Energiewende Heizungsbauer wartet auf politische Klarheit

Die Ampel wollte Tempo bei der Energiewende, das SHK-Handwerk zog mit. Dann kündigte die Koalition aus Union und SPD Änderungen an. Ein Gesetzentwurf fehlt allerdings bis heute. Das schafft Probleme in den Betrieben. Ein Heizungsbauer spricht Klartext.

Heizungsbauer Rolf Schöll setzt längst auf neue Technologien, doch klare Fahrpläne seitens der Politik fehlen. - © Reisser

Rolf Schöll führt einen Heizungsbetrieb in Tübingen in dritter Generation. Seit drei Jahren baut er Wärmepumpen ein. Er besuchte Schulungen beim SHK-Großhändler Reisser aus Böblingen. Sein Betrieb stellte sich auf die Energiewende ein. Die große Koalition kündigte im April an, das Heizungsgesetz zu reformieren. Doch fünfeinhalb Monate später gibt es weder Gesetzentwurf noch konkrete Eckpunkte. Das Wirtschaftsministerium führt noch "hausinterne Gespräche". Für Schöll und seine Branchenkollegen bedeutet das: Planung im Ungewissen.

Die Ampelkoalition hatte ehrgeizige Pläne für die Energiewende. Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) schreibt vor, dass neue Heizungen zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien arbeiten müssen. Für Neubauten in Neubaugebieten gilt diese Regel seit Januar 2024. Für Bestandsgebäude sollen die Vorgaben in Großstädten ab Mitte 2026 greifen, in kleineren Kommunen ab Mitte 2028 – jeweils sobald die kommunale Wärmeplanung vorliegt.

"Mit der Ampel-Koalition schienen alle wie auf Wolke 7 zu schweben. Die Regierung wollte die Energiewende in schnellem Tempo vorantreiben. Zusammen mit den alten Heizsystemen werde ich allmählich überflüssig, das war mein Gedanke. Ich bin davon ausgegangen, dass die jungen Kollegen dann nur noch Wärmepumpen machen", erinnert sich Schöll.

Reform angekündigt, aber nicht umgesetzt

Die Koalition aus CDU, CSU und SPD kündigte im Koalitionsvertrag vom April 2025 an, das Heizungsgesetz abzuschaffen und neu zu regeln. Doch bis heute gibt es keinen Gesetzentwurf. Auf einer Veranstaltung der Heizungsindustrie am 16. Oktober sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Stefan Rouenhoff, die Branche werde "nicht mehr viele Monate warten müssen".  

Fest steht: Die Reform soll zusammen mit der EU-Gebäuderichtlinie beschlossen werden, die bis Mai 2026 in deutsches Recht überführt werden muss. Bis dahin gelten die Regeln der Ampel weiter. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) betonte, dass die Förderung für den Heizungstausch weiterhin bestehe. In welchem Umfang und für wie lange die Förderung jedoch bestehen bleibt, ist unklar.

Schulungen für ungewisse Zukunft

Schöll hatte sich auf die angekündigten Änderungen vorbereitet. Am Energiecampus von Reisser in Tübingen nahm er an Wärmepumpen-Schulungen teil. "Gerade die physikalischen Grundlagen sind eine Weile her, wenn ich an meine Ausbildung denke. Daher habe ich dieses Angebot genutzt, um unsere Leistungen in der modernen Haus- und Gebäudetechnik zu erweitern", sagt der Geschäftsführer.

Die Fachschulungen an laufenden Geräten waren ihm wichtig und wertvoll. Sein Betrieb baut seit drei Jahren Wärmepumpen des Herstellers LG ein. Wie zufrieden die Kunden sind, kann Schöll nur abschätzen: "Bisher hat sich keiner gemeldet, es gab also weder Reklamationen oder Probleme. Wenn die Menschen nicht meckern, ist alles in bester Ordnung – das besagt ja auch ein schwäbischer Spruch."

Betriebe müssen breites Spektrum abdecken

Die politische Unsicherheit bedeutet für Schölls Betrieb: Er muss weiter alle Varianten anbieten. Gas- und Ölheizungen, Holz- und Pelletheizungen, Solaranlagen und Wärmepumpen. "Hurra, ich und die alten Systeme werden also nach wie vor gebraucht – doch eigentlich war das anders geplant und hat sich faktisch tatsächlich geändert", sagt Schöll mit ironischem Unterton.

Seine Mitarbeiter muss er nun parallel qualifizieren, anstatt alles auf die Wärmepumpe zu fokussieren. "Es schadet zwar nicht, wenn man auch eine Ahnung von fossilen Brennstoffen hat. In unserem kleinen Betrieb ist ohnehin eine sehr breite Ausbildung wichtig. Doch der Wandel zeichnet sich nun doch deutlich langsamer ab als gedacht", stellt Schöll fest.

Fachkräftemangel begrenzt Kapazitäten

"Betriebswirtschaftlich ist es mir so auch lieber, wenn wir eine stetige Veränderung realisieren", gibt Schöll zu. "Die Fachhandwerker wachsen nicht auf Bäumen, der Markt an Arbeitskräften gibt es gar nicht her, dass wir alle Heizungsanlagen auf einmal erneuern. 100 Heizungen pro Jahr hätten wir als kleiner Betrieb gar nicht bewältigt – und das war ja durchaus mal gefordert, ich habe das mal im Sinne von Habeck berechnet", rechnet Schöll vor.

Mit vollen Auftragsbüchern hätte jedes Unternehmen weitere Monteure einstellen müssen – aber woher diese bekommen? Der Einsatz von Mitarbeitern aus Leihfirmen ist bei Auftragsspitzen zwar eine Möglichkeit, allerdings keine Dauerlösung. "Zum einen ist die Qualifikation oft nicht so hoch, zum anderen wollen die Leute auch nicht fest in einen Betrieb, die suchen eher Abwechslung", erklärt Schöll. Die Branche klagt seit Jahren über fehlende Installateure.

Hausbesitzer nicht mehr unter Druck

Die Situation am Markt hat sich entspannt. "Solange eine Heizungsanlage ihren Dienst tut, ist es auch ok. Nun kann man mit den Kunden überlegen, zu welcher Gelegenheit diese raus kommt und durch was sie dann ersetzt wird", sagt Schöll. Die derzeitigen Übergangsfristen und Ausnahmeregelungen verschaffen Spielraum. "Die Hausbesitzer sind nicht mehr so unter Druck. Es war den Menschen auch schwer vermittelbar, dass sie ihren zehn Jahre alten Kessel plötzlich in eine Wärmepumpe umbauen sollen. Das hätte wirtschaftlich wirklich keinen Sinn gemacht", erklärt Schöll.

Viele Kunden bleiben dennoch verunsichert. Wer eine funktionierende Anlage hat, scheut den Wechsel. "Bei Gasthermen ist eher die Tendenz: wir warten ab, wie lange die Heizung noch läuft. Bei Ölheizungen ist die Bereitschaft größer und die Kunden wünschen sich den Austausch und die Aufklärung", beobachtet Schöll.

Wirtschaftlichkeit steht im Vordergrund

Meist steht die Wirtschaftlichkeit einer Wärmepumpe im Vordergrund. Lassen sich auch ältere Gebäude auf erneuerbare Energien umstellen? Mit welchem Aufwand ist das verbunden? Wie pragmatisch ist alles auf lange Sicht?

Heizkörperanlagen erfordern gute Beratung und Planung. Welche Heizkörper müssen im Einzelnen betrachtet werden? Wie lassen sich größere Wärmeflächen schaffen? Lässt sich durch eine Fassadendämmung die Vorlauftemperatur reduzieren? Wie sind die Rohrleitungen konzipiert? Wie sieht die Berechnung der Gesamtheizungsanlage aus?

"Bei einer sechsstelligen Summe als Investition, die der Eigentümer erst einmal vorstrecken muss, braucht es eine professionelle Herangehensweise", betont Schöll.

Klarheit bei Förderung und Beratung gefordert

Die fachliche Expertise steuert der Handwerksbetrieb gerne bei. Schöll wünscht sich aber eindeutige Ansagen und klare Strukturen von der Politik, wie es die nächsten Jahre weitergeht. "Nach dem Regierungswechsel stehen alle wieder auf der Bremse. Dazu kommt nach wie vor der Fachkräftemangel in der Branche. Für viele Verbraucher ist das Thema Energiewende noch immer zu undurchsichtig", kritisiert er.

Diese Unsicherheiten können die Heizungsbauer nicht ausgleichen. Es braucht Klarheit bei den Förderprogrammen. Doch wie lange diese Förderung noch läuft, ist unklarAuch mehr Unterstützung durch Energieberater wäre nötig – doch auch diese sind oft an ihrer Kapazitätsgrenze. "Wir Monteure können nicht auch noch Anträge schreiben für KfW und Bafa – schließlich wollen wir nicht ständig im Büro sitzen, sondern dort handwerklich arbeiten, wo wir gebraucht werden", sagt Schöll.

Nicht nur Wärmepumpen sind die Lösung

Schöll ist überzeugt, dass die Energiewende nicht allein mit Wärmepumpen zu schaffen ist. "Wir brauchen auf Dauer auch Gasanschlüsse, beispielsweise in der Tübinger Altstadt gibt das Baurecht im Denkmalschutz mit seinen Auflagen nichts anderes her. Das Fernwärmenetz wird die Kommunen auch noch intensiver beschäftigen, aber sie kommen ja kaum hinterher. Hauptsache die Bürokratie wird endlich in Angriff genommen", fordert Schöll.

Die kommunale Wärmeplanung kommt nur schleppend voran. Großstädte mit über 100.000 Einwohnern müssen ihre Wärmepläne bis Ende Juni 2026 vorlegen, alle übrigen Kommunen bis Ende Juni 2028. Vor allem große und mittlere Kommunen haben die Planung bereits begonnen oder abgeschlossen. Doch viele kleine Kommunen haben noch nicht angefangen.

Mal Änderungen, mal Lockerungen, dann wieder Verschärfungen. Was ist der aktuelle Stand bei der Energiefrage? Was kommuniziert die Presse? Was hat Bestand? "Wir als Handwerker können uns nicht täglich neu einlesen, was ein Minister entschieden hat, welcher Anschlusszwang bis zu welchem Datum denn nun existiert oder auch nicht. Was wir jetzt brauchen: echte Transparenz und Klarheit", appelliert Schöll. dhz

Zur Person

Rolf Schöll (Jahrgang 1963) startete 1980 seine dreijährige Ausbildung im elterlichen Betrieb. 1991 absolvierte er seine Meisterprüfung als Gas-Wasser-Installateur, 1992 in der Klempnerei. 2001 übernahm er in dritter Generation den Betrieb und führt ihn seither als Schöll GmbH mit zwei Gesellen und einem Auszubildenden. Seine Frau kümmert sich um das Büro. Der Betrieb existiert seit mehr als 90 Jahren in Tübingen.

SHK-Großhändler Reisser

Reisser wurde 1871 in Stuttgart-Untertürkheim gegründet. Fünf Tochtergesellschaften formen heute zusammen die Reisser-Gruppe. Das Unternehmen mit heutigem Stammsitz in Böblingen ist spezialisiert auf Bad- und Sanitärausstattung, Installations- und Heizungstechnik. Reisser ist ein Familienunternehmen und arbeitet in enger, partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit mehr als 10.000 Fachhandwerkern. Der Großhändler beschäftigt rund 1.800 Mitarbeitende an mehr als 50 Standorten hauptsächlich im Südwesten Deutschlands.