Kolumne Hilfe, mein Azubi lügt mich an: So lösen Sie die Situation

Weder in der Ausbildung, noch danach ist es eine gute Idee, die Unwahrheit zu sagen. Das zeigte einmal mehr der Fall einer Feinoptikerin, die ihre Auszubildende beim Lügen erwischte. In seiner Kolumne erklärt Ausbildungsberater Peter Braune, wie Lügner überführt und nach Ursachen geforscht werden kann.

Anders wie bei Pinocchio, sind lügende Lehrlinge nicht immer so leicht zu entlarven. - © easyclickshop - stock.adobe.com

Auf die Frage, was gestern im Unterricht behandelt wurde, beschrieb eine junge Auszubildende das angeblich behandelte Thema. Ihre Ausbilderin, eine Feinoptikerin, wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, dass ihr Lehrling die Berufsschule geschwänzt hatte. Eine Lehrerin hatte sich telefonisch nach dem Verbleib der Auszubildenden erkundigt. An den letzten drei Berufsschultagen sei sie unsichtbar geblieben.

Es wird wohl so sein, dass sehr viele Lügen selbst dem geschulten Auge entgehen. Hier zeigte sich wieder einmal, je enger die Beziehung zwischen dem Ausbilder und den Lehrkräften in der Berufsschule ist, desto schwerer wird es den jungen Leuten fallen, in solchen oder ähnlichen Fällen zu lügen. Das gilt übrigens auch für innerbetriebliche Beziehungen. Sind diese gut, finden die Jugendlichen schneller den Weg zu einer notwendigen Aussprache und gestehen falsches Verhalten eher ein.

Was tun, wenn der Azubi lügt?

Doch kommen wir zurück zu unserem Fall. Wie können Ausbilder in einer entsprechenden Situation handeln? Mein Rat: Den Sachverhalt und die Ungereimtheiten zunächst einmal sehr genau prüfen, um unberechtigte Vorwürfe zu vermeiden. Für eine vertrauensvolle Atmosphäre sollte die Ausbilderin ungestört mit der Auszubildenden reden, am besten unter vier Augen. Die möglichen Unwahrheiten sollten direkt angesprochen werden.

Gegebenenfalls führt das dazu, dass die Auszubildende Gefühle wie Trauer, Wut und Enttäuschung zeigt. Zunächst sollte auf die üblichen Androhungen möglicher Folgen verzichtet werden, da immer die Wiederherstellung des Vertrauens im Mittelpunkt stehen sollte. Der Auszubildenden sollte sie mehrere Möglichkeiten geben, zur Wahrheit zurückzufinden. Auf jeden Fall gilt es die Situation zu entschärfen und ein Entgegenkommen zu signalisieren. Der jungen Frau wird auch erklärt, warum das unbedingte Vertrauen so wichtig ist. Wenn sie die Lüge zugibt, wäre es sinnvoll, dass die Meisterin sie dann für das Verhalten lobt und am Anfang keine zu harte Strafe verhängt.

Auf der Suche nach den Ursachen

Wer belogen wird, ist dafür manchmal mitverantwortlich. Manche Meister fordern die Lügen geradezu heraus, wenn sie Fehler sofort bestrafen, selbst immer das Richtige tun und immer alles besser wissen. Wenn so etwas passiert, sollte auch im Ausbildungsbetrieb nach den Ursachen für das Verhalten der Lehrlinge geforscht werden.

In unserem Fall dürfte Überforderung wohl eher nicht der Grund gewesen sein. Die Anforderungen an die Auszubildende waren nicht zu hoch. Eine Unterforderung könnte schon eher der Grund sein. Die Aufgaben sind zu einfach oder es gibt nicht genügend ausbildungsrelevante Tätigkeiten? Das führte zur Langeweile und Frustration.

Die Ursache kann aber auch mit Problemen mit anderen Lehrlingen zusammenhängen. Konflikte sind nicht selten. Häufig wird um Anerkennung gerungen oder es liegen persönliche Abneigungen vor. Ein Streit kann zu Frust und Desinteresse führen, was dann eine Lüge begünstigen kann.

Ein Grund kann auch die angestaute Abneigung sein, die sich im Verlauf der Lehrzeit gegenüber der Meisterin aufgebaut hat, weil die Zuneigung und Wertschätzung füreinander fehlen. Die Lehrlinge sind das schwächste Glied im Unternehmen. Dies lassen die alt eingesessenen Beschäftigten hier und da gerne raushängen. Die jungen Leute wissen sich dann häufig nicht zu helfen. Mit ausreichender Zeit können diese Ursachen geklärt werden, wie zum Beispiel der Wunsch nach Anerkennung, die Angst vor Kritik, die Unsicherheit oder Überforderung im Ausbildungsverlauf.

Im wiederholten Fall: schriftliche Abmahnung

Die Meisterin sollte prüfen, welche Bedeutung der Grund der Lüge für die weitere Zusammenarbeit hat. Hilfreich wäre auch ein Vertrauensvorschuss, sie sollte möglichst nicht nachtragend sein. Zukünftig muss sie unbedingt die Gesprächsebene pflegen, um das gegenseitige Vertrauen zu stärken. Den mündlichen Bemühungen kann, im wiederholten Fall, die schriftliche Abmahnung folgen, in der die Gründe erläutert werden. Für den weiteren Verlauf der Ausbildungszeit wäre ein offener Umgang mit den Fehlern der Auszubildenden ratsam.

Lügen entlarven: Den Azubi in umgekehrter Reihenfolge erzählen lassen

Manchmal sind die lügenden Lehrlinge nicht so leicht zu entlarven. Hier helfen offene Fragen weiter. Mit ihnen werden die jungen Menschen ermutigt, ausführlich zu erzählen. Die Verantwortlichen achten dann auf Widersprüche. Gibt es die in dem, was andere erzählen? Gibt es die Widersprüche zwischen dem, was da so erzählt wird und dem was schon vorher bekannt war?

Im einen oder anderen Fall hilft zudem die unerwartete Frage zu unerwarteten Themen und Gesichtspunkten, aber auch zu einer unerwarteten Zeit. Wer das Ereignis nachvollziehen will, lässt es sich nicht Schritt für Schritt von Anfang bis Ende erzählen, sondern genau anders herum, in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge. Wenn ein Auszubildender lügt, fällt es so schwerer, den Ablauf im Kopf zu behalten.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.