BUND will schnelle Stilllegung aller Kernkraftwerke - Hundt warnt vor irrationalen Entscheidungen Heftiger Streit über künftige Energiepolitik

Kurz vor dem 25. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat sich der Streit über die künftige deutsche Energiepolitik verschärft. Während die Umweltorganisation BUND einen sofortigen Atomausstieg verlangte, warnte das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) am Wochenende vor überstürzten Entscheidungen.

Foto: dapd

Heftiger Streit über künftige Energiepolitik

Berlin (dapd). Kurz vor dem 25. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat sich der Streit über die künftige deutsche Energiepolitik verschärft. Während die Umweltorganisation BUND einen sofortigen Atomausstieg verlangte, warnte das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) am Wochenende vor überstürzten Entscheidungen. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt mahnte, die Energiewende dürfe weder Arbeitsplätze noch Wachstum und Wohlstand gefährden.

Der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger, sagte, "spätestens in zwei Jahren" könnten in Deutschland alle Atomkraftwerke stillgelegt sein. Weiger widersprach der Argumentation, ein endgültiger Ausstieg aus der Atomkraft werde Deutschland teuer zu stehen kommen. Atomstrom sei nicht der billigste, sondern vielmehr "der mit Abstand teuerste Strom", sagte er mit Verweis auf das Risiko schwerer Störfälle.

Dagegen warnte der Direktor des IZA, Klaus Zimmermann, vor einem überstürzten Atomausstieg. Viele Fragen seien noch völlig ungeklärt, sagte Zimmermann. So dürfe der Klimaschutz nicht auf der Strecke bleiben. Zudem müsse darauf geachtet werden, dass die Energiepreise "nicht durch einen weiteren rasanten Anstieg den wirtschaftlichen Aufschwung und damit Arbeitsplätze gefährden".

Ähnlich argumentierte Arbeitgeberpräsident Hundt. Er äußerte die Befürchtung, "dass die Atom-Katastrophe in Japan zu irrationalen Entscheidungen führt". Deutschland benötige "eine sichere, ökologische und bezahlbare Energieversorgung". Hier seien alle Verantwortlichen in Bund und Ländern in der Pflicht. "Andernfalls gefährden wir Arbeitsplätze, Wachstum und Wohlstand", warnte Hundt.

Der Reaktor-Experte des Öko-Instituts, Michael Sailer, sagte, die Atomkatastrophe in Fukushima habe gezeigt, dass schwere atomare Unfälle nicht auszuschließen seien. Er gab zu bedenken, "dass bei einer so komplexen Technologie, die keinen Fehler verzeiht, der Faktor Mensch ein Sicherheitsproblem darstellt". Beim Konstruieren, beim Bedienen und beim Warten könnten Fehler unterlaufen, die sich nicht verhindern ließen.

"Die Gesellschaft muss jetzt entscheiden, welches Risiko sie bereit ist zu tragen", betonte Sailer. Er gehört der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) an, die derzeit die deutschen Atomkraftwerke auf ihre Sicherheit überprüft. Bis Mitte Mai will die Kommission Bundesumweltminister Norbert Röttgen einen Bericht über die Sicherheit der Anlagen übergeben. Sailer räumte ein, dass der Zeitplan für die Klärung von mehreren hundert Fragen "knapp bemessen" sei. "Auf der anderen Seite hat die Gesellschaft und auch die Politik ein Recht, baldmöglichst Antworten zu erhalten, wie es um die Sicherheit der Kraftwerke bestellt ist", sagte er.

Das Reaktorunglück von Tschernobyl am 26. April 1986 war der bisher schwerste Atomunfall der Geschichte. Die japanischen Behörden stuften die Vorfälle im havarierten Atomkraftwerk Fukushima jüngst in dieselbe Kategorie ein.

dapd