Mit rund 417.00 Auszubildenden ist das Handwerk der Wirtschaftsbereich mit der größten Ausbildungsleistung. Heutige Schulabgänger können zwischen rund 130 Handwerksberufen und einer Vielzahl aufregender Karrieren wählen.
Das deutsche Ausbildungssystem ist ein Vorbild für viele Länder. So auch für die USA. In seiner Rede zur Lage der Nation lobte Präsident Barack Obama ausdrücklich die Praxisnähe der Ausbildung: "Die deutschen Jugendlichen sind bereit für den Job, wenn sie die Schule abschließen.“ Doch was wäre das duale System, das Lehre und Berufsschule vereint, ohne die vielen engagierten Handwerksbetriebe, die sich mit Kreativität und Ehrgeiz für die Förderung ihres Nachwuchses einsetzen?
Ausbildung im Stil 2.0
"Handwerk nach altväterlicher Sitte genügt heute nicht mehr“, erklärt der Dortmunder Malermeister Michael Kiwall, der für seinen Betrieb mit Firmenwebsite, Kundenzeitschrift und Facebook-Auftritt um Jugendliche wirbt. Seine Suche nach talentiertem Nachwuchs wird außerdem durch regionale Werbung sowie durch ein neues Konzept für eine strukturierte Ausbildung, die "Azubi-Akademie".
Wer gute schulische Leistungen bringt, bekommt auch etwas dafür: Studienreisen, Auslandspraktika, Aufstiegschancen, Betreuung bis zur Meisterprüfung und vor allem Mitspracherecht. Im Rahmen des sogenannten "kontinuierlichen Verbesserungsprozesses" sind die Azubis angehalten, Vorschläge zur Optimierung des Betriebsablaufes zu liefern. Bisher kamen allein 140 Ideen zusammen.
In der "Azubi-Akademie“ wird der Berufsschulunterricht vertieft und ergänzt: "Durch die Akademie schneiden unsere Azubis in der Berufsschule eine ganze Note besser ab als der regionale Durchschnitt“, schildert Kiwall den Erfolg seines Projekts, dessen Vorteile sich in Dortmund bereits herumgesprochen haben.
Über geringe Bewerberzahlen kann sich der Malermeister jedenfalls nicht beschweren. Knapp 100 Jugendliche bewarben sich 2012 für die fünf freien Ausbildungsplätze in seinem Betrieb. Mit dieser Bewerberflut hatte der Malermeister nicht gerechnet. "Ich gebe bewusst auch Bewerbern ohne Schulabschluss eine Chance, denn ich sehe auch in ihnen Potenzial, das darauf wartet, gefördert zu werden."
Karriere-Grundstein Handwerk
Der familiengeführte Baubetrieb des Neumünsteraner Handwerksmeisters Lars Thullesen lockt junge Bewerber mit attraktiven Karrierechancen Thullesen setzt bei seinem Nachwuchs auf fachliche Spitzenleistungen, Tatkraft und Termintreue. Im Gegenzug winkt den Junghand-werkern die Arbeit in einem erfahrenen, motivierten Team und berufliche Top-Qualifikation: ""Eine gute Ausbildung beginnt aber bereits vor der Lehre", meint Thullesen: "Schon die Schulzeit bildet die Basis für eine erfolgreiche Zukunft."
Dass diese bei vielen Heranwachsenden durch Überforderung, Lernschwächen und Vernachlässigung gefährdet scheint, weiß der 37-Jährige aus eigener Erfahrung: „Rechtschreibfehler, ein lascher Händedruck, dazu eine geringe Allgemeinbildung – immer wieder hatten wir bei den jungen Bewerbern fehlendes Engagement zu beklagen.“
Das seit über 2 Jahre andauernde Projekt "Grundstein" soll dem entgegenwirken. Mit kostenlosem Nachhilfeunterricht im firmeneigenen Klassenzimmer schenkt der Betrieb derzeit 42 Schülern aus der Region Aufmerksamkeit, schulische Erfolge und Selbstvertrauen – ein Fundament, auf das Jugendliche eine berufliche Karriere aufbauen können.
Dass so schon zwei Schüler den Ausbildungsweg ins Handwerk gefunden haben, dürfte nicht zuletzt an der Vorbildwirkung von Lars Thullesen selbst liegen. Immerhin darf der Familienvater neben seinem erfolgreichen Handwerks-betrieb gleich vier Meistertitel sein Eigen nennen. dhz/ZDH
