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TV-Kritik: ARD-Morgenmagazin zum Handwerkermangel Handwerkermangel: Eine Reporterin begibt sich unter Handwerker

Warum dauert es so lange, bis man einen Handwerker bekommt? Und warum wollen junge Leute immer seltener in der Branche arbeiten? Die Fragen sind sattsam bekannt, doch das ARD-Morgenmagazin griff sie mit einem Beitrag und einem Interview mit einer jungen Anlagenmechanikerin aus einer Richtung auf, die sonst oft unterbelichtet bleibt - nämlich der der Handwerker selbst.

Als Jürgen Lautenschläger vor dem "Discobad" steht, glänzen seine Augen. Ein in wechselnden Farben leuchtender Spiegel, edle Kacheln, ein Bad auf Hochglanz, und der Meister der Haustechnik aus Eningen in Baden-Württemberg erzählt davon, wie erfüllend der Handwerksberuf sein kann.  "Wenn man so ein schönes Bad machen darf, das gibt einem schon viel, auch Wertschätzung", sagt Lautenschläger.

Das, so hieß es in dem Beitrag der ARD-Moma-Reporter, sei die wohlriechende, glänzende Seite seines Jobs - doch zuvor war auch die andere gezeigt worden. Eine Urinalablaufdichtung sollte in einer Schule in Reutlingen gewechselt werden, und weil Lautenschläger genau die eine passende trotz großen Sortiments nicht dabei hat, muss er zum Fachhändler, wegen eines Gummiteils. "Der Zeitplan muss flexibel sein wie Kaugummi", hieß es dazu vielsagend. Das Berufsleben, es ist halt nicht immer schwarz oder weiß.

Klassischer Beginn, aber dann...

Eigentlich hatte die Reporterin Cecilia Knodt ihren Beitrag auf die ganz klassische Art begonnen. Die Story: Fenster kaputt, ein Glaser soll her, möglichst gestern. Doch am Telefon nur Warteschleifen und Termine frühestens nächste Woche. "Wo klemmt’s im Handwerk", fragte sich die Journalistin - und begab sich auf Spurensuche, verdienstvollerweise nicht wie so oft beim Kunden, sondern bei den Handwerkern selbst. Ein Tag unter Handwerkern begann.

"Ich hatte in den letzten zehn Jahren nicht einmal Scheiße in der Hand"

Neben Jürgen Lautenschläger stattete sie auch dem Sanitärbetrieb Häfele in Göppingen, ebenfalls Baden-Württemberg, einen Besuch ab. Dort ist der Terminplan, wie überall, randvoll, und das bedeutet Stress. Mit Anlagenmechaniker Marco Albrecht und Azubi Bilel Madassi machte sich die Reporterin auf den Weg und spürte auch so manchem Vorurteil über das Installateurs-Gewerk nach. "Pardon, aber Gas, Wasser, Scheiße - was können Sie dazu sagen?", fragte sie den leicht verblüfften Albrecht, und der antwortete prompt: "Dass ich die letzten zehn Jahre nicht einmal Scheiße in der Hand hatte." Er wisse aber, dass der Job teilweise verpönt sei, im Bekanntenkreis höre er immer wieder ein "um Gottes Willen".

Blöde Sprüche kennt auch der Auszubildende Madassi - und bestätigte, dass es mitunter in stressigen Momenten auch einen etwas rauen Ton gebe. " Wenn er was sagt, mache ich das, da bin ich wie ein Soldat", sagte er grinsend. "Aber ich bin froh, wenn es mir was beibringt." Am Ende sei es einfach wichtig, dass man mit den eigenen Händen etwas geschaffen habe. "Ich muss halt nicht die ganze Zeit im Büro rumsitzen. Wenn ich fertig bin, denke ich mir, cool, das hast du geschafft, du kannst stolz auf dich sein", sagte der Azubi.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Das klang alles sehr vorbildlich, aber nach dem Sprung zum Alltag von Jürgen Lautenschläger zeigte die informative Reportage, dass eben nicht alles Gold ist, was glänzt. Der Haustechnik-Meister bekommt praktisch keine Bewerbungen für Ausbildungsstellen, nur zwei seiner letzten zehn Azubis haben die Ausbildung durchgezogen. "Die Hauptnachfrage ist mittlerweile aus der Sonderschule, nicht mal mehr aus der Hauptschule", erzählte er. "Es ist schwierig, die Leute in den Beruf reinzubekommen." Eine Lösung hat Lautenschläger durchaus parat: "Wenn der Handwerker mehr verdienen würde, würde er auch höher angesehen. Denn wer teuer ist, ist auch wertvoll." Reporterin Cecilia Knodt sah beeindruckt aus, und betonte, dass sie nun mehr Verständnis für die Probleme im Handwerk habe.

Junge Installateurin: Erst Banklehre, dann Azubi der Anlagenmechanik und Studentin

Nach dem versöhnlichen Ende des Beitrags schlug dann die Stunde von Madita Brauer. Die 21-Jährige war ins Studio zum Interview eingeladen. Sie macht eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin im elterlichen Betrieb und studiert gleichzeitig in einem trialen Studiengang Handwerksmanagement. Auf Instagram gibt sie Einblicke in ihre Arbeit (@frauimhandwerk). Interessant: Zuerst schloss sie eine Banklehre ab, ihr Bruder sollte den Betrieb übernehmen. Doch "Büro ist für mich nichts", stellte sie schnell fest - und probierte das Handwerk einfach mal aus, in Kombination mit dem Studium. "Nach zwei Wochen auf der Baustelle wusste ich, das ist genau mein Ding." Dass viele junge Leute nicht in den Beruf wollten, habe mit dem Vorurteil zu tun, dass es ein Knochenjob sei. "Allerdings hat die Technik das Handwerk erreicht und vieles ist leichter geworden", sagte Brauer. Und es gebe auch Weiterbildungsmöglichkeiten.

Viele Probleme halten den Nachwuchs fern

Beim Thema bessere Bezahlung schließlich stimmte sie Jürgen Lautenschläger, dem Haustechnik-Meister aus dem vorangegangenen Beitrag zu. " Das könnte für mehr Menschen ein Faktor sein, ins Handwerk zu gehen." Ob das die alleine hilft, sei dahingestellt. Ein Baustein für die Lösung des Nachwuchs-Problems ist es sicherlich, neben mehr Wertschätzung des Berufs, besseren Weiterbildungsmöglichkeiten oder Arbeitsbedingungen, aber auch einer steigenden Bereitschaft junger Leute, wieder in körperlich anstrengende Berufe einzusteigen, in denen man sich auch mal die Hände schmutzig macht - zumal gerade die überbordende Akademisierung ebenfalls ihren Beitrag zum Fachkräfte-Schwund im Handwerk leistet.

Jürgen Lautenschläger würde es fürs Erste sicherlich schon reichen, wenn er überhaupt einen ganz klassischen Azubi bekäme, ganz ohne Zusatzstudium, der die Ausbildung durchzieht. Bis es wieder soweit ist, macht er weiter alles selber - von der Urinalablaufdichtung bis zum "Discobad" - und ist dabei sichtlich stolz auf seine Arbeit.

Den kompletten Beitrag können Sie hier anschauen.

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