Jahrelang ist Engelbert Strauss ein solider und zuverlässiger Hersteller von Berufskleidung für das Handwerk. Dann verpassen die Brüder Henning und Steffen Strauss dem väterlichen Unternehmen ein modernes Image. Henning Strauss erläutert im DHZ-Interview, wie die Marke zu einem der angesagtesten Lifestyle-Produkte wurde.

Ihr Unternehmen zählt heute zu den angesagtesten Herstellern von Arbeitsbekleidung. Wie haben Sie es geschafft, Ihrer Marke ein "cooles" Image zu geben?
Henning Strauss: Als mein Bruder und ich ins Unternehmen eintraten, war uns wichtig, dass unser Angebot auch eine gewisse "Coolness" ausstrahlt. Vor 15 Jahren fanden uns die Kunden noch nicht "supercool". Der Reiz bestand darin, aus einem vermeintlich langweiligen, konservativen Produkt fast schon ein begehrtes Lifestyle-Produkt zu machen. Wir haben viel Zeit damit verbracht, ansprechende Produkte und Bilder zu schaffen, die das Handwerk hochwertig präsentieren und Freude an der Arbeitswelt vermitteln.
Sie haben in den USA studiert. Haben Sie sich dort Anregungen geholt?
Strauss: Was ich immer bewundert habe, ist die Kraft der Bilder, die man gerade in der amerikanischen Medien- und Filmbranche findet. Das Thema Markenbildung wird von den USA und anderen angelsächsischen Ländern geprägt. Die Emotionalisierung und Visualisierung von Produkt und Marke hat mich in Los Angeles sehr beeindruckt. Und es hat mich motiviert, das eine oder andere auch bei uns im Unternehmen einzusetzen.
Was reizt Sie daran?
Strauss: Das Spannende ist, ein Thema, das eigentlich alltäglich und fast langweilig ist, zu emotionalisieren. Das deutsche Wort Arbeit weckt wenig positive Assoziationen. Genau so ein Thema auf eine Gefühlsebene zu bringen, ist der Reiz. Wenn man sich Arbeitsbekleidung von Engelbert Strauss anzieht, soll man sich gut darin fühlen und vielleicht noch mehr Freude an der Arbeit haben. Das ist unser Ziel. Vielleicht ist das für Handwerksunternehmen sogar ein Mehrwert in Zeiten des Fachkräftemangels.
Warum finden aber gerade auch so viele Kinder und Jugendliche die Marke cool?
Strauss: Die Affinität der Kleinen oder der "Meister von morgen" hat uns alle überrascht. Vielleicht drückt sich da ein bisschen diese Dynamik in den Handwerksbetrieben aus, die ja auch sehr familiengeprägt sind. Der Papa freut sich, dass sein Sohn oder seine Tochter sich identifiziert mit dem, was er beruflich tut und andersherum. Die Berufskleidung drückt das letztlich aus.
Sie werben viel im Sport.
Strauss: Wir werben europaweit in der Champions-Hockey-League und bei der Handball-Europameisterschaft sowie in einzelnen Ländern punktuell im Fußball. Beim Sponsoring in Deutschland haben wir eine Frequenz erreicht, die wir nicht überschreiten möchten. Wir fühlen uns verpflichtet, bewusst mit unseren Ressourcen umzugehen. Ich denke, diese Erwartung hat auch der Kunde: Dass wir jetzt nicht an jede Wand Engelbert Strauss pinseln, sondern unsere Werbemittel gezielt einsetzen.
Wenn eine Marke sehr angesagt ist, wie groß ist dann die Gefahr, irgendwann aus der Mode zu kommen?
Strauss: Wir haben für uns ganz klar die Entscheidung getroffen, im Kern eine Arbeitsmarke zu bleiben. Es wird immer wieder der Wunsch an uns herangetragen, noch mehr Produkte für die Freizeit anzubieten. Darüber freuen wir uns zwar, aber wir wollen eine Arbeitsmarke für Handwerksunternehmen und ihre Mitarbeiter sein und unser Angebot hier stärken.
Was heißt, das Angebot stärken?
Strauss: Das Kernangebot stärken bedeutet, dass die Bekleidung nicht nur schick aussehen soll, sondern auch die Funktionen bieten muss, die der Anwender erwartet.
Als Sie vor einigen Jahren den Generationswechsel eingeläutet haben, wie hat sich das Unternehmen verändert?
Strauss: Wir sind im Laufe der Jahre von 50 bis 100 Mitarbeiter auf 1.100 Mitarbeiter in Biebergemünd gewachsen. Das gab uns die Chance, unterschiedliche Bereiche gezielt neu aufzubauen. Was sich komplett verändert hat, ist der Einkauf. Heute haben wir ein großes Team an Bekleidungs- und Schuhtechnikern. Das gab es vor 20 Jahren nicht.
Kleidung von Engelbert Strauss sieht man nicht nur auf Baustellen, sondern immer häufiger auch auf der Straße. Wie wichtig ist gut aussehende Berufskleidung?
Strauss: Ein ansprechendes Design drückt auch eine gewisse Wertigkeit des Trägers aus. Bekleidung kann ein Baustein sein, um die Qualität der Leistung eines Handwerkers hochwertig zu positionieren. Wir bemühen uns, diese Qualität als Marke und mit der Optik unserer Berufskleidung zu unterstützen.
Arbeiten Sie mit Handwerksunternehmen zusammen, die etwas für Sie testen oder Ihnen Rückmeldung geben?
Strauss : Wir beziehen seit vielen Jahren bewusst Handwerksunternehmen in die Entwicklungsprozesse ein. So haben wir gerade eine neue Kollektion mit Kunden gemeinsam getestet. Es kommt glücklicherweise viel positive Rückmeldung, aber natürlich auch mal Kritik. Wobei es uns in dieser Phase viel lieber ist, als wenn das Produkt auf dem Markt ist. Auch am Servicetelefon und in der Retourenbearbeitung sind wir mit der Sichtweise des Anwenders konfrontiert. Diesen direkten Draht zum Kunden sehen wir als Chance, unsere Produkte zu verbessern.
Wie wichtig ist Service?
Strauss: Das war für uns schon immer ein wichtiges Kriterium. Das betrifft die telefonische Erreichbarkeit und die Qualität des Servicepersonals am Telefon. Aber auch die anstandslose und schnelle Rücknahme der Produkte, wenn es zum Umtausch kommt, den Austausch und die schnelle Lieferung. All das sind traditionell Punkte, an denen wir uns sehr stark orientiert haben. Die Erwartung der Kunden ist anders als noch vor zehn Jahren. Vor zehn Jahren haben wir als einer der wenigen die 24-Stunden-Lieferung als Standard angeboten. Heute ist das fast selbstverständlich.
Aus welchen Gewerken kommt besonders viel Input?
Strauss: Aus dem Baugewerbe. Nicht nur aus dem Innenausbau, sondern auch aus dem Hoch- und Tiefbau. Und aus anderen Bereichen, in denen das Produkt richtig strapaziert wird.
Wenn Handwerker testen – wie sieht so eine Rückmeldung zu den Produkten aus?
Strauss: Das Vorgängermodell unserer neuen Kollektion hatte eine zweite Zollstocktasche und das war dem Träger auch dieses Mal sehr wichtig. Insofern ist der Austausch mit dem Träger für uns immer unglaublich bedeutend. Ein Test draußen auf der Baustelle ist etwas anderes als ein Labortest. Wir untersuchen ja im Labor Abriebwerte. Aber häufig sind in der echten Arbeitssituation die beanspruchten Stellen andere. Es ist unerlässlich, das vor der Markteinführung zu prüfen. Dann haben wir noch die Chance, zu reagieren.

Was ist eigentlich der typische Fall? Bestellt der Chef die Kleidung für seine Mannschaft oder kauft jeder selbst?
Strauss : Beides. Das hängt von der Philosophie im Unternehmen ab. Bei der Bekleidung ist es etwas einfacher, für alle zu bestellen. Aufgrund der Vielzahl an Größen – wir haben teilweise Hosen in bis zu 80 Größen – kann man in der Regel alle Anforderungen der Mitarbeiter abdecken. Bei den Schuhen sind die Wünsche individueller. Häufig überlässt es der Arbeitgeber dem Mitarbeiter, welchen Schuh er wählt.
Sie lassen Ihre Produkte hauptsächlich in Asien fertigen. Wie wichtig ist Ihnen, nachhaltig zu produzieren und wünschen das auch Ihre Kunden?
Strauss: Von immer mehr Kunden wird das erwartet. Auch zu Recht. Wir bemühen uns, Vorreiter zu sein, und wir stehen natürlich mit unserem Namen auch für gewisse Werte. Gerade darin sehen wir ein Unterscheidungsmerkmal und eine Stärke unseres Familienunternehmens.
Was bedeutet das?
Strauss: Das bedeutet, dass die Standards und die Wertvorstellungen nicht nur hier in Biebergemünd gelebt werden, sondern auch an allen Produktionsstätten im Ausland. Ein Großteil unserer Produkte entsteht in exklusiven Produktionseinheiten. Das sind Fabriken, die formell nicht Engelbert Strauss gehören, aber ausschließlich für Engelbert Strauss produzieren. So können wir mehr Einfluss auf die Qualität der Produkte und die allgemeinen Standards nehmen.
Wohin entwickeln Sie Ihre Arbeitskleidung?
Strauss: Wir werden unsere modularen Bekleidungslinien noch stärker ausbauen. Innerhalb eines einheitlichen Firmenerscheinungsbildes soll der junge Geselle ein Stück weit anders auftreten können als der erfahrene Meister. Auch die Größen- und Farbauswahl werden wir sicherlich ausbauen. Die Größenauswahl ist bei uns ja schon sehr umfangreich. Wir haben mittlerweile über 20 Schuhtypen in der Größe 50 plus. Doch selbst da fragen die Kunden immer wieder nach noch mehr Vielfalt.
Inwieweit spielen Technik, Forschung und Entwicklung in Ihrer Branche eine Rolle?
Strauss: In der Arbeitskleidung ist noch sehr viel möglich. Ich sehe viel Potenzial im Bereich Warnschutz, also beispielsweise Sichtbarkeit in der dunklen Jahreszeit, bei Bekleidung mit integrierter Heizfunktion oder auch bei Schuhen. Es geht häufig um die Kombination Komfort und lange Lebensdauer. Ein Beispiel hierfür kann sein, dass man den leichten, sportlichen Turnschuh auch im groben Terrain bei der Arbeit einsetzen kann.
Wie entwickeln Sie die Stoffe und Komponenten?
Strauss: Die Ideen kommen aus dem eigenen Haus. Wir arbeiten auch gerne industrieübergreifend und suchen bewusst den Austausch mit anderen Branchen. Zudem verfügen wir über ein sehr umfangreiches weltweites Netzwerk, welches uns hilft, nahezu jede Anforderung unserer Kunden umzusetzen.
Engelbert Strauss gibt es nur bei Engelbert Strauss. Bleibt das so?
Strauss: Davon gehe ich aus. Wir haben viele Anfragen von möglichen Wiederverkäufern aus unterschiedlichen Bereichen, vom Baumarkt bis zum Sportfachhandel. Jedoch definiert sich unser Unternehmen seit jeher über den direkten Draht zum Anwender. So möchten wir dauerhaft die Qualität unserer Produkte und die Kundenzufriedenheit sicherstellen.
Über Engelbert Strauss
Das Familienunternehmen Engelbert Strauss wird in der 4. Generation von den Brüdern Henning und Steffen Strauss zusammen mit ihrem Vater Norbert geleitet. Henning Strauss, 39 Jahre, verantwortet den Bereich Produktentwicklung von der Idee bis zur Präsentation. Sein älterer Bruder Steffen kümmert sich um das operative Geschäft.
Das Unternehmen, dessen Markenzeichen der weiße Strauß auf rotem Grund ist, ist bekannt für actiongeladene, dynamische Werbefilme und Kinospots "Made in Hollywood".
Workwearstores von Engelbert Strauss gibt es im hessischen Biebergemünd, in Hockenheim, Bergkirchen bei München und ab Oktober in Oberhausen.