Berlinale: Ideenwettbewerb "Meiner Hände Werk" Handwerk wünscht sich mehr Präsenz in Film und Fernsehen

Das Handwerk ist in fiktiven Film- und Serienformaten eindeutig unterrepräsentiert. Der ZDH und die Handwerkskammern arbeiten mit verschiedenen Aktionen erfolgreich dagegen an – unter anderem mit einem Ideenwettbewerb, dessen Sieger Mitte Februar im Rahmen der Berlinale ausgezeichnet wurden.

Lars-Christian Daniels

In Aki Kaurismäkis Wettbewerbsbeitrag "Die andere Seite der Hoffnung" flüchtet der gelernte Mechaniker Khaled Ali (Sherwan Haji, li.) aus Syrien nach Finnland und findet bei Restaurantbesitzer Wikström (Sakari Kuosmanen) einen illegalen Aushilfsjob. - © Malla Hukkanen/Sputnik Oy

Wer heutzutage durchs TV-Programm zappt, wird feststellen, dass das Handwerk dort kaum eine Rolle spielt: In der Regel sind Polizisten und Anwälte, Köche und Ärzte in Filmen und Serien die Helden.

Deutsche Unterhaltungsformate, in denen Dachdecker, Fleischer oder Zimmerer eine Hauptrolle spielen, sucht man vergebens. Sind überhaupt einmal Handwerker auf der Mattscheibe zu sehen, wird dort meist ein einseitiges und klischeebeladenes Berufsbild vermittelt: Erst im Sommer 2016 lief im ZDF wieder eine platte Familienkomödie mit dem Titel "Handwerker und andere Katastrophen", bei der über vier Millionen Zuschauer einschalteten. Fiktion und Realität in der Arbeitswelt liegen oft weit auseinander, denn mit Handwerksberufen beschäftigt sich die schöne heile Fernsehwelt – bei Jugendlichen auch im Zeitalter des Internets noch gefragt – nur am Rande.

Für "die Wirtschaftsmacht von nebenan" ist das ein großes Problem: Was im TV und im Kino nicht gezeigt wird, existiert in den Augen vieler Schulabgänger – und damit der potenziellen Fachkräfte von morgen – überhaupt nicht. Umgekehrt ist die Zahl der Jugendlichen, die eine Ausbildung als Koch beginnen, in den letzten Jahren gestiegen – wohl auch, weil auf allen Kanälen Kochshows laufen. Dabei hat das Handwerk mit seinen 130 Ausbildungsberufen von A wie Anlagenmechniker bis Z wie Zweiradmechatroniker neben vielfältigen Karriereperspektiven doch auch gute Geschichten und spannende Settings für fiktionales Erzählen zu bieten: In Werkstätten und auf Baustellen fliegen nicht nur Hobel und Späne – hier spielt das tatsächliche Leben.

Gute Geschichten gesucht und gefunden

Genau hier setzte der Ideenwettbewerb "Meiner Hände Werk" an, den der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in Kooperation mit der Akademie für Film- und Fernsehdramaturgie TOP:Talente e.V. und der Arbeitsgemeinschaft der bayerischen Handwerkskammern ausgerufen hat: Gesucht wurden Konzepte für abendfüllende Spielfilmformate, die das Spannungsfeld zwischen Handwerkerstolz, Leidenschaft, Berufung und Veränderungen durch Modernisierung, Disruption und Marktanpassung beleuchten. Die Preisverleihung fand im Rahmen eines Branchentreffs bei der Berlinale 2017 statt, der mit 200 interessierten Autoren und Dramaturgen restlos ausgebucht war.

Die Preisträger des Ideenwettbewerbs "Meiner Hände Werk" mit der Jury und den Veranstaltern, v.l.n.r.: Dipl. Ing. Franz Xaver Peteranderl (Präsident der Arbeitsgemeinschaft der bayerischen Handwerkskammern), Dr. Lothar Semper (Hauptgeschäftsführer), Heiko Zupke (2. Platz), Iris Janssen (3. Platz), Sonja Zimmerschitt (Produzentin, d.i.e.filmgmbh), Petra Mirus (1. Platz), Claudia Berg (3. Platz), Brigitte Dithard (Redakteurin, SWR), Holger Schwannecke (ZDH-Generalsekretär), Hans Peter Wollseifer (ZDH-Präsident), Barbara Schardt (Top:Talente). - © ZDH / Agentur Bildschön

Vier Sieger setzten sich in der Gunst der Jury aus Autoren, Senderverantwortlichen, Produzenten und Vertretern des Handwerks durch:

  • 1. Platz (dotiert mit 2.500 Euro): Petra Mirus für ihr Konzept "Wofür dein Herz schlägt"
  • 2. Platz (dotiert mit 1.500 Euro): Heiko Zupke für sein Konzept "Einmal im Leben"
  • 3. Platz (dotiert mit 1.000 Euro): Claudia Berg für "L@ther-Knut" und Iris Janssen für "Der gute Bäcker"

Im Haus des Deutschen Handwerks wurde außerdem bei einer Podiumsdiskussion unter dem Titel "Von Beruf? Arbeitswelten in Film und Fernsehen" mit Vertretern der Fernsehsender, Handwerksorganisationen und Drehbuchautoren die Frage erörtert, wie viel Realität gute Unterhaltung verträgt.

Einig waren sich die Teilnehmer darüber, dass sich im Handwerk viele Herausforderungen der digitalen und globalen Umbrüche widerspiegeln – zugleich engten etablierte Strukturen bei den Fernsehsendern und Erwartungshaltungen beim Zuschauer die Spielräume im fiktionalen Programm aber ein.

Mechaniker und Fliesenlegerin im Berlinale-Programm

Abseits des Branchentreffs spielte das Handwerk bei den Internationalen Berliner Filmfestspielen nur eine Nebenrolle: Im diesjährigen Festivalprogramm musste man lange suchen, um überhaupt einmal einen Handwerker auf der Leinwand zu finden.

Doch man wurde fündig – zum Beispiel in Aki Kaurismäkis starkem Wettbewerbsbeitrag "Die andere Seite der Hoffnung", der mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie ausgezeichnet wurde und am 30. März in den deutschen Kinos startet. Im Film flüchtet ein gelernter Mechaniker vor Krieg und Terror in seinem Heimatland Syrien, um in Finnland ein neues Leben zu beginnen. Und Michael Fetter Nathanskys 30-minütiger Kurzfilm "Gabi", der in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" gezeigt wurde, dreht sich um die Sorgen und Beziehungsprobleme einer Fliesenlegermeisterin. Ansonsten galt bei der Berlinale 2017 aber weitestgehend das, was auch im Fernsehprogramm gilt: Handwerk im Film? Fehlanzeige.

Michael Fetter Nathanskys Kurzfilm "Gabi" lief bei der Berlinale in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" und spielt in der Welt des Handwerks: Fliesenlegermeisterin Gabi (Gisa Flake, re.) und ihr Azubi Marco (Florian Kroop) kabbeln sich bei der Arbeit. - © Clara Rosenthal

Handwerksorganisationen suchen Kontakt zu Filmemachern

Der ZDH und die Handwerkskammern machen es sich daher seit Jahren zur Aufgabe, den Blick der Filmemacher für das Handwerk zu schärfen. In Kooperation mit dem Verband der Deutschen Drehbuchautoren (VDD) wurden 2015 und 2016 zunächst als Pilotprojekt in München, dann auch in Stuttgart und Köln drei Praxistage veranstaltet, bei denen Autoren und Dramaturgen mit "echten Handwerkern" ins Gespräch kommen und bei Betriebsbesuchen in die reale Arbeitswelt hineinschnuppern durften.

Das Feedback der Filmemacher fiel sehr positiv aus: "Ich werde mir beim nächsten Plot genau überlegen, ob nicht auch ein Konditormeister oder eine Buchbinderin, ein Elektroniker oder eine Zahntechnikerin das erleben könnte, was ich mir gerade ausgedacht habe", fasste eine renommierte Drehbuchautorin ihre Erlebnisse beim Praxistag "Handwerk live erleben" in der baden-württembergischen Landeshaupstadt zusammen.

Neben den Autoren und Dramaturgen sollen auch Locationscouts und Szenenbildner stärker für die "Wirtschaftsmacht von nebenan" sensibilisiert werden: Wer beispielsweise in der Region Stuttgart den passenden Drehort für sein nächstes Filmprojekt sucht, wird im Location Guide der Film Commission fündig, in den Ende des vergangenen Jahres zwölf neue Handwerksbetriebe aufgenommen wurden. Zur Bewerbung dieser vielfältigen Drehorte hat die Film Commission in Kooperation mit der Handwerkskammer Region Stuttgart ein hochwertiges Postkarten-Set mit dem Titel "Handwerkszeug" produziert, das dem Standortmarketing dient und gezielt die Lust auf einen Dreh bei einer Modistin, einem Steinmetz, einer Goldschmiedin oder einem Instrumentenbauer wecken soll.

Weitere Informationen

Die Pressemitteilung zum Branchentreff im Haus des Deutschen Handwerks hat die Handwerkskammer für München und Oberbayern auf ihrer Website veröffentlicht.

Die passende Bildergalerie gibt es auf der Website des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) .

Über ihre Kooperation mit der Film Commission Region Stuttgart berichtet die Handwerkskammer Region Stuttgart .