An das Wetter anpassen müssen Dachdecker ihre Arbeiten schon immer. Hitze und Starkregen werden trotzdem zu einer immer stärkeren und vor allem unplanbaren Herausforderung. Der Klimawandel fordert vom Dachdeckerhandwerk einen organisatorischen Aufwand und die Anpassung der Arbeitszeitmodelle. Betriebe berichten aus der Praxis.

Immer wieder Regen und das mitten im Juli. Geplante Dachsanierungen sind dann schwer durchzuziehen. Ist das Dach einmal offen, müssen die Dachdecker schnell sein mit dem Rückbau und vor allem dann, wenn sie neue Dämmung einbauen und das Dach wieder schließen müssen, bevor eventuell ein Sturm aufzieht. In einem Instagram-Reel beschreibt Dachdecker Andreas Mertl aus dem bayerischen Kirchdorf an der Amper, wie der Sommer 2024 bei ihm startete – und vor allem, wie unplanbar er ist.
Jetzt Ende Juli sind zwar die Temperaturen deutlich gestiegen, und es regnet kaum. Doch auch die Hitze macht es den Handwerkern nicht leicht. Sie müssen die trockene Zeit nutzen, um Aufträge abzuarbeiten. Bei 30 Grad Celsius in Gärten, auf Straßen und überall dort, wo wir normalerweise gehen, fahren und stehen, sind es auf dem Dach schnell bis zu 50 Grad. Das Arbeiten wird zur Herausforderung.
Hitze und Starkregen fordern das Dachdeckerhandwerk heraus
Zwar ist das Dachdeckerhandwerk die Wetterabhängigkeit gewöhnt, dennoch werden die Unplanbarkeiten immer größer. Das beobachtet auch Ulrich Marx, der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH). Der Klimawandel sei für seine Branche ein Riesenthema. 2024 zeigt sich vieles, was aber schon seit einigen Jahren an Bedeutung gewinne: die starke Hitze auf dem Dach und dazu Extremwetter wie Starkregen und Fluten. Dann kommen zu den schon schwer planbaren Arbeiten auch noch Notfälle hinzu, wenn Gewitterstürme Dächer abdecken oder beschädigen.
Jetzt im Hochsommer sind es allerdings die zunehmend heißeren Temperaturen, die den Betrieben und deren Mitarbeitern zu schaffen machen. Zwar steigt nach Ansicht von Ulrich Marx das Bewusstsein dafür, dass mit der Hitze und der Sonnenstrahlung auch Gesundheitsgefahren zunehmen. Um darauf hinzuweisen hat der Verband gemeinsam mit der Berufsgenossenschaft BG Bau Pakete für die Betriebe zusammengestellt, die unter den Mitarbeiter verteilt werden. Sie enthalten UV-Schutz-Hüte, Sonnencreme und Trinkbecher. Der Hauptgeschäftsführer erlebt allerdings keine so große Begeisterung, dass diese Dinge genutzt würden. "Leider gibt es auch noch diejenigen, die sagen, dass man doch als Dachdecker im Sommer so schön braun wird und die extra in die Sonne gehen", sagt Marx.
Besser angenommen würde es, wenn man Arbeitszeiten an die Hitze anpasse bzw. an Wettersituationen. An besonders heißen Tagen müssen die Arbeiten auf den Dächern manches Mal eingestellt oder unterbrochen werden. Aber wer bezahlt dann für den Arbeitsausfall?
Hitze und Starkregen: Sozialkasse bezahlt für den Arbeitsausfall
Schon vor vier Jahren hat der Verband mit der Gewerkschaft IG Bau eine Vereinbarung getroffen, dass es für einen witterungsbedingten Arbeitsausfall auch außerhalb der Winterzeit eine Ausgleichszahlung gibt. Dieses übernimmt die Sozialkasse des Dachdeckerhandwerks, die Soka Dach. Dabei bekommen die Arbeitgeber einen Großteil des Lohns erstattet, den sie an die Mitarbeiter auszahlen, auch wenn diese nicht arbeiten können. Nach Angaben von Ulrich Marx ist dieses branchenspezifische Sommer-Ausfallgeld sehr unbürokratisch organisiert und es wird gut angenommen. "Die Arbeitgeber müssen Ausfallzeiten einfach mit der normalen Monatsmeldung angeben, die sie sowieso an die Sozialkasse richten", sagt der Hauptgeschäftsführer.
Aktuell wird auch über ein generelles Sommer-Kurzarbeiteregeld (Sommer-Kug) für die ganze Baubranche nach dem Vorbild der Dachdeckerbranche diskutiert. Doch ob es umgesetzt wird, ist noch unklar. Der politische Prozess dazu beginnt derzeit erst.
Wegen der Hitze ab 5 Uhr auf den Baustellen
Doch auch wenn Ausfallzeiten teilweise erstattet werden, profitieren die Betriebe stärker, wenn sie Aufträge regulär abarbeiten können. Und dafür ist von ihnen und den Mitarbeitern immer mehr Flexibilität gefordert – und ob man die Ausfallzahlungen nutzen möchte, kommt natürlich darauf an, wo und wie man arbeitet. Klar ist aber, dass die Betriebe immer flexibler reagieren und planen müssen – sowohl was die Aufträge betrifft, als auch die Arbeitszeiten der Mitarbeiter.
Viele gehen dazu über, morgens sehr früh anzufangen, wenn es am Tag sehr heiß werden soll. Das berichtet auch Dachdecker-Unternehmer Florian Hemmersbach, der gemeinsam mit seinem Bruder Lukas einen Betrieb mit mehr als 50 Mitarbeitern in Köln führt. "Wenn es geht, sind wir manches Mal ab 5 Uhr auf den Baustellen", sagt er. Den meisten seiner Leute sei es lieber, die Morgenstunden zu nutzen, um dann auch früher Feierabend zu haben, als etwa mittags eine lange Pause zu machen. Denn auch diese Überlegungen gibt es, eine Art Siesta einzuführen wie in den südlichen Ländern Europas.
Der frühe Start auf einer Baustelle, ist allerdings nicht immer und nicht überall möglich. Das betrifft vor allem Sanierungen und das Bauen im Bestand. Denn als Handwerksbetrieb ist man an die kommunalen Lärmschutzbestimmungen gebunden. Diese erlauben es in Wohngebieten oftmals erst, ab 6 Uhr oder 7 Uhr mit Arbeiten zu beginnen, die Lärm verursachen. Also ist auch hier eine flexible Planung notwendig.
Siesta im Dachdeckerhandwerk: Mitarbeiter eher dagegen
In den Mittagsstunden eine lange Pause einzulegen und dafür abends länger zu arbeiten – auch dieses Modell stößt schnell an Grenzen. Arbeitszeiten zu splitten, wäre – wenn überhaupt – ein Thema für kleinere, regional tätige Betriebe, sagt auch Ulrich Marx. "Wenn die Mitarbeiter in der Pause problemlos nach Hause fahren können und dann ein paar Stunden später wiederkommen, ist das für viele in Ordnung. Wenn man die Zeit aber nicht nutzen kann, wird es schwierig, dafür eine Akzeptanz zu bekommen", sagt Marx. Im Schnitt hätten die Betriebe seiner Branche 5,5 Mitarbeiter, also gehören viele kleine Firmen dazu. Gerade diese seien auch besonders kreativ, neue Arbeitsmodelle und Arbeitszeitmodelle zu entwickeln – und individuelle Lösungen für die Mitarbeiter.

So ist in der Branche die 4-Tage-Woche immer beliebter – inklusive längerer Arbeitszeiten an den vier statt fünf Arbeitstagen. Wenn ein Dach wie etwa bei einer Sanierung erst einmal geöffnet ist, heißt es für die Dachdecker auch ranklotzen, denn keiner weiß, wann der nächste Regenschauer kommt. War es für Florian Hemmersbach vor einigen Jahren noch normal, dass man auch mal ein Dach im Juli und August über Nacht offenlassen konnte, so geht es dieses Risiko heute nicht mehr ein. "Das Problem ist die Unbeständigkeit des Wetters", sagt er. "Wir sind immer darauf eingestellt, alles wieder umzuplanen, weil es plötzlich doch wieder tagelang regnet oder extrem heiß wird."
Weder das ehe trübe Wetter noch die Hitze an sich bewertet er als die größte Herausforderung. Dass es aber kaum eine Woche ohne starke Schwankungen gibt, mache das Planen schwierig. "Der Lohn der Mitarbeiter ist zwar über die Sozialkasse abgesichert und auch die Kunden sehen es meistens ein, wenn wir die Arbeiten unterbrechen oder verschieben müssen, aber wir müssen dann ständig alles erklären, Schlechtwetterberichte schreiben und haben damit viel mehr Arbeit", berichtet der Handwerksmeister. Seine Mitarbeiter müsse er dann bei Laune halten. Bei großer Hitze macht er das auch gerne mal mit einem Eis, das er zur Baustelle bringt. In den Baucontainern für die Pausen hat er Kühlschränke mit kalten Getränken aufgestellt.
Aufträge verschieben und unterbrechen: Hitze und Starkregen als Herausforderung
Dass es vor allem ein Mitarbeiterthema ist, also Arbeitszeiten zu organisieren, Gesundheitsgefahren zu senken und die Motivation aufrechtzuerhalten, sieht auch Ulrich Marx so. Flexibilität sei im Dachdeckerhandwerk zwar schon immer gefragt, da die Arbeiten immer witterungsabhängig sind. Aber die Herausforderungen würden zunehmen. So hört auch der Verbandsvertreter von den Betrieben kaum, dass es ein Unverständnis von Seiten der Kunden gebe, wenn Aufträge aufgrund des Wetters verschoben oder unterbrochen werden müssen. Das betreffe aber vor allem die privaten Bau- und Sanierungsvorhaben, die etwa 75 Prozent des Auftragsvolumens der Branche ausmachen. Bei größeren, gewerblichen Projekten sei es schon manches Mal schwieriger – und kostspieliger –, wenn es zum Stocken kommt oder wenn Abläufe mittendrin neu organisiert werden müssen.

Auch beim Thema Fachkräftemangel kann er Entwarnung geben. Dass die Abhängigkeit vom Wetter und das Arbeiten im Freien bei unsicherem Wetter junge Menschen abschreckt, erlebt Marx nicht. Im Gegenteil. Die Azubi-Zahlen steigen in der Branche seit einigen Jahren wieder. "Seit 2017 verzeichnen wir wieder eine zunehmende Nachfrage und wir erleben, dass viele junge Menschen aktiv etwas tun wollen – draußen, als Klimahandwerker, der dämmt, PV-Anlagen aufbaut und saniert", berichtet er.
"Wir haben mehr Ausfalltage im Sommer als im Winter"
Die Schwierigkeiten liegen also eher dabei, den Arbeitsalltag anzupassen und noch viel flexibler zu gestalten. "Seit etwa zehn Jahren haben wir mehr Ausfalltage im Sommer als im Winter", berichtet auch Henning Hanebutt. Der Dachdeckermeister aus Neustadt in Niedersachsen sieht es daher als Aufgabe der Betriebsinhaber an, sich sowohl mehr Gedanken über Arbeitszeitmodelle zu machen, mehr mit seinen Mitarbeitern und deren Bedürfnisse zu sprechen als auch mit Auftraggebern und beispielsweise deren Anwohnern, damit Arbeiten auch dann ausgeführt werden können, wenn es das Wetter gerade erlaubt.
Im Betrieb von Hanebutt gibt es bereits Mitarbeitern bzw. ganze Trupps, die in einer 4-Tage-Woche arbeiten. Insgesamt würden Arbeitnehmer heute mehr Wert darauf legen, Arbeit, Familie und Freizeit gut miteinander kombinieren zu können und auch darauf müsse man mehr Rücksicht nehmen.