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Private Unternehmen im sozialistischen Staat Handwerk in der DDR: Arbeiten mit Hindernissen

Auch in der DDR gab es private Handwerksbetriebe. Der Staat brauchte sie – gern gesehen waren sie dennoch nicht. Ihr Arbeitsalltag war schwierig und die Handwerker mussten sich eigene Wege suchen - manchmal auch in gesetzlichen Grauzonen.

Handwerk in der DDR
Privates Handwerk gab es in der DDR zwar - lukrativ war es häufig nicht. -

"Für 40 Quadratmeter Fliesen war ich einen ganzen Tag unterwegs", erzählt Maurermeister Volker Zottmann aus Harzgerode. Und sie kosteten nicht nur Geld, sie kosteten auch ein paar Päckchen Kaffee und andere Genussprodukte. Dabei waren die Fliesen dritte Wahl und eigentlich bereits aussortiert. Besser als gar nichts. Denn wie heute einfach Material zu bestellen, klappte in der DDR nur selten.


So wie Zottmann ging es Tausenden privaten Handwerkern in der DDR. Sie wurden zwar gebraucht, waren aber als Privatunternehmen in dem sozialistischen Staat nicht gerne gesehen. Ein Gewerbe gründen konnten Handwerker nur, wenn ein anderer Betrieb geschlossen hat. Von Mitte der 50er Jahre an drängte der Staat Handwerker zudem zunehmend zur Gründung von Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH), von denen in den 70ern rund 1.700 in Volkseigene Betriebe (VEB) umgewandelt wurden.

Die Druckmittel waren vielfältig


Auch Rolf Samtleben, damals Schlossermeister im Betrieb des Vaters in Halle, versuchten SED-Funktionäre in eine PGH hineinzudrängen. Er produziere zu viel und mache zu wenige Reparaturen, so der Vorwurf. "Ich habe mich in der Nacht über die Bücher gesetzt, alles ausgewertet und den staatlichen Behörden das Gegenteil bewiesen." Denn die Arbeit der Handwerker sollte sich auf Reparaturen beschränken. Die PGH blieb Samtleben erspart.

Doch privaten Handwerkern machte der Staat das Leben schwer. Es begann schon bei den Aufträgen. So durfte Zottmann lediglich Schornsteinreparaturen durchführen – nur an Schornsteinköpfen. Klaus Stroisch, damals selbstständiger Sattlermeister in Halle, erinnert sich an andere Druckmittel: "Wir konnten nur etwas mehr als einen Euro Stundenlohn von der Steuer absetzen." Mitarbeitende Ehefrauen durften gar keinen Lohn bekommen. Für Mitarbeiter durfte kein Weihnachts- oder Urlaubsgeld bezahlt werden, während es in den PGHs Lohn- und Sozialfonds gab. Das machte es schwierig, Arbeitskräfte zu finden.

Die Materialknappheit war das größte Problem

Die größte Herausforderung blieb es aber, sich Material zu beschaffen. Die Vergabe für die privaten Handwerker erfolgte zentral durch Einkaufs- und Liefergenossenschaften. Doch alles war knapp, die VEB wurden bevorzugt.

Zottmann: "Ich hatte keinen Sand, kein Zement, kein Holz"


"Man hat nie bekommen, was man brauchte", sagt Stroisch. Private Handwerker mussten sich eigene Wege suchen, um arbeiten zu können. Oft lief es über Tauschgeschäfte, wie bei den regelmäßig stattfindenden Berufsgruppenstammtischen. "Da hieß es Nägel gegen Messer", erzählt der Sattlermeister. "Ich habe außerdem bei VEBs gekauft, was übrig geblieben ist." Viele Geschäfte liefen unter der Hand. Wer seine Kontakte nicht nützte, ging leer aus.

Kaum Autos für private Handwerker


"Ich hatte kein Gerüst, kein Holzbrett, gesichert habe ich mich mit einem Strick um den Bauch", sagt Maurermeister Zottmann, der bis in die 80er Jahre in einem VEB gearbeitet hatte. "Für das erste Jahr der Selbstständigkeit habe ich nur 2.000 Ziegelsteine zugewiesen bekommen, keinen Kalk, keinen Sand, keinen ­Zement, kein Holz." Die Steine musste er sich im Zentrallager abholen. Dafür brauchte er einen Bekannten. Denn Zottmann hatte zunächst kein Auto.


"Sich ein Auto zu beschaffen, war so gut wie keinem möglich", erinnert sich auch Stroisch. Dafür waren viele Anträge bei den staatlichen Stellen nötig. Kaffee, Weinbrand oder Westgeld halfen dabei. Wer so etwas nicht hatte, erbrachte eine Gegenleistung.

Zahl der Handwerksbetriebe schrumpfte


"Beim Fleischer haben wir Freitagnachmittag manchmal etwas repariert", sagt Schlossermeister Samt­leben, "und bekamen dafür schon mal Leckerbissen, die es sonst kaum gab." Es lief nach dem Motto: Eine Hand wäscht die andere. Anders ging es nicht.

Stroisch: "Man hat nie bekommen, was man brauchte"


Obwohl die Auftragsbücher immer voll waren, ist die Zahl der privaten Handwerksbetriebe im Laufe der Jahre daher deutlich geschrumpft – Ende der 50er innerhalb von drei Jahren um mehr als 30.000. 1976 gab es weniger als 90.000 private Handwerksunternehmen. Viel verdient haben sie nicht.

Auch bei Zottmann war das so. "Trotzdem habe ich mich riesig gefreut, als ich mich ­endlich selbstständig machen konnte." Und dann kam die Wende. ­Ein ganz neuer Arbeitsalltag begann. "Jeder konnte sich ­pl­ötzlich frei entscheiden, was er wo tut", so Stroisch. "Die Intelligenz blieb aber genauso gefragt: Früher brauchte man sie, um an Material zu kommen, heute, um konkurrenzfähig zu sein."

Feierabendbrigaden

In der DDR gab es neben Privathandwerk und Volkseigenen Betrieben die so genannten "Feierabendbrigaden" – privat organisierte Handwerkskolonnen, die nach Feierabend Aufträge von nicht staatlichen Kunden abarbeiteten. Vom Staat war das gewollt, obwohl die Handwerker das erwirtschaftete Geld nicht versteuern mussten.

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