Hörgeräteakustiker Hightech trifft auf Faktor Mensch

Da die technische Entwicklung in der Hörgeräteakustik immer schneller voranschreitet, steigen die Ansprüche an Ausbildung und Qualifikation verbunden mit der Fähigkeit, auf die Kunden einzugehen.

Frank Muck

Auf den Kunden zugeschnitten: Eine Hörgeräte­akustikerin bei der ­Abformung des Ohres für das Ohrpassstück. - © Foto: KD Busch

Rüdiger Stertz ist laufend auf Fortbildung. So oft, dass er spontan kaum sagen kann, wie viele Fortbildungsreisen er jährlich unternimmt. Dem Augenoptikermeister und Hörgeräteakustiker aus Schwäbisch Gmünd ist es wichtig, mit der sich stetig verbessernden Technik der Hörgeräte Schritt zu halten. "Die Hörgeräte werden immer besser", sagt er.

Rüdiger Stertz. - © Foto: privat
Hightech trifft auf Faktor Mensch

Als Beispiele nennt Stertz die Störschallunterdrückung, mögliche Funkanbindungen zu anderen Medien oder untereinander kommunizierende Hörgeräte. Für den Erfolg seines Geschäfts sei es essenziell, all diese Dinge genau zu kennen. Stagnation ist schlecht. Denn ein Hörgeräte­akustiker müsse in der Lage sein, die Technik so zu beherrschen, dass sie individuell an die Bedürfnisse der Kunden angepasst werden kann.

Moderne Helfer beim Hören: Zwei Hinter-dem-Ohr-Geräte mit Lautsprecher im ­Gehäuse (links) und Lautsprecher im Gehörgang (rechts), in der Mitte ein Im-Ohr-System. - © Fotos: FGH
Hightech trifft auf Faktor Mensch

Deshalb sind auch seine 20 Mitarbeiter – Meister, Gesellen und Auszubildende – angehalten, Fortbildungen wahrzunehmen. Weitere Kurs­wün­- sche – auch der Lehrlinge – werden in der Regel bezahlt. Und auch die Kosten für die Berufsakademie in Lübeck übernimmt Stertz für seine fünf Akustiker-Azubis. "Für den Beruf braucht man gutes Equipment, gute technische Kenntnisse und die Fähigkeit, sich auf den Menschen einzulassen", fasst Mitarbeiterin Sabine Heer zusammen und verweist auf einen ganz anderen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit: die menschliche Seite.

Seite 2: Warum der Faktor Mensch so wichtig ist.

Die Meisterin hat eine Zusatzausbildung in Pädakustik und kümmert sich speziell um Kinder. Durch die junge Kundschaft weiß sie umso besser, dass der Faktor Mensch eine wichtige Rolle bei der Versorgung mit Hörgeräten spielt. Eine Hörschädigung ist bei aller ­objektiven Messbarkeit immer ein sehr subjektiv empfundenes Problem, bei dem jeder Kunde seine ganz eigenen Bedürfnisse und Anforderungen hat, etwa wenn es um die Ausblendung von Geräuschen in der Umgebung geht, die die Kunden je nach Veranlagung als mehr oder weniger störend empfinden.

Immer mehr Frauen zieht es in den Beruf

Sabine Heer, Expertin in Pädakustik. - © Foto: privat
Hightech trifft auf Faktor Mensch

Diese soziale Komponente ist es auch, die immer mehr Frauen in den Beruf zieht. Trotz der Technik, die eher Interesse bei den Männern findet, sind es doch inzwischen die Frauen, die das Mitarbeiterbild der Hörgeräteakustik mehr und mehr bestimmen. Nach Angaben der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker (biha) hat das Handwerk mit über 60 Prozent die höchste Frauenquote. Überdurchschnittlich viele Frauen machen sich selbstständig.

50 Prozent der Berufsanfänger haben die Hochschulreife

Ein zweiter Effekt, der sich durch die hohen Anforderungen an die Qualifikation der Mitarbeiter ergibt, ist der hohe Anteil an Abiturienten, die den Beruf lernen. Rund 50 Prozent der Berufsanfänger haben die Hochschulreife. "Viele Abiturienten wählen den Beruf als Alternative für medizinische Studiengänge", sagt Jakob Stephan Baschab, Hauptgeschäftsführer der biha. Der Beruf sei attraktiv. In der Branche herrscht praktisch Vollbeschäftigung und gute Fachkräfte werden immer gebraucht.

Seite 3: Inhaber Marc Osswald setzt auf eine intensive Ausbildung.

Marc Osswald. - © Foto: privat
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Deswegen setzt auch Marc Osswald auf Absolventen mit höheren Schulabschlüssen. „In unserem Beruf müssen die Bewerber mindestens einen guten Realschulabschluss haben“, sagt der Hörgeräteakustikermeister aus Stuttgart. Osswald ist Geschäftsführer von Iffland Hören mit 250 Mitarbeitern in 52 Filialen in Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz.

Der Chef von 23 Auszubildenden legt Wert auf eine besondere Betreuung der Lehrlinge. Um sie kümmert sich ein Arbeitskreis, dem verschiedene Meister angehören. Diese vermitteln nochmals vertieft Inhalte und führen Tests durch, um sie prüfungsfit zu machen. Im Unternehmen wurde eine Feedbackkultur etabliert, die sofort Defizite anspricht.

Dass sich der Aufwand lohnt, belegen die Prüfungsergebnisse. Sowohl die Firma Stertz als auch das Unternehmen Iffland Hören haben immer wieder Sieger auf Kammer-, Landes- und Bundesebene unter ihren Auszubildenden.

Auf Seite 4 lesen Sie, warum es der Branche nur vordergründig gut geht.

Die konjunkturellen Aussichten der Branche kann biha-Hauptgeschäftsführer Jakob Stephan Baschab nur schwer vorhersagen. Vordergründig sehe es gut aus, sagt er. Im vergangenen Jahr sei die Zahl der Betriebsstätten um sechs Prozent und die Anzahl der verkauften Hörgeräte um zwei Prozent gewachsen. Auch die Ausbildungsquote sei mit ca. 20 Prozent (2.400 Azubis bei insgesamt ca. 12.000 Hörgeräteakustikern) sehr zufriedenstellend.

"Null-Preis-Werbung" führt zu Umsatzeinbrüchen

Was den Betrieben Sorgen mache, sei der durchschnittlich gesunkene Verkaufspreis von Hörsystemen. Ursache hierfür sei neben der allgemeinen konjunkturellen Gesamtlage auch die massive "Null-Preis-Werbung" für Hörsystemversorgungen. Das führt zu Umsatzeinbrüchen, da die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) nicht genug bezahlt.

Jakob Stephan Baschab, Hauptgeschäftsführer der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker. - © Foto: biha
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Das hat schon das Bundessozialgericht am 17. Dezember 2009 festgestellt. Dem Akustiker entstehe somit eine Einkommenslücke. Die Branche erwartet zudem eine Erhöhung des Festbetrags der Gesetzlichen Krankenversicherung zur Hörsystemversorgung. Dieser muss aufgrund eines Bundessozialgerichtsurteils angepasst werden. Denn die Krankenkassen hatten über Jahre hinweg zu wenig für Hörsystemversorgungen bezahlt und wurden im Jahre 2009 höchstrichterlich verurteilt.

"Ein Skandal erster Güte"

Ob sich die Festbetragserhöhung für die Betriebe unterm Strich auszahlt, bleibt abzuwarten. Denn die Kassen lassen sich nun schon über drei Jahre Zeit, das Urteil umzusetzen. "Ein Skandal erster Güte", so Baschab. Als "Unverschämtheit" empfindet er die Aussagen einiger Kassenfunktionäre, dass die Hörgeräteakustiker keine transparenten Angebote unterbreiten würden. Das Gegenteil sei der Fall.

Sorgen macht Baschab immer noch das Thema Korruption. Die biha kämpfe weiterhin wacker gegen unerlaubte Empfehlungen HNO-Ärzten und rechtswidrige Beteiligungsmodelle. Diese Vorgehensweise habe zwar nach einer Gesetzesverschärfung abgenommen, doch ohne wirksame Kontrollmechanismen könne man nur schwer dagegen vorgehen. Baschab: "Das Schwert muss schärfer werden."

Ende April erst hat die biha dem Gesundheitsausschuss des Bundestages zu dem Thema Rede und Antwort gestanden. An Beispielen konnte sie aufzeigen, wie Unternehmen HNO-Ärzten den Vertrieb von Hörgeräten direkt in deren Praxis oder über die Beteiligung an Fachgeschäften anbieten. Das Grundrecht auf die freie Wahl des Hörgeräteakustikers wäre damit in Gefahr.