Es ist das beschämendste Kapitel deutscher Geschichte: der Holocaust. Nichts kann den Völkermord an den Juden je wieder gutmachen. Das wissen auch die sächsischen Handwerker, die Jahr für Jahr nach Israel fahren, um Überlebenden der Schoah kostenlos die Wohnung zu renovieren. Sie sehen ihr Engagement als Geste der Versöhnung.
Ulrich Steudel
Volker Rabe erinnert sich noch genau an jene Begegnung, als er zum ersten Mal die Wohnung eines Holocaust-Überlebenden betrat. Noch ehe der Elektromeister aus Erlau bei Chemnitz und die anderen Handwerker mit ihrer Arbeit begannen, erzählte der Gastgeber seine Geschichte: Wie er von seinen besorgten Eltern nach der Pogromnacht im November 1938 in ein Internat nach Frankreich geschickt wurde, wie er 1942 als Sechsjähriger dort von der Gestapo entdeckt und ins KZ Bergen-Belsen deportiert wurde, wie er bei der Befreiung als Zehnjähriger ganze elf Kilo wog, während seine Mutter und seine Schwestern in Auschwitz umgebracht worden waren. „Der Schock saß tief. Ich habe selbst einen sechsjährigen Enkel. Das lässt einen nicht mehr los“, sagt Volker Rabe, der inzwischen als Teamleiter Handwerkergruppen nach Israel führt.
Viele Holocaust-Opfer leben unter der Armutsgrenze
Die Handwerkerreisen wurden vom Verein Sächsische Israelfreunde im Jahr 2004 ins Leben gerufen. Seither waren rund 500 Personen zu Hilfseinsätzen in Israel. „Ein Drittel von den rund 200.000 Holocaust-Opfern lebt unter der Armutsgrenze. Einen Handwerker können sie sich gar nicht leisten“, sagt Michael Sawitzki aus Claußnitz, der die Handwerkerreisen koordiniert.
Das Interesse an den Hilfseinsätzen ist groß. Mittlerweile fliegt zwischen Oktober und Juni jeden Monat eine Gruppe von acht bis zehn Personen für zwei Wochen nach Israel. Ein Ehepaar, das in Zeulenroda eine Töpferei betrieb, lebt seit diesem Jahr zeitweise in Israel, um die Handwerkereinsätze vor- und nachzubereiten. Denn mit den Renovierungen ist es oft nicht getan. „Viele der alten Menschen wünschen sich, dass wir sie weiterhin besuchen. Es sind teilweise richtige Freundschaften entstanden“, sagt Michael Sawitzki.
Erinnerungen an die Schoah wachhalten
Rund 800 Euro muss jeder Handwerker für die Reise aus eigener Tasche aufbringen, die Zeit geht vom Urlaub ab. Das Material wird mit Spendengeldern finanziert. Vor Ort teilt sich jede Gruppe in kleinere Kolonnen auf, um an mehreren Stellen arbeiten zu können. Dabei steht für Volker Rabe die Arbeit gar nicht im Vordergrund, sondern die Beziehung zu den Menschen, die so ungeheuer viel Leid durchlebt haben. „Dass sie uns überhaupt in ihre Wohnung lassen, ist ein sehr großer Vertrauensbeweis“, sagt der Elektromeister.
Oft treffen die Handwerker bei ihren Einsätzen zunächst auf ängstliche Menschen, die sehr zurückgezogen leben. Aber sie wissen um den Leidensweg unter dem Naziterror. Sie wissen, dass manche von den Überlebenden bis heute nicht mit dem Zug fahren, dass sie nie unter eine Dusche treten. Und dass manche Kopfhörer aufsetzen, weil sie die deutsche Sprache nicht ertragen.

Hilfe für behinderte palästinensische Kinder
Das Engagement der Sächsischen Israelfreunde beschränkt sich aber nicht auf Holocaust-Opfer. So haben Handwerker aus dem Erzgebirge gemeinsam mit palästinensischen Kollegen beim Bau eines Therapie- und Ausbildungszentrums für behinderte palästinensische Kinder und Jugendliche in Beit Jala bei Bethlehem geholfen. Das Haus beherbergt auch Ausbildungsräume, in denen Jugendliche Berufe wie Tischler, Schuhmacher oder Metallbauer lernen.
Am 4. Januar startet Michael Sawitzki wieder nach Israel, um die nächsten Handwerkerreisen vorzubereiten. Während bisher vor allem in Jerusalem und Haifa gearbeitet wurde, werden sich die Einsätze 2015 vor allem nach Sderot verlagern, unmittelbar neben dem Konfliktherd Gaza gelegen. Dort wurden in den vergangenen Jahren viele jüdische Emigranten aus Osteuropa und Frankreich angesiedelt.
Spendenkonto: Sächsische Israelfreunde, IBAN: DE 60 8709 6124 0197 0146 10, Volksbank Mittweida, Stichwort: Handwerker
Ansprechpartner: Michael Sawitzki, Tel. 0172/1004311