Unser Kolumnist Stefan Galler rätselt über kuriose Mainzer Fans und ihren möglichen Anteil am Phänomen eines unerwartet erfolgreichen Bundesligastarts, die ausgeglichene Bremer Transferliste und die trotz des Schalker Abwehrschlamassels immer noch erstaunliche Ausgeglichenheit des Knappen-Trainers.
Höhenflug der Harlekine, Ballacks Blessur und Magaths Magerbilanz
Meisterbetrieb: Durchgeknallt und nicht zu stoppen
Dass sie in Mainz ein bisschen anders sind als in anderen Gegenden ist hinlänglich bekannt. Wer dem Irrglauben anhängt, dass sich die Eigenheiten dieses Völkchens auf die Zeit zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch beschränken, muss nur mal bei einem Heimspiel des FSV Mainz einen Blick ins Bruchwegstadion werfen. Da sitzen geschminkte Harlekine im Publikum, Fußballer hängen nach dem Match am Zaun und grölen Humba Tätärää und die Fankurve fabriziert aufwendige Choreographien, die man gut und gerne als Kulissen für einen Sandalenfilm gebrauchen könnte. Für das Rheinland-Pfalz-Derby gegen Kaiserslautern hatten sie das Mainzer Schloss nachgebaut und dem Erzrivalen das schöne Spruchband „Wir bringen Euer Herzblut dar, auf unserem goldenen Altar“ gewidmet. Nett wäre auch gewesen: „Ihr Gäste aus dem Pfälzerwald, wir sind so schrecklich durchgeknallt.“ Oder: „Mainz bleibt Mainz und wir sind malle, trotzdem machen wir euch alle.“ Dass Wahnsinn jedoch nicht vor Erfolg schützt, zeigt die unfassbare Zwischenbilanz der 05-er nach drei Spielen: Neun Punkte und Platz zwei stehen zu Buche, Trainer Thomas Tuchel ist drauf und dran, die Königsweihe von Vor-Vorgänger Jürgen Klopp zu erben und mit Youngster Schürrle steht ein Juwel im Kader, für den angeblich schon Manchester United zehn Millionen Euro geboten hat. Dass die Engländer den 19-Jährigen als Stimmungskanone für die Aktionärsversammlung haben wollen, ist übrigens nur ein Gerücht.
Gesellenstück: Niete im Transfer-Endspurt
Mit den Last-Minute-Transfers ist es so eine Sache: Oftmals handelt es sich bei den mit heißer Nadel gestrickten Neuverpflichtungen kurz vor dem Ende der Wechselperiode weniger um gefeierte Heilsbringer als vielmehr um ziemliche Rohrkrepierer. Beim SV Werder haben sie wohl mit dem Franzosen Mikael Silvestre in der Schnäppchenlotterie eine astreine Niete gezogen. Der einstmals in der Premier League umjubelte Linksverteidiger offenbarte beim 0:0 gegen die Bayern erschreckende Defizite in allen Bereichen. Zum Glück für die Nordlichter bemerkten die Münchner nicht, dass der Gegner zu zehnt angereist war – obwohl Silvestre jeden Ball und Zweikampf verlor und wirkte wie ein Kreisklassenkicker, der beim Bingospielen einen Einsatz in einem echten Bundesligamatch gewonnen hat. Da scheint der brasilianische Mittelfeldspieler Wesley schon eher einer zu sein, wenn er denn eines Tages den körperlichen Anforderungen der Bundesliga entspricht. Nach 60 Minuten plagten den Zugang vom FC Santos schon Wadenkrämpfe, vermutlich ist er das hierzulande gefragte Laufpensum aus der Copacapana-Liga nicht gewöhnt. Auf irgendwelche Transferexperimente lässt man sich beim Rekordmeister nicht ein, ein derartiger Volltreffer wie Arjen Robben aus dem Vorjahr ist schließlich nicht jede Saison auf dem Basar erhältlich. Also rein ins neue Spieljahr mit der gleichen Truppe wie zuletzt – und nach drei Spielen mit Magerbilanz: Vier Punkte, unteres Tabellendrittel. Die Feierbiester haben Katerstimmung – und Ladehemmung: Vorne trifft keiner was, auch nicht der zuletzt hochgelobte Klose oder Gomez, der kurz vor Schluss des Bremen-Spiels den Sieg auf dem Fuß hatte und kläglich vergab. Der 40-Millionen-Mann wirkt weiterhin wie ein Last-Minute-Fehleinkauf.
Erstes Lehrjahr: Stehgeiger liegt flach
Jetzt hat es den Capitano also schon wieder erwischt: In Hannover wurde Leverkusen-Rückkehrer Michael Ballack von Sergio Pinto hundsgemein vom Platz getreten. Diagnose: Fraktur des Schienbeinköpfchens, fünf bis sechs Wochen Pause. Nur gut für den wackeren Pinto, dass nicht demnächst eine WM ansteht – womöglich würde ihn der Volkszorn genauso böse treffen wie einen Prinzen namens Kevin Boateng, der Ballack vor den Welttitelkämpfen in Südafrika in den Krankenstand bugsiert hatte. Dabei behaupten böse Zungen, dass Ballack ganz allein selbst an seinen fortwährenden Verletzungen schuld hat: Es liege daran, dass er mittlerweile so langsam geworden sei, dass er nicht einmal den plumpsten Attacken mehr ausweichen könne, sagen diese fiesen Spötter. Da kann man dem sächsischen Stehgeiger nur wünschen, dass er – sollte er sich einmal zu einem Gastspiel in fremden Betten entscheiden –, schneller aus dem Quark kommt, wenn sich gehörnte Ehemänner nähern. Sonst verpasst er künftig vielleicht noch mehr als nur die nächste WM.
Zwei linke Hände: Felix-Vereine unter sich
Nicht Neues von den Schlamassel-Schalkern: Der bunte und mittlerweile etwas unübersichtliche Haufen wurde zuletzt noch um das ebenso teure wie internationale Trio Huntelaar – Jurado – Plestan ergänzt. Besser gemacht hat das die Magath-Elf bislang nicht. Die Abwehr ist weiterhin ein Schwimmverein, im Mittelfeld tauchen die einstigen Größen bevorzugt ab und vorne laufen die Stürmer spätestens beim gegnerischen Torwart auf Grund. Also Land unter beim Vizechampion nach drei Pleiten in Folge. Doch der Maestro zeigte sich nach der 0:2-Pleite am Freitag in Hoffenheim milde gestimmt und sprach davon, „zufrieden“ zu sein. Der dreifache Meistermacher begnügt sich nach drei Spieltagen mit null Zählern, so schnell schrumpfen die Ansprüche, wenn man sich in einer Aura bewegt, die seit über 50 Jahren ans Verlieren gewöhnt ist. Und außerdem, was soll sich Magath grämen: Die Bilanz seiner Ex-Klubs Wolfsburg und Stuttgart ist auch nicht besser. Sie sind im Gegensatz zu den bettelarmen Schalkern zwar finanziell bumperlgesund, aber punktemäßig ebenfalls total abgebrannt. Und so ziert die Troika der hochgewetteten Felix-Vereine einträchtig das Ende der Rangliste. In der Hoffnung, dass sich alles noch zum Guten wendet.