Interview Herr Thielscher, was ist Gerechtigkeit?

Der Arzt und Wirtschaftswissenschaftler Christian Thielscher hat ein Gerechtigkeitsmodell entworfen. Im Interview erläutert er, warum eine Gesellschaft ohne Gerechtigkeit nicht funktionieren kann – und wir dennoch weit vom Ideal entfernt sind.

Prof. Christian Thielscher: Das von ihm entworfene Gerechtigkeitsmodell besteht aus vier Elementen und den Kriterien Bedarf, Leistung, Vertrag. - © FOM

Herr Prof. Thielscher, was ist Gerechtigkeit?

Christian Thielscher: Wir definieren Gerechtigkeit heute als Teilmenge der Moral. Historisch gesehen, ist Gerechtigkeit ein Instrument, um Machthaber zu kontrollieren. Die Idee, dass Gerechtigkeit den Schwachen gegen die Macht des Starken schützt, ist uralt. Als Instrument soll Gerechtigkeit dafür sorgen, die Vorstellung aller Mitglieder einer sozialen Gruppe über eine gerechte Verteilung durchzusetzen.

Ist es schwer, zu entscheiden, ob etwas gerecht oder ungerecht ist?

Nein, überhaupt nicht. Für jede Fragestellung muss man immer nur entscheiden: Gibt es einen harten Bedarf, eine Leistung, die erbracht wurde, oder einen Vertrag, der berücksichtigt werden müsste.

Sie haben dazu ein Gerechtigkeitsmodell entworfen. Können Sie es kurz skizzieren?

Mein Gerechtigkeitsmodell besteht aus vier Elementen: Aus demjenigen, der etwas verteilt; dem, was verteilt wird, dem Empfänger und der Umwelt, in der alles stattfindet.

Wo ordnen Sie die drei Kriterien ein, die Sie gerade genannt haben: Bedarf, Leistung und Vertrag?

Nach ihnen entscheidet der Empfänger, ob er sich gerecht oder ungerecht behandelt fühlt. Mit den Kriterien korrespondieren Lebensbereiche und Verhaltensregeln. Für Bedarf ist es beispielsweise die Verhaltensregel, wenn jemand in Not ist, muss man helfen: So funktioniert die medizinische Versorgung. Leistung steuert zum Beispiel Sport oder das Bildungswesen. Will man entscheiden, ob etwas gerecht oder ungerecht ist, muss man also immer fragen, gibt es einen Bedarf, wie sieht es mit der Leistung aus und gibt es einen Vertrag? Mit diesen drei Kriterien lässt sich jedes Gerechtigkeitsproblem lösen.

Ungerecht ist also …

Wenn sich jemand ungerecht behandelt fühlt, dann hat er entweder einen harten Bedarf, der nicht befriedigt wird, oder er hat eine Leistung erbracht, die nicht angemessen vergütet wird, oder er hat einen Vertrag, der nicht erfüllt wird, also die Gegenleistung nicht erbracht wird. Das sind die drei Punkte. Es gibt keinen anderen Grund, sich ungerecht behandelt zu fühlen. Insbesondere die Regel „gleicher Lohn für gleiche Leistung“ kann man schon früh in der Evolution nachweisen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Es gibt dazu ein anschauliches Experiment: Sie treiben mit einem Kapuzineräffchen Handel. Der Affe gibt Ihnen einen Stein und Sie geben ihm dafür ein Stück Gurke. Das geht solange gut, bis Sie einem anderen Affen für den Stein Weintrauben geben. Dann regt sich der Affe, der vorher mit der Gurke völlig zufrieden war, auf, weil er Weintrauben lieber mag. Es sieht sehr danach aus, – man kann ja nicht mit dem Affen darüber sprechen – als empfinde er es als ungerecht, dass er für die gleiche Leistung nicht den gleichen Lohn bekommt. Diese Reaktion kann man auch bei anderen sozial lebenden Tieren nachweisen, die evolutionär nicht so nah mit uns verwandt sind.

Wenn wir das auf die Corona-Soforthilfe übertragen: Ist es ungerecht, wenn kleine Handwerksbetriebe alles zurückzahlen müssen, Großkonzerne aber mit viel Geld vom Staat unterstützt werden?

Das ist ungerecht. Hier greift das Leistungsprinzip: Gleicher Lohn für gleiche Leistung.

Wie wichtig ist Gerechtigkeit für eine Gesellschaft?

Ohne Gerechtigkeit funktioniert eine Gesellschaft nicht. Das soziale Zusammenleben klappt nur, wenn eine gemeinsame Vorstellung darüber herrscht, was eine gerechte Verteilung ist. Fehlt diese, gibt es nur Streit. Wenn Menschen das Gefühl haben, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht, das heißt, dass Leistung und Vergütung extrem auseinanderfallen – sie sich also betrogen fühlen –, dann lässt die Kooperation nach und es wird eher gegeneinander gearbeitet – mit entsprechend nachteiligen Folgen.

Wo stehen wir aktuell?

Wir sind weit davon entfernt, in einer gerechten Welt zu leben. Denken Sie an den Hunger. Oder daran, dass wir längst in einem Prozess der Refeudalisierung angekommen sind. Das Vermögen des jeweils reichsten Menschen hat sich exponentiell gesteigert und reicht, wenn es sich weiter so entwickelt, in Kürze, kleinere Staaten zu kaufen. Das ist eine Entwicklung, die unserer Gesellschaft nicht guttut. Zwischen 1950 und heute ist die Produktivität in den USA um etwa das Drei- bis Vierfache gestiegen. Bis 1980 sind die Löhne und Gehälter normaler Bürger exakt mit dem Produktivitätswachstum gestiegen. Seit 1980 ist das aber wie abgeschnitten. Seitdem stagnieren die Reallöhne. Ein Großteil der Bevölkerung nimmt also nicht mehr am Produktivitätswachstum teil. Das empfinden die Menschen als ungerecht. Vielen geht es sogar schlechter, während einzelne Menschen märchenhaft reich werden. Genau das zerstört eine Gesellschaft. Viele haben das Gefühl, das geht nicht mehr mit rechten Dingen zu. Warum soll ich mich korrekt verhalten und idealerweise sogar für das Gemeinwohl anstrengen, wenn es sich einfach nicht mehr lohnt und andere mit unsozialen Mitteln mehr erreichen? Dann bricht eine Gesellschaft sehr schnell zusammen.

Sind wir schon an diesem Punkt?

Ich glaube, dass das Erstarken der politischen Ränder genau hier eine Ursache hat. Eine sehr ungleiche Verteilung von Vermögen und Einkommen hat für fast alle Lebensbereiche nachteilige Effekte, also zum Beispiel beim Anstieg von Kriminalität, Drogenkonsum und so weiter.

Was kann die Lösung sein?

Zurück zur sozialen Marktwirtschaft, wie sie 1950 bis 1980 gut funktioniert hat. Da gab es im Vergleich zu heute eine relativ ausgeglichene Vermögens- und Einkommensverteilung und der Produktivitätszuwachs wurde gerecht verteilt. Derzeit wachsen die großen Kapitalbestände immer schneller, der Abstand wird immer größer und in der Spitze entstehen enorme Macht- und Kapitalkonzentrationen. Das hat eine Reihe von Folgewirkungen, die für die Gesellschaft nicht gut sind.

Wie wäre die ideale Wirtschaft gerecht?

Entlang der genannten drei Kriterien Bedarf, Leistung, Vertrag. Soweit es um Leistung geht, sollte das, was man bekommt, der Leistung entsprechen. Gleiche Leistung, gleicher Lohn. Es ist ganz einfach.

© Springer

Prof. Christian Thielscher ist wissenschaftlicher Leiter des Kompetenzcentrums für Medizin­oekonomie an der FOM Hochschule in Essen und Autor des Sachbuches "Wirtschaft und Gerechtigkeit"