Meterlanger Wissensschatz Historische Meisterrolle als Zeugin der Zeit

Der Einband ist abgewetzt, die Kanten tragen die Spuren von 125 Jahren: In der alten Meisterrolle der Handwerkskammer Mannheim steckt gelebte Handwerksgeschichte. Sorgfältig von Hand geführt, bewahrt sie die Namen der Meister aus den Anfangsjahren. Was die historischen Meisterrollen über verschwundene Berufe, den Wandel im Handwerk und erste Meisterinnen verraten.

Historische Meisterrolle
Reihe für Reihe fein säuberlich beschrieben zeugt die Meisterrolle der Jahre 1901 bis 1925 von Handwerksleistungen und Menschen ihrer Zeit. Im Jahr des 125-jährigen Bestehens der Handwerkskammer in Mannheim ist das Buch ein Relikt aus Anfangstagen. - © Handwerkskammer Mannheim

Der Einband ist schon ziemlich abgegriffen. An den leinenverstärkten Kanten schimmert der dicke Karton durch, der die Buchseiten im Inneren schützt. 125 Jahre haben ihre Zeichen hinterlassen. So alt ist das Buch mit dem schwarzen Deckel, bei dem nicht nur die Gebrauchsspuren auf der Oberfläche Geschichten erzählen. Man möchte es mit Samthandschuhen anpacken, wenn man es vorsichtig aufschlägt und das Knistern von Papier die Sorge verstärkt, dass das kostbare Stück womöglich auseinanderfällt. Denn innendrin ist noch viel mehr Geschichte nachzulesen. Verewigt sind die Meister aus den Anfangstagen der Handwerkskammer in Mannheim. Ein Relikt der Kammergeschichte. Meisterrolle 1901 – 1925 hat jemand handschriftlich in aller Sorgfalt in das Etikettenfeld geschrieben. Heute macht das niemand mehr mit Stift auf dem Papier. Die Rolle lässt sich nicht mehr anfassen. Sie ist digital geworden.

Bewahrt im Archiv

Verloren sind die Unterlagen aus den Tagen vor dem Computer-Zeitalter aber nicht. Nicht nur die erste Meisterrolle mit den Prüfungseintragungen zwischen 1901 und 1925 ist erhalten geblieben. Im Jubiläumsjahr 2026, dem 125-jährigen Bestehen der Handwerkskammer Mannheim, lässt sich vieles noch nachschlagen. Zwar nicht am Kammersitz in der Quadratestadt – da ist das Meisterbuch doch eine Ausnahme. Wohl aber im Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, dem WABW, das seinen Sitz in den Räumen der Universität Hohenheim in Stuttgart hat. Als zentrales Archiv für Quellen aus dem Wirtschaftsleben Baden-Württembergs sammelt, bewahrt und erschließt es seit seiner Gründung im Jahr 1980 historisch wertvolle Unterlagen von Unternehmen, Kammern, Verbänden und Privatpersonen und macht diese für Forschung, Öffentlichkeit und Institutionen zugänglich.

Mittlerweile sind Unterlagen von 768 Firmen, Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern, Verbänden und Privatpersonen zusammengekommen. Macht insgesamt 14.000 laufende Meter Archivakten aus. Allein die Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald belegt aktuell 93 laufende Meter Archivgut vor Ort mit Unterlagen aus dem Zeitraum 1901 bis 2023.

Die Meisterrolle
Die Rolle ist eigentlich ein Buch, wie sich hier unschwer erkennen lässt. So sieht das erste Meisterverzeichnis der Handwerkskammer Mannheim von außen aus. - © Handwerkskammer Mannheim

Offenbart Geschichte

Das gebundene, schwarze Meisterbuch ist gerade einmal zwei Zentimeter dick. Die innenliegenden Blätter haben ein stolzes DIN-A3-Maß von 42 auf 29,7 Zentimeter, Zeile für Zeile sorgfältig mit Tinte in alter Sütterlinschrift beschrieben. Unwissende brauchen ihre Zeit, um jedes Wort zu entziffern. Doch der verborgene Wissensschatz lohnt alle Mühe. Wir erfahren, dass aus den Jahrgängen 1901 und 1902 die Unterlagen "infolge Kriegseinwirkung" fehlen. Können nachzählen, dass im ersten voll erfassten Meistergang des Jahres 1903 insgesamt 31 Handwerker zu Meisterehren kamen. 1904 waren es auf einen Schlag 164.

Damen holen auf

Im meisterstarken Jahrgang 1913 erhielten sage und schreibe 799 Handwerker ihren Meisterbrief. Einer der gefragtesten Berufe aus jenem Jahr: Damenschneider. 49 Meisterprüflinge sind zu zählen. Und dabei sind die 50 Schneider, die an anderer Stelle niedergeschrieben wurden, gar nicht beinhaltet. Die Differenzierung scheint in erster Linie im Geschlecht zu liegen. Denn bei den 49 Damenschneidern handelt es sich tatsächlich ausschließlich um Damen und damit erstmals um eine bemerkenswerte Anzahl von Frauen, die nicht nur die Aus-, sondern auch die Weiterqualifizierung bei der Handwerkskammer in Mannheim erfolgreich absolvierten.

Man liest Berufsbezeichnungen, die man heute nur noch vom Hörensagen kennt wie Tüncher, Schriftenmaler, Küfer, Mühlenbauer, Seifensieder oder Wagner. Und wird Zeitzeuge, wie Bedarfe sich im Laufe vieler Jahrzehnte geändert haben, wenn einst starke Berufe heute nur noch Randerscheinung sind. Ein Blick 120 Jahre zurück ins Jahr 1906 verrät, dass in nur einem Jahr fünf Schuhmacher ihren Meister machten – wenngleich auch drei davon mit dem weniger schmeichelhaften Leistungsvermerk "genügend". Heute lässt sich kaum noch ein Schuhmacher finden. Der Beruf droht langsam zu verschwinden. Auch vier Buchbinder gab es einst im Meisterjahrgang 1904. Heute zählt hier jeder einzelne, der den Beruf noch erlernt.

Die erste Meisterin

Die allererste Frau des Kammergebiets, die einen Meisterabschluss erwarb, ist übrigens im Jahr 1909 datiert. Und nein, es war keine Damenschneiderin, wie dies auch Diana Klein, wissenschaftliche Mitarbeiterin des WABW, erwartet hätte. Die erste Frau mit Meistertitel bei der Handwerkskammer Mannheim war Kunst-Töpferin und bekam ihren Brief im Alter von 30 Jahren. Die Prüfung bestand sie nicht nur erfolgreich, sondern mit der Bestnote "sehr gut" in allen drei dafür erforderlichen Teilen, die sich zusammensetzten aus dem Meisterstück, der theoretischen Fachprüfung sowie Buchführung, Wechsellehre, Kostenberechnung und Gewerbekunde. Wie ungewöhnlich zum damaligen Zeitpunkt der Umstand war, dass sich eine Frau der Meisterprüfung stellte, lässt sich dem Protokoll über die Meisterprüfung der Handwerkskammer Mannheim entnehmen. Der Vordruck sah für den Eintrag des Namens nämlich nur "Herrn" vor, was durchgestrichen wurde, um handschriftlich "Fräulein" danebenzuschreiben. Das Prüfungsprotokoll, auf dem auch die vier Mitglieder der Prüfungskommission und ihr Vorsitzender nachzulesen sind, wurde am 13. März 1909 in Mosbach unterzeichnet – ein bedeutendes Zeugnis der frühen Handwerks- und Frauengeschichte im Kammergebiet.

Zeugen ihrer Zeit

Noch immer sind all diese Unterlagen auch für die heutige Arbeit der Handwerkskammer in Mannheim relevant, da erst seit 2000 Unterlagen und Prüfungsergebnisse direkt über das EDV-System der Handwerkskammer abrufbar sind. Irgendwann einmal werden die historischen Protokoll- und Rollen-Bücher nur noch ein Zeitrelikt für geschichtliche Aufarbeitungen sein. Ihren Wert, als Zeitzeugen zu sprechen und Entwicklungen zu offenbaren, werden sie nie verlieren. Auch nicht ihre Wirkung, wenn künftige Generationen, vielleicht noch vorsichtiger, die Buchdeckel aufschlagen und erstaunt auf die verschnörkelten Buchstaben blicken, die Namen, Daten und Geschichten aus vielen Leben zuvor erzählen.