Eine aktuelle Studie zeigt: Zuschüsse zu haushaltsnahen Dienstleistungen könnten Wirtschaft und Gesellschaft positiv beeinflussen. Die Macher der Studie erläutern im Interview, welches Fördermodell für die Bundesregierung am besten umsetzbar wäre.
Daniela Lorenz

Seit Jahren bemühen sich Politik und Wirtschaft um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Im Koalitionsvertrag wird dazu der Punkt Zuschüsse für haushaltsnahe Dienstleistungen aufgeführt. Eine Studie, die Prognos und Forsa im Auftrag des Dienstleistungskonzerns Edenred durchgeführt haben, belegt die positiven Effekte, die eine Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen hätte. Der Auftraggeber der Studie und Geschäftsführer von Edenred Deutschland, Christian Aubry, und Lisa Krämer, Dipl.-Volkswirtin und Projektleiterin bei Prognos, erläutern die Potenziale einer Förderung und was Deutschland von anderen europäischen Ländern dabei lernen kann.
DHZ: Warum ist die Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen der Schlüssel zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
Christian Aubry: In der mit Prognos und forsa zusammen durchgeführten Befragung wurde deutlich, dass sich jeder zweite Haushalt mehr Unterstützung im Haushalt wünscht — vor allem auch, um mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können. Die Förderung von haushaltsnahen Dienstleistungen schafft die nötigen Voraussetzungen, um die begrenzte somit gewonnene Zeit gezielter zu nutzen. Denn nicht nur gute und verfügbare Betreuungsplätze für Kinder gehören zur besseren Vereinbarkeit. Vielmehr zählen auch Hilfen dazu, beispielsweise für jene Familien, in denen beide Elternteile gleichermaßen berufstätig sein, oder nach einer Familienphase wieder in den Beruf eintreten wollen. Wenn die Haushaltsarbeiten oder auch die Kinderbetreuung geregelt sind, bleibt einfach mehr Zeit für die Familie oder auch weiterführende berufliche Ziele.
DHZ: Was sind die volkswirtschaftlichen Potenziale einer solchen Förderung?
Lisa Krämer: Hier muss man zwischen den direkten und indirekten volkswirtschaftlichen Effekten differenzieren. Um die direkten Effekte quantifizieren zu können, werden den fiskalischen Kosten der Förderung zum einen die Rückflüsse in Form von erhöhten Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen gegenübergestellt, und zum anderen Einsparungen bei Transferzahlungen, die durch zusätzliche legale Beschäftigung bei den Dienstleistern entstehen. Im Fall der beiden betrachteten Fördermodelle führt das Modell mit Arbeitgeberzuschüssen unterm Strich zu einem positiven volkswirtschaftlichen Saldo, während die verhältnismäßig hohen Kosten eines rein öffentlich geförderten Modells nicht vollständig durch die Einnahmeeffekte refinanziert werden können. Unsere Analyse der indirekten volkswirtschaftlichen Effekte macht jedoch deutlich, dass sich eine Förderung mittel- bis langfristig dennoch lohnen kann. Unsere Analyse der indirekten volkswirtschaftlichen Effekte macht jedoch deutlich, dass sich eine Förderung mittel- bis langfristig dennoch lohnen kann. Wir haben hierbei sechs positive Effekte identifiziert: die Ausweitung von Beschäftigungsverhältnissen der Nutzerinnen und Nutzer haushaltsnaher Dienstleistungen, erhöhte Mehrwertsteuereinnahmen durch höhere Kaufkraft der zusätzlichen Beschäftigten, die Abmilderung des Fachkräftemangels, verbesserte Karriereperspektiven von Frauen, eine erhöhte Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie positive betriebswirtschaftliche Effekte in den Unternehmen.
DHZ: Warum ist es heute so wichtig, dass Arbeitnehmer Familie und Beruf vereinbaren können?
Christian Aubry: Es geht darum, die Chancengleichheit zu fördern und daher insbesondere gut ausgebildete und qualifizierte Frauen beziehungsweise Mütter für die Berufstätigkeit zu motivieren. Wenn diese bessere Möglichkeiten haben, ihre beruflichen Ziele zu verfolgen, lässt sich so auch der Altersarmut von Frauen vorbeugen. Dazu kommt, dass in der digitalen Welt Arbeit und Freizeit immer mehr verschmelzen und starre Arbeitsmodelle aufgebrochen werden. Arbeitnehmer können den Anforderungen nur gerecht werden, wenn sie ihre Zeit flexibler gestalten können.
DHZ: Was kann die finanzielle Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen bewirken?
Christian Aubry: Sehr viel! Eine finanzielle Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen trägt entscheidend dazu bei, den Spagat zwischen Familie und Beruf zu meistern. Insbesondere Frauen können durch die Unterstützung im Haushalt entlastet werden, damit sie mehr Zeit für die Familie oder auch zur Erreichung ihrer beruflichen Ziele haben. Darüber hinaus kann die Förderung auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Außerdem kann ein Zuschuss die Preislücke zwischen Schwarzmarkt und legalen Angeboten schließen. Dadurch könnten über 200.000 legale Arbeitsplätze im niedrig qualifizierten Lohnbereich geschaffen werden. Ein deutliches Zeichen im Kampf gegen die Schwarzarbeit!
DHZ: Hat es Sie überrascht, dass sich jeder zweite Haushalt die Inanspruchnahme haushaltsnaher Dienstleistungen vorstellen kann?
Christian Aubry: Ehrlich gesagt nein. Aus eigener Erfahrung weiß ich, welch eine Entlastung die Unterstützung im Haushalt mit sich bringt. Daher kann ich die unterschiedlichen Argumente der Befragten nur zu gut verstehen. Fakt ist, eine Unterstützung bei Haushaltstätigkeiten schenkt nicht gebundene Zeit. Wie diese verbracht wird, ist abhängig von den persönlichen Bedürfnissen.
DHZ: Die Studie analysiert zwei Fördermodelle. Welche sind das?
Lisa Krämer: Wir haben zum einen ein Modell mit steuerbegünstigten Arbeitgeberzuschüssen untersucht. In diesem Modell werden die Unternehmen als Förderer der Inanspruchnahme haushaltsnaher Dienstleistungen für ihre Mitarbeitenden miteinbezogen. Der Staat beteiligt sich hierbei nur indirekt durch den Verzicht auf Einnahmen bei Steuern und Sozialabgaben. Das andere Modell funktioniert ausschließlich mit öffentlichen Zuschüssen. So können auch spezielle Bevölkerungsgruppen mit besonderem Unterstützungsbedarf und niedrigem Einkommen erreicht werden. Um also eine möglichst breite Nutzergruppe zu erreichen, kann eine Kombination aus beiden Fördermodellen sinnvoll sein. Darüber hinaus zeigt die Untersuchung aber auch, dass es weiterer flankierender Maßnahmen bedarf, um die vielfältigen Hemmnisse der legalen Inanspruchnahme haushaltsnaher Dienstleistungen nachhaltig zu beheben.
DHZ: Welche Vorteile hätten Arbeitgeber, wenn sie Zuschüsse an ihre Mitarbeiter vergeben?
Christian Aubry: Arbeitgeber profitieren in vielerlei Hinsicht von den Zuschüssen. Sie ermöglichen ihren Mitarbeitern im Allgemeinen mehr Zeit – sei es für Freizeit und Familie oder zur Weiterentwicklung im Beruf beziehungsweise sogar zur Vollzeitbeschäftigung. Darüber hinaus können sie durch die Zuschüsse ihre eigene Arbeitgeberattraktivität steigern und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an ihr Unternehmen binden. Betriebswirtschaftlich ist auch interessant, dass familienfreundliche Maßnahmen sogar nachweislich die Rendite steigern können. Für Unternehmen ein Engagement, dass sich langfristig auszahlt!
DHZ: In anderen europäischen Ländern gibt es diese Modelle schon. Wie sehen sie dort aus?
Christian Aubry: Sehr unterschiedlich. In Frankreich hat man mit der Einbindung vonUnternehmen gute Erfahrungen gemacht. Das dortige Modell wird durch Arbeitgeberzuschüsse und eine staatliche Förderung finanziert, und bei Bedarf können Nutzerinnen und Nutzer den Gutscheinwert mit eigenen Zahlungen aufstocken. Damit Unternehmen sich an der Finanzierung beteiligen, werden ihnen in Frankreich Steuervorteile auf die Zuschüsse gewährt. Dass Arbeitgeberzuschüsse neben einer staatlichen Förderung nötig sind, verdeutlichen die Erfahrungen aus Belgien: Dort ging die alleinige und umfassende Stabilisierung des Marktes für haushaltsnahe Dienstleistungen durch öffentliche Gelder mit massiven Staatsausgaben einher. Mit pauschaler Förderung der Nachfrageseite durch den Staat ist es allerdings auch nicht getan. So zeigen die in Deutschland geltenden und wenig effektiven Steuererleichterungen, dass die finanzielle Förderung zielgruppenorientiert ausgestaltet sein muss. Familien und Alleinerziehende könnten von der Unterstützung im Haushalt besonders profitieren, doch die Förderung erreicht sie kaum, weil Haushalte mit niedrigen Einkommen ohnehin einkommensteuerfrei sind.
DHZ: Können sich auch Unternehmer mit wenigen Mitarbeitern die Zuschüsse an ihre Mitarbeiter leisten?
Christian Aubry: Die Umfragen haben gezeigt, dass ca. 50 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen bereit wären, ihre Mitarbeiter mit steuerbegünstigten Zuschüsse zu unterstützen. Davon würden rund die Hälfte einen Zuschuss von bis zu 100 Euro pro Monat gewähren, ein weiteres Drittel wäre bereit, bis zu 200 Euro zu geben. Zusatzleistungen sind gerade bei kleinen und mittelständischen Unternehmen beliebt, um Fachkräfte zu gewinnen.
DHZ: Wenn ein Unternehmer diese Förderung anbieten möchte, wie geht er da nun weiter vor?
Christian Aubry: Ich möchte hier betonen, dass wir uns in einem ersten Schritt Gedanken gemacht haben, wie es möglich sein könnte den Punkt zur Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen aus dem Koalitionsvertrag ein Stück näher an seine Umsetzung zu bringen. Heute sind wir noch weit davon entfernt, wenngleich es aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales schon recht konkrete Vorschläge gibt und auch schon ein Modellversuch in Baden-Württemberg abgeschlossen wurde. Aus unserer Sicht befürworten wir ein Zuschusssystem auf Basis einer gesetzlichen Vorlage, das arbeitgeberseitig wie auch staatlich gespeist wird. Sollte so ein System umgesetzt sein, so könnte der Arbeitgeber seinem Mitarbeiter die Kosten für haushaltsnahe Dienstleistungen nachträglich erstatten oder er händigt diesem, wie in Frankreich, einen Haushaltsgutschein aus. Die zweckgebundenen, steuerbefreiten Gutscheine können von Arbeitgebern gekauft werden und anschließend von den Mitarbeitern bei entsprechenden, anerkannten und qualifizierten Dienstleistern eingelöst werden.
Über die Autoren der Studie
Christian Aubry ist Geschäftsführer von Edenred Deutschland. Darüber hinaus ist er geschäftsführender Vorstand des Prepaid Verband Deutschland (PVD) e. V., einer Branchenvereinigung und Interessenvertretung der in Deutschland tätigen Prepaid-Industrie.
Lisa Krämer ist Dipl. Volkswirtin und bei Prognos als Projektleiterin tätig. Sie ist Expertin für ökonomische Analysen im Bereich Familien- und Sozialpolitik.

