Die Schuldenkrise im Euro-Raum belastet die deutsche Wirtschaft zwar zusehends, da davon aber vor allem der Export betroffen ist, bleibt die Stimmung im Handwerk positiv. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihr Herbstgutachten vorgelegt.

Herbstgutachten: Die Zeiten des Booms sind erstmal vorbei
Die hohen Wertverluste und großen Schwankungen an den Finanzmärkten deuten nach Einschätzung der Volkswirte ebenso wie die Verschlechterung wesentlicher Stimmungsindikatoren darauf hin, dass die Zeiten des Booms erstmal vorbei sind. Einen Dämpfer hatte vor allem die Exportwirtschaft einstecken müssen. Zudem kam es zu einer vorübergehenden Flaute bei Ausrüstungsinvestitionen.
Für die nahe Zukunft sagten die Experte vorher, dass die hohe Unsicherheit die Kauflaune der Verbraucher etwas schmälern wird, und auch der Wachstumsmotor Außenhandel werde wegen der schwierigen Lage gerade im Euro-Raum keine positiven Impulse liefern. Diese kurzfristige Stagnation werfe den Arbeitsmarkt allerdings nicht zurück, prognostizierten sie.
Die vorhergesagte Wachstumsrate für 2011 liegt bei 2,9 Prozent. Also bei einem positiven Wert, den auch das Handwerk sieht. "2011 ist es für das gesamte Handwerk erfreulich, dass die Binnennachfrage ein maßgeblicher Stabilitätsanker bleibt", sagte Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) zu dem heute vorgelegten Gutachten.
Handwerk will höhere Wachstumsziele setzen
Da die Aussichten für das kommende Jahr nicht ganz so positiv sind, fügt Kentzler an: "Gut ist es, dass die Institute für 2012 ein Wachstum voraussehen, negativ ist, dass es nur noch bei 0,8 Prozent liegen soll." Der Handwerkspräsident fordert, dass Deutschland sich höhere Wachstumsziele setzen sollte. "Das Handwerk wird mit seinen Betrieben jedenfalls alles dafür tun, dass sich das Wachstum und die gute Beschäftigungsentwicklung fortsetzen", so Kentzler. Da dazu aber auch notwendige politische Weichenstellungengehören, wies er auf die noch immer nicht endgültig entschiedenen Beschlüsse zur steuerlichen Förderung der energetischen Gebäudesanierung hin.
Die Gutachter sehen für die gesamte Wirtschaftsentwicklung aktuell ein Risiko, dass sich die Schuldenkrise noch zuspitzen könnte. Alle Indikatoren deuteten derzeit auf einen Rückgang des BIP im vierten Quartal 2011 hin, im ersten Vierteljahr kommenden Jahres werde die Wirtschaft jedoch schon wieder zulegen, heißt es. Unter der Annahme, dass die Schulden- und Vertrauenskrise schrittweise an Schärfe verliere und die Unsicherheit damit wieder abnehme, werde das Konjunkturwachstum in Deutschland ab dem zweiten Quartal 2012 auch wieder an Tempo gewinnen.
Politiker müssen Weg aus der Krise zeigen
Wesentlich sei nun, dass die Politik in der nächsten Zeit einen Ausweg aus der Krise finde. Derzeit sei die Lage noch "relativ stabil", die Unternehmen hätten sich ein Polster zugelegt. "Der nächste Wurf der Regierung sollte aber bitte sitzen", mahnte der Leiter des Prognose-Zentrums am Institut für Weltwirtschaft Kiel, Joachim Scheide. Zwar werde die weitere Restrukturierung der griechischen Staatsschulden keinen Kollaps des Bankensystems hervorrufen. Das Verrücktspielen der Finanzmärkte könnte dennoch zunehmen, die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen könnten sich deutlich verschlechtern.
Dringend erforderlich sei eine Neuordnung der Finanzmarktregulierung sowie ein europäisches Verfahren für eine Rekapitalisierung von Banken. Gegebenenfalls müsse auch ein Plan für eine geordnete Insolvenz von Kreditinstituten erstellt werden.
Erstellt wurde die Gemeinschaftsdiagnose im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) Essen, dem Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) München, dem Institut für Weltwirtschaft (IfW) Kiel und dem Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) Halle, die dabei mit weiteren Instituten kooperierten. dapd/dhz