Arbeitsschutz Hier lauern die größten Unfallgefahren im Handwerk

Handwerker haben ein doppelt so hohes Unfallrisiko wie andere Berufe, zeigt die neue DGUV-Statistik. Welche Gefahrenbereiche Sie kennen sollten und wie Sie mit konkreten Maßnahmen gegensteuern.

Mann arbeitet mit Winkelschleifer, berücksichtigt dabei aber nicht den Arbeitsschutz
Alles falsch gemacht: Nur eine Hand am Gerät, die andere hält das Werkstück und die falsche Schutzhaube montiert. Tausende verletzen sich jedes Jahr durch eine solche Arbeitsweise am Winkelschleifer. - © aboutmomentsimages - stock.adobe.com

Die gute Nachricht zuerst: Das Risiko, einen Unfall bei der Arbeit zu erleiden, ist 2024 gesunken. Statistisch verunglückten auf 1.000 Vollzeitarbeiter 20,61 Personen so, dass sie für mehr als drei Tage ausfielen, 2,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Die schlechte Nachricht: Handwerker sind mehr als doppelt so gefährdet. In handwerklichen und verwandten Berufen liegt die Unfallquote laut Deutscher Gesetzlicher Unfallversicherung (DGUV) bei über 46 pro 1.000 Vollzeitarbeiter.

Vor allem in Bau, Ausbau und in der Metallbe- und -verarbeitung, beispielsweise im Kfz-Gewerbe, liegt nicht nur die Zahl, sondern auch die Schwere der Unfälle über dem Durchschnitt. Wer die Gefahrenbereiche kennt, kann gegensteuern:

Verletzungsarten und ihre Folgen

Über 40 Prozent aller Verletzungen im Handwerk betreffen die Hand. Allerdings sind die Folgen hier meist glimpflicher als Verletzungen an anderen Körperteilen, ordnet Erik Sebastian, Leiter der Abteilung Technologie Holz und Metall bei der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM), ein.

Selbst, wenn ein (Beinahe-) Unfall kaum Folgen hat, ist er aber gemäß der Theorie der Unfallpyramide sehr ernst zu nehmen. Auf 600 Beinahe-Unfälle kommen rechnerisch 30 leichtere, zehn schwere und ein tödlicher.

Entsprechend sind Verletzungen an Hals, Wirbelsäule, Schulter, Oberarm oder Kniegelenken zwar seltener als Handverletzungen, führen aber häufiger zu Verrentungen. Besonders schwer wiegen Kopf- und Augenverletzungen. Auf rund 18.000 solcher meldepflichtigen Unfälle im Handwerk 2024 kamen 36 tödliche Unfälle und 239 Fälle, in denen die Betroffenen hinterher eine Unfallrente bezogen. Bei tödlichen Arbeitsunfällen wird der Kopf am häufigsten als verletzter Körperteil genannt. Besonders kritisch sind Unfälle mit herabfallenden Lasten; acht von 6.200 solcher Fälle im Handwerk gingen 2024 tödlich aus.

Absturz- und Sturzunfälle

Stolpern, Stürzen und Abstürze sind mit die häufigsten Unfallursachen überhaupt. "Und dreißig Prozent der Absturzunfälle sind Leiterunfälle", betont Erik Sebastian von der BGHM die ungute Rolle dieses Arbeitsmittels. Ursache sei häufig, dass die Person das Gleichgewicht auf der Leiter verliere, während sie etwas transportiert oder von der Leiter aus mit einem Werkzeug arbeitet.

Ursachen der schwersten Unfälle im Handwerk
© Quelle: DGUV Sonderauswertung Handwerks- und verwandte Berufe, Grafik: Holzmann Medien

Die Folgen von 19.600 Leiterunfällen 2024 reichten von kleineren Verletzungen über langwierige und schmerzhafte Fersenbeinbrüche bis hin zu 961 Neuverrentungen und zwölf Todesfällen. Weil Absturzunfälle überdurchschnittlich häufig schwerste oder tödliche Folgen haben, empfehlen die Berufsgenossenschaften, Gerüste zu verwenden, wo immer das möglich ist. "Und bevor jemand ein Gerüst oder auch eine Leiter nutzt, sollte er prüfen, ob sie für die Tätigkeit sicher einsetzbar sind", erinnert Sebastian an systematische Gefährdungsbeurteilungen. (s. DGUV-Information 208-016: Die Verwendung von Leitern und Tritten)

Maschinen und Werkzeuge

In der DGUV-Statistik zum Arbeitsunfallgeschehen 2023 sticht die hohe Zahl an Unfällen beim Arbeiten mit Handwerkzeugen ins Auge – vom relativ oberflächlichen Hautschnitt mit einem Cuttermesser bis zur schwersten Verletzung durch einen Winkelschleifer. In beinahe einem Viertel dieser Unfälle hat der Handwerker die Kontrolle über sein Werkzeug verloren, in knapp 15 Prozent der Fälle die Kontrolle über den bearbeiteten Gegenstand, zeigt eine DGUV-Sonderauswertung für Unfälle in Handwerksberufen 2024.

Wie sich das Risiko für solche Unfälle reduzieren lässt, zeigt das Beispiel Winkelschleifer. Wer beide Hände am Gerät hat, das Werkstück sicher arretiert und mit persönlicher Schutzausrüstung arbeitet, reduziert die Unfallgefahr erheblich. Wer dagegen den Winkelschleifer mit nur einer Hand bedient und versucht, das Werkstück mit der anderen Hand oder einem Fuß zu stabilisieren, geht ein hohes Risiko ein (s. BGHM Arbeitsschutz kompakt Nr. 074: Winkelschleifer).

Alter und Betriebsgröße

Zwei Altersgruppen sind bei der Arbeit besonders gefährdet. Be­­rufsanfängern bis zum Alter von 25 Jahren fehlt die Erfahrung, um Gefahren richtig einschätzen zu können. Sie verunglücken häufiger als andere, erleiden dabei aber seltener gravierende Folgen. Gezielte und laufende Unterweisungen helfen, ihr Risiko zu reduzieren.

Grafik Ältere arbeiten gefährlich
© Quelle: DGUV-Statistik Arbeitsunfallgeschehen 2023,Grafik: Holzmann-Medien

"Was häufig zu Unfällen führt oder mit ursächlich ist, sind Unachtsamkeit, Zeitdruck und Stress."

Eric Sebastian, BGHM

Die zweite am stärksten gefährdete Gruppe sind die 50- bis 59-Jährigen, aus dem gegenteiligen Grund. Aufgrund ihrer Erfahrung fühlen sie sich in Gefahrensituationen zu sicher. Das, in Kombination mit sinkender körperlicher Reaktionsfähigkeit und schnellerer Ermüdung, lässt sie überdurchschnittlich häufig verunglücken, mit statistisch auffallend schwerwiegenden Folgen.

Auch die Betriebsgröße spielt eine Rolle im Unfallgeschehen. Obwohl kleine Betriebe mit bis zu neun Vollarbeitern durchschnittlich weniger Unfälle melden als größere, haben sie doch die höchste Quote an neuen Unfallrenten. Die Unfälle sind hier also besonders schwerwiegend.

Neben all den genannten "oberflächlichen" Faktoren im Zusammenhang mit Arbeitsunfällen verweist Erik Sebastian von der BGHM auf tiefere Ursachen. "Was häufig zu Unfällen führt oder mit ursächlich ist, sind Unachtsamkeit, Zeitdruck und Stress." Natürlich wüssten Handwerker, wie sie mit ihrem Werkzeug und Material umgehen müssen. "Aber das allein reicht nicht, es braucht auch eine Unternehmenskultur des sicheren Arbeitens", betont Sebastian.

Sicher arbeiten mit Winkelschleifern

  1. Normale Winkelschleifer sind stets mit beiden Händen zu führen. Ausnahmen sieht die Produktnorm allerdings für Kleinschleifmaschinen vor, welche gegebenenfalls auch unter der Bezeichnung Winkelschleifer verkauft werden.
  2. Die Schutzhaube muss bei fast allen Arbeiten mit dem Winkelschleifer montiert sein. Also z.B. bei kunstharzgebundenen Scheiben, Diamantscheiben, Fächerschleifscheiben etc. Ausnahmen sind z.B. bei Fiberscheiben auf Stützteller, möglich. Die Schutzhaube muss stets so eingestellt werden, dass der Funkenflug vom Bediener weg gerichtet ist.
    Für unterschiedliche Schleifkörper gibt es spezielle Schutzhauben, die für diese Scheiben auch genutzt werden müssen.
    Infos zu den verschiedenen Arten von Schutzhauben in Abhängigkeit der jeweiligen Anwendung stehen in der Tabelle 101 der DIN EN IEC 62841-2-3.
  3. Handschuhe sind beim Arbeiten mit dem Winkelschleifer grundsätzlich nicht erforderlich, aber zulässig. Die Erforderlichkeit ergibt sich regelmäßig aufgrund der Eigenschaften des zu bearbeitenden Werkstücks (z.B. Handling scharfkantiger Bleche).
    Hinsichtlich der Eigenschaften der Handschuhe (z.B. Schnittschutzklasse) werden keine Anforderungen gestellt, da man bei korrekter Nutzung mit beiden Händen nicht in den Gefahrbereich kommt. Von den dürfen sich aufgrund der Umschlingungsgefahr keine Fäden lösen.
  4. Die Kleidung sollte schwer entflammbar und sauber sein, z.B. hinsichtlich Ölen (wegen Dochteffekt). Schnittfestigkeit ist nicht erforderlich.
  5. Die Schutzbrille sollte allrandig geschlossen sein und bei Arbeiten über Kopf sollte auch eine Kopfbedeckung getragen werden, um sich die feinen Späne nicht später beim Duschen in die Augen zu reiben.