Mammutprojekt im schwäbischen Meßkirch Handwerker bauen eine Klosterstadt

Im oberschwäbischen Meßkirch soll über einen Zeitraum von 40 Jahren eine mittelalterliche Klosterstadt entstehen. Gearbeitet wird unter mittelalterlichen Bedingungen mit Holzschaufel und Ochsenkarren. Die Handwerker aus der Region warten schon auf ihren Einsatz. Doch die Zahl der Bewerber übersteigt den Bedarf bei Weitem.

Burkhard Riering

Die Klosterstadt als Modell: So ungefähr könnte es auf einer Wiese bei Meßkirch einmal aussehen. Dort soll innerhalb von 40 Jahren eine komplette karolingische Klosterstadt entstehen. - © dapd/felix Kästl

Mit einer kleinen Holzkirche fangen die Handwerker an. Sie wird als Erstes gebaut. Denn die Arbeiter brauchen schließlich einen Platz zum Beten, während sie die richtige Steinkirche und alle anderen Häuser bauen. So war es einst im Mittelalter, und genau wie damals wollen sie es jetzt auch machen. Ora et labora im 21. Jahrhundert.

Die Holzkirche ist der Anfang eines baulichen Mammutprojekts, das es so noch nie gab: Eine ganze karolingische Klosterstadt soll im oberschwäbischen Meßkirch gebaut werden, und zwar streng nach mittelalterlichen Bedingungen. Die „Stadt“ wird nach dem berühmten St. Gallener Klosterplan „Campus Galli“ aus dem neunten Jahrhundert entstehen – mit Kirche, Häusern, Hütten und Höfen. Im Frühjahr 2013 beginnt der Bau – und 40 Jahre soll es dauern, bis endlich alles fertig ist. Auf wohl zwölf Hektar Fläche soll sich dann die Stadt entfalten.

Holzschaufel statt Bagger

Für die Handwerker, die hier mitarbeiten werden, bedeutet das: zurück zu den Ursprüngen ihres Gewerks. Und viel harte, körperliche Arbeit. Keine Lastwagen, sondern Ochsenkarren. Keine Maschinen, sondern Holzwerkzeug. Keine Arbeitsschuhe, sondern Clogs. Keine Funktionskleidung, sondern gewalkter Loden. Natürlich alles in Absprache mit dem Ordnungsamt; es wird nur gemacht, was auch erlaubt ist.

Die Idee, die Stadt nach dem Plan des Abts Haito von Reichenau zu bauen, trägt der Initiator Bert M. Geurten schon fast sein ganzes Leben mit sich herum. Diese Idee ließ ihn nicht mehr los, seit er als Sechzehnjähriger in einer Ausstellung in seiner Heimatstadt

Aachen ein Modell des Campus Galli

gesehen hat. Eines Tages, so wusste er immer, wird das Projekt Wirklichkeit werden. Denn bis heute ist nie eine Stadt nach dem Plan gebaut worden, der Campus Galli blieb stets Theorie.

Die Handwerker sind dabei der Mittelpunkt des Geschehens. Es sollen, wenn alles gut läuft,  20 bis 30 Festangestellte auf der Baustelle beschäftigt werden. „Vor allem Steinmetze, Maurer, Zimmerer und Schreiner werden zu Beginn gebraucht. Später kommen Silber- und Goldschmiede für die Kirchenkunst hinzu“, erzählt Geurten. Allein 110 Steinmetze hätten sich schon beworben, obwohl erst einmal nur vier gebraucht werden.

Reich wird man damit allerdings nicht. Der Lohn soll bei rund 1.200 Euro liegen. Es gehört also eine gute Portion Idealismus dazu. „Es ist für die Handwerker faszinierend, ihren Beruf einmal auszuüben wie vor mehr als 1.000 Jahren“, sagt der Aachener Geurten. Auch viele Freiwillige riefen ihn an, vom Arbeitssuchenden bis zum Arztehepaar. „Die sind alle mit Herzblut dabei.“

Einblicke in alte Gewerke

Im „Werkstättle“ neben dem Meßkircher Rathaus laufen derzeit die Vorbereitungen. Handwerker  stellen hier gemeinsam mit Arbeitslosen Gerätschaften und Werkzeuge her. Michael Straub ist auch bereits mit von der Partie. Der Schreiner aus Krauchenwies bei Meßkirch will von Anfang an dabei sein. Er baut und testet gerade die Arbeitsgeräte, die sie brauchen werden.

Was ihn daran reizt? „Es ist ein Riesenprojekt, das wir in Ruhe angehen und bei dem wir ohne Zeitdruck arbeiten können. Ich muss nicht morgen früh mit irgendwas fertig sein wie im richtigen Berufsalltag“, sagt der 36 Jahre alte Straub. Er will die Klosterstadt über längere Zeit begleiten. „Ich will über Jahre dabeibleiben und alles miterleben“, sagt Straub. Die Arbeit der Handwerker wird etwas Besonderes sein – auch aus wissenschaftlicher Sicht. Denn die Initiatoren erhoffen sich auch Erkenntnisse darüber, wie die Menschen einst gearbeitet haben. Denn so ganz genau weiß das auch die Wissenschaft nicht. Das Projekt wird von einer Art Beraterstab mit Bauhistorikern, Architekten und Archäologen begleitet.

Geurten hofft, dass die karolingische Baustelle eine Touristenattraktion wird. Denn Eintrittsgelder sollen zur Finanzierung des Projekts beitragen. „Die Leute kommen und schauen sich das an. Und sie kommen immer wieder, wenn ihnen das Projekt gefällt“, sagt Geurten. Das Entstehen der Stadt sei doch das Spannendste daran. Die Menschen wollten es wachsen sehen.

Für die Besucher gilt übrigens das Gleiche wie für die Arbeiter: Mittelalter ist angesagt. Es wird keine Hotdog-Bude und keinen Cola-Automaten geben, sondern nur das, was es auch im neunten Jahrhundert zu Zeiten Karls des Großen gab. Also nicht einmal Kaffee. Dafür gibt es vielleicht einen Töpferstand, einen Imker und Puppenspieler.

Dass Geurtens Vorstellungen nicht abwegig ist, will er am Beispiel Guédelon im französischen Burgund zeigen. Dort wird eine Klosteranlage aus dem 13. Jahrhundert gebaut, und die Franzosen haben zuletzt Besucherzahlen im sechsstelligen Bereich pro Jahr gehabt.

Mancher Meßkircher hadert

Und was sagt Meßkirch zu all dem Trubel? In der Bevölkerung gibt es auch kritische Stimmen. Sie bezweifeln, dass das Projekt jemals finanziell auf eigenen Beinen stehen könne. Zudem haben Umweltschützer Bedenken, die Baustelle auf der grünen Wiese zu errichten. Die zuständigen Behörden haben indes ihre Zusage erteilt.

Geurten rührt dafür unermüdlich die Werbetrommel. Er spricht mit unterstützenden Unternehmen, Geschäftsleuten, Behörden, Handwerkern. „Das Projekt lässt  die Menschen träumen“, sagt der 63 Jahre alte Geurten, der lange Zeit als Radiojournalist gearbeitet hat.

Wenn der Schnee schmilzt

Am liebsten würde Geurten am 2. April loslegen. Das ist das Geburtsdatum Karls des Großen. Bis zum 11. November – zu Sankt Martin – soll durchgearbeitet werden. Doch ob der April klappt, ist nicht sicher wegen der Witterung. Normalerweise liegt da auf der Alb noch Schnee. Doch das war im Mittelalter ja auch nicht anders.