Besetzte Lehrstellen auf Tiefststand Handwerk kritisiert: "Berufsorientierung nur bruchstückhaft"

Nicht nur im Handwerk bleiben immer mehr Ausbildungsplätze frei. Auch in anderen Branchen haben die Betriebe Schwierigkeiten, ihre Lehrstellen zu besetzen. Nach Ansicht der Wirtschaft sind die Jugendlichen schlecht auf den Ausbildungsmarkt vorbereitet.

Azubi-Mangel: Es wird zunehmend schwieriger, offene Stellen und Bewerber zusammenzubringen. - © Foto: auremar/Fotolia

Die Zahl der besetzten Ausbildungsplätze ist erneut gesunken. "So wenig neu abgeschlossene Ausbildungsverträge gab es im wiedervereinigten Deutschland noch nie", teilte das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn mit. Es werde zunehmend schwieriger, offene Stellen und Bewerber zusammenzubringen.

Ein höherer Anteil betrieblicher Ausbildungsangebote würde nicht genutzt und mehr Jugendliche blieben ohne Lehrstelle. Dabei zeichneten sich auf Seiten der Betriebe vor allem im Handwerk und in der Landwirtschaft zunehmende Stellenbesetzungsprobleme ab.

So ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Handwerk zum 30. September nach den Erhebungen des BIBB um 5.190 oder 3,5 Prozent auf 142.137 Verträge zurückgegangen. Insgesamt hat sich die Zahl der besetzten betrieblichen Ausbildungsplätze um 3,1 Prozent auf 509.000 und die der außerbetrieblichen um 16,3 Prozent verringert.

Unter dem Strich waren es 530.700 Verträge. Ein Minus von 3,7 Prozent. Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) forderte die Wirtschaft auf, die gute Konjunktur auszunutzen und mehr Jugendliche auszubilden.

Ausbildungsbildungsbereitschaft nach wie vor hoch

Das ist aber offenbar leichter gesagt als getan. Allein im Oktober waren bei den Lehrstellenbörsen der Kammern 13.500 Stellen unbesetzt, wie der Zentralverband des Deutschen Handwerks mitteilte. Zwar wurden mittlerweile noch Lehrstellen besetzt. Noch immer bleiben aber viele Stellen offen. "Die Bereitschaft der Betriebe zur Ausbildung und Nachwuchssicherung ist nach wie vor hoch", sagte ZDH-Generalsekretär Schwannecke.

"Längst werden auch Bewerber aufgenommen, die aufgrund schwacher schulischer Vorbildung oder sozialer Probleme die notwendige Ausbildungsreife nicht mitbringen", betonte er. Die Betriebe selbst hätten sich mit zusätzlichem Ausbildungsaufwand in der betrieblichen Praxis und Nachhilfeunterricht darauf eingestellt.

Auch die Kammern hätten sich auf den erhöhten Betreuungsbedarf der aktuellen Auszubildenden-Generation eingerichtet, der gerade von kleineren Handwerksbetrieben nicht im erforderlichen Umfang geleistet werden kann. Gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen und angestellten Spezialisten würde teilweise in Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur und anderen öffentlichen Stellen alles getan, dass Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund den richtigen Ausbildungsplatz fänden und die Lehre auch beendeten.

Berufsorientierung: Bundesländer unternehmen zu wenig

Dieser Aufwand könnte nach Ansicht der Wirtschaft reduziert werden, wenn die Jugendlichen besser vorbereitet wären. "Die Schulen sind gefordert, allen Abgängern das nötige Rüstzeug mitzugeben", forderte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. "Nur bruchstückhaft" seien viele langjährigen Forderungen des Handwerks wie die Sprachschulung im Vorschulalter, bessere Betreuung in der Schule, flächendeckende frühzeitige Berufsorientierung in den Bundesländern umgesetzt worden, kritisierte Schwannecke.

In den BIBB Zahlen spiegelt sich nach Ansicht des bildungspolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Albert Rupprecht, auch die Präferenz für die akademische Ausbildung wieder. "Die Überschätzung der akademischen Ausbildung beschert uns einen handfesten Fachkräftemangel", warnt er. Die Stärkung der Berufsbildung sei daher das zentrale bildungspolitische Anliegen im Koalitionsvertrag. bir