Gleichstellungsdebatte Handwerkerinnen holen kräftig auf

Passend zum Weltfrauentag steht heute der erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung im Parlament zur Debatte. Doch trotz vieler Veränderungen im deutschen Erwerbssystem kommt der Bericht zu einem wenig positiven Ergebnis: "Eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen ist nach wie vor nicht realisiert". Frauen erreichen noch immer seltener als Männer leitende Positionen. Doch es gibt Ausnahmen. Das Handwerk macht es vor. Jeder fünfte Handwerksbetrieb wird inzwischen von einer Frau geführt.

Immer mehr Mädchen interessieren sich für eine Handwerksausbildung in eher männertypischen Berufen, doch trotzdem bestehen hier noch große Unterschiede. - © Fotolia/runzelkorn

Auch wenn der Gleichstellungsbericht für die weiblichen Erwerbstätigen in Deutschland ein ernüchterndes Bild bietet, so können die Beschäftigten aus dem Handwerk mit den eigenen Fortschritten doch zufrieden sein. Eine Debatte um Führungspositionen in Aufsichtsräten und Gleichstellungsbeauftragte erübrigt sich in kleinen und mittelständischen Unternehmen zwar meistens, aber umso erfreulicher ist es, dass der Anteil der Frauen im Handwerk zunimmt. Und gemeint sind hier nicht nur die Angestellten Handwerkerinnen, sondern vor allem die Betriebsgründerinnen und Absolventinnen einer Meisterprüfung. Diese Frauen schaffen sich auf diesem Wege ihre eigenen Führungspositionen – ganz ohne große Debatte und Quotenregelung.

Mehr als 18.000 Betriebsneugründungen werden im Handwerk jährlich von Frauen vorgenommen und auch der Anteil weiblicher Azubis im Handwerk nimmt stetig zu. Dopch auch wenn sich die klassische Geschlechterverteilung – Frauen in den Gesundheitshandwerken und Männer in den Bauberufen – immer mehr ausgleicht, gibt es noch große Unterschiede bezogen auf die einzelnen Berufe.

Bei den Malern und Lackierern ist der Anteil zum Beispiel von acht auf 13 Prozent gestiegen, bei den Tischlern von sechs auf neun Prozent und bei den Schornsteinfegern sind es mittlerweile schon über zehn Prozent. Hingegen tun sich Mädchen mit Bauberufen, dem SHK-Handwerk oder dem Metallhandwerk noch immer schwer.

"Frauen sind immer ein Gewinn für die Betriebe"

Diese Situation noch stärker zu verändern und so mehr Frauen für die männertypischen Berufe zu begeistern, ist das Ziel des jährlich stattfindenden Girls' Day. In diesem Jahr öffnen dazu am 26. April wieder viele Handwerksbetriebe ihre Werkstätten und geben Mädchen ab der 5. Klasse die Gelegenheit, für einen Tag in die Welt des Handwerks hinein zu schnuppern.

"Frauen in typischen Männerberufen sind immer ein Gewinn für die Betriebe", sagt Elisabeth Schöppner, die Projektleiterin der Koordinierungsstelle Girls'Day. Zum Beispiel könne es in Kfz-Werkstätten von Vorteil sein, wenn es auch Frauen in der Werkstatt gibt. Kundinnen würden sich oft verstandener fühlen, wenn sie mit einer Frau sprechen können. Für Elisabeth Schöppner ist deshalb der Girls'Day ein ganz besonders guter Weg für die Betriebe, Kontakte zu möglichen neuen Mitarbeiterinnen zu knüpfen. Ein weiterer positiver Effekt: Betriebe, die immer wieder am Girls'Day teilnehmen, scheinen einen besseres Gespür dafür zu entwickeln, wie sie junge Frauen ansprechen müssen, um sie für sich zu begeistern. Besonders wichtige ist dies, da die Suche nach geeignetem Nachwuchs für fast alle Branchen mehr und mehr zur Herausforderung wird.

"Es kommt auf den Weitblick an"

Frauen holen im Handwerk immer stärker auf. Eine Frau, die den Schritt in die Selbstständigkeit im Handwerk gewagt hat, ist Birgit Rodler. Zusammen mit zwei Kolleginnen hat sie 2009 einen Näh- und Stickereibetrieb aus der Insolvenz herausgekauft und wieder auf Erfolgskurs geführt. So rettete sie nicht nur ihren eigenen, sondern auch zahlreiche weitere Arbeitsplätze. " Natürlich war die Geschäftsübernahme mit Risiken verbunden", berichtet Rodler von den Anfangszeiten. "Wir mussten schnell handeln. Bereits während der Insolvenzverhandlungen besuchten wir ehemalige Großkunden der alten Firma und warben für unseren neuen Betrieb." Zudem haben sie Großabnehmer wie den Deutschen Fußball-Bund von der handwerklichen Qualität unserer Waren überzeugt und konnten den Betrieb so Stück für Stück auf ein stabiles Fundament stellen.

Die Handwerksunternehmerin ist sich sicher, dass Frauen ein Unternehmen genauso erfolgreich leiten können wie Männer. "Es kommt auf das Engagement und den Weitblick an", sagt Rodler. "Deshalb möchte ich jeder Frau Mut machen: Trauen Sie sich! "

Elisabeth Schöppner und Birgit Rodler sind zwei Frauen, die sich dafür einsetzen, dass die immer noch vorherrschenden Unterschiede in der Arbeitswelt zwischen Männern und Frauen weiter in den Hintergrund treten. Doch der persönliche Einsatz und das Engagement sind ebenso wichtig wie die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die stimmen müssen, damit sich etwas verändert. Vielleicht bedarf es hier ja noch ein paar mutiger Schritte mehr. Denn ein weiteres Ergebnis des ersten offiziellen Gleichstellungsberichts lautet, dass die seit neun Jahren existierende freiwillige Vereinbarung der Bundesregierung und den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft zur Förderung der Chancengleichheit von Frauen und Männern in der Privatwirtschaft zu keiner Veränderung der Geschlechterverteilung in Führungspositionen geführt hat. dhz

Ein Interview mit Handwerksunternehmerin Birgit Rodler lesen Sie hier.

Mehr zum Girl's Day berichtet Elisabeth Schöppner hier.