Berufsbildungs- und Technologiezentrum Hightechstätte fürs Handwerk: Lernen von morgen schon heute

Modernste CNC-Maschinen, VR-Technik und Schweißroboter – das neue Berufsbildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer für ­Schwaben zeigt, wie die Aus- und Weiterbildung im Handwerk zukünftig aussehen muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Das neue Berufsbildungs- und Technologienzentrum der HWK Schwaben hat fast 50 Millionen Euro gekostet. Das Gebäude wirkt von außen schlicht, bietet ­hinter der Fassade aber Werkstätten vom Allerfeinsten für die Ausbildung im Handwerk. - © bild-text-ton.de

Ein Standard-Fußballfeld misst 105 mal 68 Meter, was einer Fläche von 7.140 Quadratmetern entspricht. Eine vergleichbare Nutzfläche bietet auch das neue Berufsbildungs- und Technologiezentrum (BTZ) der Handwerkskammer für Schwaben. Der Vergleich verdeutlicht die Dimensionen dieses angenehm zeitlos und zurückhaltend gestalteten Gebäudekomplexes in Augsburg. Mit seiner hochmodernen Ausstattung ist ein Aushängeschild für die berufliche Bildung entstanden – nicht nur in Schwaben, sondern für den ganzen Bildungsstandort Deutschland. Knapp 50 Millionen Euro wurden für den Bau des BTZ aufgewendet, der jährlich rund 10.000 Auszubildenden und Meisterkursabsolventen hervorragende Lernbedingungen ermöglichen soll.

Das BTZ wurde innerhalb von rund sechs Jahren errichtet und schließt sich nahtlos an die Gestaltung der Akademie des Handwerks und des Servicezentrums an. Die Bauarbeiten fanden dabei unter erschwerten Bedingungen statt. Denn um den Lehrlingen fortwährenden Unterricht anzubieten, mussten die Bauarbeiten parallel zum laufenden Betrieb in den bestehenden Einrichtungen stattfinden. Eine organisatorische und logistische Mammutaufgabe.

Größte Investition des schwäbischen Handwerks

Nach den Mühen der Arbeit hätte eigentlich schon 2020 die festliche Einweihung stattfinden sollen. Doch aufgrund der Pandemie konnte die Feier mit zahlreichen Gästen aus ­Politik und Wirtschaft erst jetzt nachgeholt werden. Sichtlich stolz und erleichtert zeigte sich die Kammerspitze, dass am Ende alles so gut geklappt hat: "Für das schwäbische Handwerk ist dies die größte Investition in seiner Geschichte und wir sind froh und gleichermaßen stolz, den Nachwuchskräften im Handwerk topmoderne und zukunftsweisende Schulungsmöglichkeiten anbieten zu können", sagte Hans-Peter Rauch, ­Präsident der HWK Schwaben, in seiner Rede.

Der Aufwand scheint sich gelohnt zu haben. Denn hinter der dezenten Gebäudehülle aus Aluminium befinden sich nun die Werkstätten und Schulungsräume für insgesamt acht Fachbereiche des Handwerks, die technologisch alle auf dem neusten Stand sind. Bei einem Rundgang stellte die Handwerkskammer die verschiedenen Einrichtungen im Detail vor.

Besonders imposant ist gleich im Erdgeschoss die Lehrstätte der künftigen Land- und Baumaschinenmechatroniker. In der großen Halle ­stehen mehrere meterhohe Bagger, Traktoren und Schlepper samt Anbaugeräten. Aber auch die unscheinbareren kleineren Arbeitsgeräte, wie zum Beispiel Motorsägen, sind für die fachgerechte Ausbildung der Lehrlinge wichtig. Nur im direkten Umgang mit den Maschinen und Fahrzeugen können die Auszubildenden unter Anleitung der Lehrmeister verstehen, worauf es bei Motoren- und Getriebetechnik, Hydraulik oder auch Elektronik ankommt und wie die einzelnen Bestandteile der Maschinen und Geräte gewartet und repariert werden.

Schweißtechniken im virtuellen Raum erlernen

Unweit entfernt befinden sich auf der selben Ebene des Gebäudes die ­Räumlichkeiten für die angehenden Schweißer. Insgesamt stehen ihnen im neuen BTZ drei Schweißwerk­stätten mit insgesamt 36 Arbeitsplätzen zur Verfügung. Mit einem hochmodernen Schweißroboter präsentieren sich auch diese Werkstätten auf dem neuesten Stand der Technik. In einem Lehrsaal kann zudem mit Hilfe einer VR-Brille das Schweißen im ­virtuellen Raum erprobt werden. Diese digital unterstützten Übungen können realistische Anwendungsfälle nachstellen, ohne dass unnötig Material verbraucht wird. Und sie verzeihen auch einen Fehler, ohne dass es ein neues Werkstück braucht.

Durch die hellen und lichtdurchfluteten Gänge geht es hinauf in das erste Obergeschoss der BTZ-Werkstätten. Die jungen Metallbauer finden in den drei Werkstätten nicht nur den traditionellen Schraubstock, an dem die Auszubildenden des 1. Lehrjahres grundlegende Aufgaben der Metallbearbeitung wie feilen, sägen und schleifen üben dürfen. Lehrlinge im 2. und 3. Lehrjahr können zudem mit den technisch anspruchsvollen Dreh- und Bohrmaschinen sowie Fräsautomaten arbeiten.

Die Schweißer können im BTZ mit neuester Technik lernen.

Ebenfalls auf dieser Ebene des Gebäudes befinden sich die Unterrichtsräume für die Fotografen. Das gesamte Equipment von Kameras, Objektiven, Lampen und weiterem Zubehör der neuesten Generation steht den Azubis und Meisterschülern hier zur Verfügung. Auch die Weiterbearbeitung der Fotografien ist dank der mit moderner Software ausgestatteten Arbeitsplätze direkt vor Ort möglich.

Das Prunkstück des ersten Obergeschosses und vielleicht sogar des ganzen BTZ befindet sich jedoch einen Raum weiter. In der CNC-Werkstatt der angehenden Feinwerkmechaniker und Zerspanungstechniker wird eindrucksvoll deutlich, wie sehr Handwerk und Hightech heute zusammengehören. Neben einem modernen 3D-Drucker steht auch eine Fünf-Achsen-Simultanbearbeitungsmaschine bereit. Kostenpunkt dieses Stücks Technik: Rund eine halbe Million Euro. Mit Hilfe des Geräts können die Handwerker die hochpräzise Metallbearbeitung und Filigrantechnik von sehr harten Werkstoffen erlernen.

Wenn das Auto plötzlich in der Werkstatt steht

Nach diesem Höhepunkt ist der Rundgang durch das neue BTZ noch nicht beendet. Ein paar Treppen weiter oben sind im 2. Obergeschoss die Werkstätten und Lehrräume von Elektrotechnikern, Vergoldern sowie Malern und Lackierern beheimatet.

Den Lehrlingen der Elektrotechnik stehen insgesamt fünf Werkstätten bereit. An verschiedenen Trainingsmodulen können die typischen Aufgabenstellungen durchlaufen werden, angefangen bei den Grundlagen, wie zum Beispiel eine Schaltung funktioniert und wie diese miteinander gekoppelt werden können.

Für die Maler und Lackierer stehen im BTZ insgesamt drei Werkstätten mit Spritz- und Trockenkabine bereit. Ein besonderer Clou ist ein integrierter Lastenaufzug mit dem es möglich ist, ganze Fahrzeuge in die Schulungsräume zu transportieren. Das sorgt für noch mehr Realismus bei der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung oder den Meisterkursen.

Zum Abschluss des Rundgangs dürfen die Teilnehmer noch den Vergoldern und Kirchenmalern über die Schultern schauen. Im Gegensatz zu den Hightech-Maschinen der anderen Werkstätten wird hier noch immer zu den ganz traditionellen Werkzeugen gegriffen und die Lehrlinge zeigen an ihren Werkstücken eindrucksvoll, wie viel Handarbeit immer noch im Handwerk steckt. Es handelt sich übrigens um die einzige überbetriebliche Ausbildungsstätte für diesen Beruf bundesweit.

Die Tour durch das neue BTZ weckt die Lust, am liebsten selbst einen der Handwerksberufe auszuprobieren. Die Lehrlinge und angehenden Meister finden hier optimale Bedingungen für den Start einer Karriere im Handwerk vor.