. Von den etwa 5,4 Millionen Hörgeschädigten in Deutschland sind nur 3,5 Millionen versorgt. Dabei bestätigen uns die Kunden, wie belastend die Schwerhörigkeit ohne Hörversorung für sie war. Sie sagen, dass sie sich abends fix und fertig fühlten, unkonzentriert, und schlecht schliefen. So eine Hörminderung ist dreimal schlimmer als schlechtes Sehen, weil die ganze Kommunikation nicht mehr stimmt. Ständig müssen sich die Betroffenen fragen, ob sie richtig verstanden haben, sie sind angespannt. Viele ziehen sich zurück, weil sie sich für ihr ständiges Nachfragen schämen.

Gefahr von Demenz steigt bei schlechtem Hören

DHZ: Sozialer Rückzug und schlechtes Hören gelten auch als Risiko­faktoren für Demenz. Wie wissenschaftlich seriös ist diese Behauptung?

Frickel: Es gibt mehrere internationale Studien zu diesem Thema, teilweise über mehrere Jahre und mit großen Teilnehmerzahlen. Dennoch nennen wir sie nicht valide, denn die Autoren stellen selbst fest, dass weitere Untersuchungen und Forschungen nötig sind. Es wird aber immer wahrscheinlicher, dass eine frühzeitige Hörsystemversorgung die Entwicklung von Demenz beeinflussen kann.

DHZ: Warum?

Frickel: Bei einem Hörverlust fallen einzelne Frequenzen weg und mit ihnen bestimmte Buchstaben wie „S“, „T“ oder „F“. Unser Gehirn muss dies kompensieren. Einige Wissenschaftler denken, dass diese höhere kognitive Belastung das Erinnerungsvermögen belastet. Andere gehen von einer veränderten Gehirnstruktur durch die höhere kognitive Belastung aus.

DHZ: Aber ist der Hinweis auf Demenz nicht Werbung mit der Angst?

Frickel: Wir werben ganz bewusst nicht mit dem Thema, sondern mit unserem Beitrag zur Prävention. Unsere Aussage ist: Schütze dein Gehör und mache es rechtzeitig. Denn mit der Hörversorgung können wir Menschen aus ihrem Schneckenhaus herausholen. Wenn sie wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und aktiv bleiben, hält sie das auch geistig fit.

Hörakustiker psychologisch geschult

DHZ: Ein Garant gegen Demenz ist das trotzdem nicht.

Frickel: Nein. Aber gerade wenn jemand eine Demenz entwickelt, ist gutes Hören wichtig, damit Informationen ans Gehirn kommen.
Viele Patienten betreuen wir vor ihrer Erkrankung und sehen ihre Entwicklung. Hörakustiker sind geschult, zu erkennen, ob ein Hörverlust den Patienten beeinflusst oder ob ein anderes Problem vorliegt. Dann verweisen wir an Fachärzte wie HNO-Ärzte, Neurologen oder andere. Wir arbeiten interdisziplinär.

DHZ: Die wenigsten Menschen gestehen ihren Hörverlust gerne ein; das Thema Demenz ist noch sensibler. Wie lernen Hörakustiker, damit umzugehen?

Frickel:
Unsere Lehrlinge lernen das bereits in der Ausbildung. Sie haben Psychologieunterricht, sie werden in Psychoakustik geschult und auch im Umgang mit an Demenz Erkrankten. Trotzdem muss immer ein Meister dabei sein, wenn demente Kunden zu uns kommen.
Technisch ist die Herangehensweise bei Demenzpatienten ähnlich wie bei Kindern. Kinder können sich noch nicht ausdrücken; Demenzpatienten können sich ab einem gewissen Stadium nicht mehr ausdrücken. Wir können die Hörminderung trotzdem sehr genau messen – es dauert nur etwas länger und manchmal müssen wir dafür zu dem Patienten nach Hause kommen, damit er in seinem gewohnten Umfeld bleiben kann. Zum Glück tragen das immer mehr Kassen mit.

Hohe Ausbildungsrate bei Hörakustikern

DHZ: Die Zahl der Kunden wächst. Können die Hörakustiker das überhaupt stemmen?

Frickel:
Ja. Wir haben eine Ausbildungsquote von über 20 Prozent und die Auszubildendenzahlen steigen. Jedes Jahr fangen über 1.000 junge Leute ihre Lehre in der Hörakustik an. Aktuell sind es 3.200.
Auch unter den Kunden finden sich immer mehr Jüngere. Viele wünschen sich Gehörschutz für Konzerte. Aber auch die Scheu, Hörgeräte zu tragen, scheint gesunken zu sein.

DHZ: Sie selbst haben sich vor 40 Jahren selbstständig gemacht. Was hat sich seither verändert?

Frickel:
Als ich 1976 meine Meisterprüfung machte, hatten wir noch Hörgeräte, an denen wir mit einem Schraubendreher den Schall regulierten, so gut es eben ging. Heute programmieren wir die Hörgeräte am Computer und HandyApps ­ermöglichen dem Kunden individuelle Einstellvarianten, die zukünftig auch Sprachen übersetzen können! Die Innovationszyklen in unserem Handwerk sind immer schneller geworden, wir haben einen rasanten Wandel und das liebe ich an meinem Beruf.

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