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Inklusion im Friseursalon Hans sorgt für Harmonie

Friseurmeister Francesco Scavo engagiert sich nicht nur in Sachen berufliche Integration von Geflüchteten, sondern auch für das Thema Inklusion. Seit knapp zwei Jahren arbeitet er zusammen mit Hans, einem 19-jährigen jungen Mann, der mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) auf die Welt gekommen ist. Sein Fazit: "Er hat mich und mein Handwerk geprägt".

DHZ: Welche Beweggründe haben Sie angetrieben, sich bei den Themen Integration und Inklusion zu engagieren?
Francesco Scavo: Das ist eine Herzensangelegenheit. Ich wurde selbst in jungen Jahren mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Außerdem bin ich ein sehr empathischer Mensch, bin offen und sehe die Menschen selbst, nicht die Umstände oder die Herkunft. Alle meine Mitarbeiter bereichern meinen Friseurbetrieb, das ist die Vielfalt des Handwerks.

DHZ: Wie sind Sie und Herr Jakob zueinandergekommen?
Scavo: Über eine übliche Stellenanzeige in der Zeitung. Ich habe einen neuen Mitarbeiter gesucht und in der Anzeige erwähnt, dass ich auch gerne Menschen mit einer Behinderung einstelle. Daraufhin hat sich Kirsten Jakob, Hans’ Mutter, bei mir gemeldet und wir haben uns getroffen. Bei unserem ersten Kennenlernen erzählte mir seine Mutter, dass er eine Affinität zu Haaren und damit zu unserem Handwerk hat. Er hat dann zunächst als Praktikant bei uns angefangen. Wir wollten so gegenseitig schauen, ob es passt, und waren uns dessen schnell sicher.

DHZ: Welche Herausforderungen gab/gibt es?
Scavo: Ich hatte speziell mit der Behinderung Down-Syndrom keine Erfahrung. Das ist natürlich eine Herausforderung, vor der viele zurückschrecken. Aber wir hatten von Beginn an ein tolles Verhältnis und einen engen Austausch mit Hans’ Mutter. Damit gehen wir pädagogisch Hand in Hand in Beruf und Privatleben. Im Nachhinein lag die Herausforderung nicht bei Hans’ Person, sondern in der Bürokratie, mit der wir uns monatelang beschäftigt haben.

DHZ: Hat Hans inzwischen ein festes Arbeitsverhältnis?
Scavo: Bei Hans ging es bei der Übernahme in ein “richtiges“ Arbeitsverhältnis darum, ob seine Arbeitsleistung bei über 30 Prozent liegt. Der zuständige Integrationsfachdienst hat das im Gegensatz zu uns als nicht gegeben gesehen. Aber wir haben mit Unterstützung der Agentur für Arbeit um ihn gekämpft. Jetzt wird er für seine Leistung entlohnt, so wie seine Kollegen auch. Der Arbeitsplatz wird von der Bundesagentur, der Eingliederungshilfe und dem Integrationsfachdienst bezuschusst.

DHZ: Wie haben Kollegen und Kunden reagiert?
Scavo: Die Entscheidung, mich beim Thema Inklusion zu engagieren, habe ich nicht alleine getroffen. Nachdem Hans sich mit seiner Mutter bei mir vorgestellt hat, habe ich die Situation in der Teambesprechung geschildert und wir haben einstimmig beschlossen, das als Team gemeinsam anzugehen. Die Kunden haben in beinahe allen Fällen positiv reagiert.
DHZ: Was schätzen Sie an Hans?
Scavo: Hans ist ein wertvoller Mitarbeiter für mich. Ich schätze seine Offenheit und Menschlichkeit. Er hat mich und mein Handwerk geprägt und verändert. Ich war früher sehr impulsiv. Hans hat mich dazu gebracht, mein Handeln zu hinterfragen und mein Handwerk neu zu erleben. Außerdem ist er das Bindeglied im Team, er ist unsere “Justizia“. Auf Recht und Unrecht achtet er besonders. Seit er bei uns ist, haben Harmonie und Gleichgewicht im Team eine andere Bedeutung. Außerdem hat sich die Kommunikation verbessert.

DHZ: Welche Tätigkeiten übernimmt Hans?
Scavo: Hans hat einen täglich fest geplanten Arbeitsablauf zwischen 8.45 und 12.30 Uhr. Die erste Zeit hat er uns im Hintergrund unterstützt durch putzen, das Ausräumen der Spülmaschine und Getränkeservice. Inzwischen ist er vorne mit dabei, gibt Handmassagen und wäscht inzwischen auch Haare. Seine Aufgaben verändern sich. Sie werden seiner Leistung und Entwicklung angepasst. Wir dokumentieren alles und besprechen uns mit seiner Mutter.

DHZ: Was bedeutet es für Hans, selbstständig zu sein?
Scavo: Er und seine Mutter sind sehr stolz, dass er bei uns im Salon arbeitet und sein eigenes Geld verdient. Seiner Mutter war wichtig, dass er selbstbestimmt im Leben steht. Von seinem Gehalt spart er beispielsweise auf einen Urlaub oder lädt seine Mutter zu einem Eis ein. Dabei geht er sehr verantwortungsbewusst mit seinem Geld um. Einen kleinen Teil bekommt er bar zur freien Verfügung, der Rest landet auf dem Konto.

DHZ: Welchen Rat geben Sie Betrieben, die überlegen, sich beim Thema Inklusion zu engagieren?
Scavo: Ich rate allen Betrieben, offen zu sein, weil jeder Mensch anders ist. Dabei kann jeder Betriebsinhaber das Thema angehen und für sich und seinen Betrieb ausprobieren und im Zweifelsfall kämpfen – denn es lohnt sich.

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