DHZ-Gespräch mit Gerold B. Hantsch zur Zukunft des Handwerkssektors in Wirtschaft und Gesellschaft.
Frank Muck
"Handwerk wird vor Ort nicht zu ersetzen sein"
DHZ: Handwerk spielt im nachbarschaftlichen Kontext, im ländlichen Raum eine große Rolle, wenn man an das vereins- und lokalpolitische Geschehen und an das Angebot von Ausbildungsplätzen denkt. Wird es diese Bedeutung mit dem Trend zu Unternehmenszusammenschlüssen und der Auflösung kleinbetrieblicher Strukturen verlieren und wenn ja, wer kann diese Funktion des Handwerks ersetzen?
Hantsch: Handwerk wird zur Erfüllung individueller Kundenwünsche auch in Zukunft vor Ort durch nichts zu ersetzen sein, auch wenn sich Betriebe zu größeren Unternehmenseinheiten mit überregionaler Bedeutung aus unterschiedlichen Gründen zusammenschließen. Diesen Trend zur Filialisierung sehen wir ja heute bereits deutlich im Kfz-, im Bäcker- oder Friseurhandwerk. In den Filialen fehlen dann zur Unterstützung der Vereine oder der lokalen Aktivitäten engagierte Unternehmerpersönlichkeiten. Angestellte Führungskräfte vermögen dies meist nicht auszugleichen. Unsere Gesellschaft beklagt bereits heute das auch im Handwerk eher nachlassende Engagement in den Vereinen, beim THW oder der Feuerwehr sowie in der Lokalpolitik vor Ort. Dies spiegelt eine allgemein feststellbare Entwicklung wider: Die Tendenz nimmt zu und wird weiter zunehmen, mehr zu fordern als selbst zu geben. Fehlendes ehrenamtliches Engagement wird Vereine zwingen, sich teilweise zu rein professionell betriebenen Dienstleistungseinrichtungen zu entwickeln. Im nachbarschaftlichen Umfeld wird das durch Vereine mitgeprägte lokale Colorit weniger bunt ausfallen und nicht durch Dritte zu ersetzen sein. Die Überleitung kleinbetrieblicher Strukturen in größere Zusammenschlüsse sehe ich dagegen nicht als nachteilig für das Angebot von Ausbildungsplätzen an. Die Bereitschaft zur Ausbildung nimmt mit wachsenden Betriebsgrößen eher zu.
DHZ: Der Faktor Arbeit macht handwerkliche Produkte zumeist viel teuerer als industriell gefertigte Waren. Zudem wird die Konfektionsware qualitativ immer hochwertiger. Wird dem Handwerk nur ein Nischendasein beim Angebot exklusiver Luxusgüter für eine kleine begüterte Zielgruppe bleiben?
Hantsch: Den Trend, industriell hergestellte Produkte immer hochwertiger und dabei auch noch kundenbezogener zu fertigen, kann und wird das Handwerk nicht aufhalten. Das Handwerk hat seine Bedeutung und damit seine Chance heute und auch in Zukunft neben dem eigenen Angebot von Produkten im Verkauf, in der Montage und in der Wartung industriell hergestellter Produkte beim Kunden vor Ort. Hier handelt es sich um keine Nische, sondern um eine eigenständige Leistung des Handwerks als wertvoller und unbedingt erforderlicher Partner der industriellen Hersteller. Der Beton, die Ziegelsteine, die Anstrichfarben – all das mag noch so günstig industriell hergestellt werden. Die Verarbeitung oder Reparatur vor Ort, individuell nach den Wünschen des Kunden erfordert auch in Zukunft den Meister mit seinen fachlich qualifizierten Mitarbeitern vor Ort. Natürlich gibt es die Nachfrage nach exklusiven Leistungen des Handwerks – oftmals ein Luxus, den sich nur eine kleine begüterte Zielgruppe des Handwerks leisen kann. Diese Zielgruppe dürfte sogar wachsen, stabil bleibende wirtschaftliche und politische Verhältnisse vorausgesetzt. Gewisse Betriebe des Handwerks werden diesen Kundenwünschen weiterhin entsprechen, die gern als „Leitbetriebe“ in der Öffentlichkeit herausgestellt werden. Sie fördern mit Sicherheit das Image des Handwerks, stellen aber in ihrer Zahl nicht das Handwerk in seiner Bandbreite dar.
DHZ: Schon heute finden einzelne Branchen bzw. Berufe keinen Nachwuchs mehr. Wie viele Berufe werden in 60 Jahren noch übrig sein?
Hantsch: Wenn ich es richtig sehe, wird sich im Bereich der beruflichen Qualifikation in Zukunft für einzelne Berufsgruppen ein übergreifendes Basiswissen herauskristallisieren, etwa im Bereich der Heizungstechnik die Fragen der Heizwertermittlung, der Dämmung, Klimatisierung und anderes mehr. Darauf baut sich dann differenziert das spezifische Wissen und Können für unterschiedliche Technologien auf. Ich erwarte also weniger Berufsfelder mit einer stärkeren Differenzierung. Den Nachwuchs im Handwerk werden wir in Zukunft noch stärker auch aus dem Kreis von Bewerbern mit Migrationshintergrund gewinnen. Und Krisenzeiten, wie wir sie gegenwärtig erleben, werden deutlich machen: Handwerk bietet auch in Krisenzeiten interessante und gleichzeitig sichere Arbeitsplätze. Wesentlich werden aus meiner Sicht drei Aspekte sein: Jugendlichen vor der Berufswahl muss deutlich werden, dass ein Einstieg in die Ausbildungsmöglichkeiten des Handwerks vielfältig und keine kurze Einbahnstraße ist: Von der beruflichen Tätigkeit über die unternehmerische Selbstständigkeit, aber auch ein Wechsel in akademische Ausbildungswege – alles ist über das Handwerk möglich. Den Betrieben des Handwerks muss stets verdeutlicht werden, in ihrer Ausbildungsbereitschaft nicht nachzulassen. Das ständige Bemühen auf allen Ebenen, das Image des Handwerks zu stärken und darüber in der Öffentlichkeit zu berichten. Die Öffentlichkeitsarbeit des Handwerks muss sich viel stärker auf das Handwerk selbst, seine Vielfalt und Chancen fokussieren und weniger auf die Selbstdarstellung der Organisationen.
DHZ: Welche Entwicklungen der kommenden Jahre werden den größten Einfluss auf das Handwerk haben?
Hantsch: Das Handwerk erzielt seine Umsätze in erster Linie von der Kaufkraft seiner Kunden vor Ort. Alle Maßnahmen zur Stärkung der Kaufkraft privater Kunden im Sinne "mehr Netto vom Brutto" stärken direkt die Entwicklung des Handwerks. Knappe und damit teuer bleibende Energie wird im technologischen Bereich für das Handwerk dazu führen, dass energie- und sonstige ressourcensparende Leistungsangebote mit ihrer jeweiligen Anpassung an die individuellen Gegebenheiten bei den Kunden einen großen Einfluss auf handwerkliche Tätigkeiten haben werden. Die demografische Entwicklung, das Anwachsen der älteren und der Rückgang der jüngeren Mitbürger werden dem Handwerk erhebliche Probleme bereiten: Arbeitskräfte werden fehlen, um der wachsenden Nachfrage gerade aus dem Kreis der Senioren gerecht zu werden. Ein Mehr an Bequemlichkeit bei Kunden sowie dieses zunehmende Durchschnittsalter der Privatkunden erfordern den vermehrten Einsatz von Technik und Service, auch im privaten Bereich. Der Einbau, die Anpassung und die laufende Wartung technischer Systeme vor Ort sind ohne Handwerk kaum möglich.
DHZ: Zum Schluss bitte ich noch um eine Prognose: Wie wird der Sektor Handwerk in 60 Jahren aussehen?
Hantsch: Auch in den nächsten 60 Jahren wird es und muss es eine breite Palette unterschiedlicher beruflicher Tätigkeiten im Handwerk geben, um den steigenden und immer individueller werdenden Kundenwünschen entsprechen zu können. Und es wird weiterhin berufsständische Organisationsstrukturen für das Handwerk geben, die sich für die Belange der handwerklichen Betriebe gegenüber Staat und Gesellschaft als Interessenvertretung, für die Möglichkeiten der beruflichen Qualifikation, für die Beratung der Betriebe, kurz für gemeinsame Anliegen des Handwerks einsetzen. Allerdings wird die momentan noch vorhandene Vielfalt dieser Organisationen im Handwerk deutlich schrumpfen. Es werden sich größere und damit leistungsfähigere Strukturen herausbilden. Die kleine Innung vor Ort hat keine Chance mehr, da insbesondere jüngere Betriebsinhaber direkt die Frage stellen: Was kostet die Organisation – was bringt sie?
