Trickfilm-Festival in Stuttgart Handwerk im Film: Wenn der Kundentermin zum Albtraum wird

Heldenhafte Handwerker trotzen im Trickfilm so mancher Gefahr. Das zeigen kunstvolle, kreative und bisweilen bizarre Werke, die beim 22. Internationalen Trickfilm-Festival in Stuttgart vorgeführt werden.

Lars-Christian Daniels

In "House of Unconsciousness" findet sich ein Schornsteinfeger in einem Albtraum wieder. - © Foto: Trickfilm-Festival

Verrußte Kamine, überhöhte Schadstoffemissionen oder mangelndes Umweltbewusstsein der Kunden: Schornsteinfeger erleben beim Hausbesuch leider nicht nur Erfreuliches. Was der Kaminkehrer und Protagonist in Priit Tenders Animationsfilm "House of Unconsciousness" beim Vor-Ort-Termin durchmachen muss, stellt aber alles Alltägliche in den Schatten: Den Handwerker erwarten Gestalten aus einem Gruselkabinett , die das Ausüben seines Berufs zum wahren Höllentrip machen. Auf der Leinwand sind der Phantasie eben keine Grenzen gesetzt – und das bekommt im Programm des 22. Internationalen Trickfilm-Festivals Stuttgart (ITFS) auch noch ein anderer Handwerker zu spüren.

Originalität ist Trumpf

Tender ist einer von 2.500 Filmemachern und Nachwuchstalenten, die ihren Film beim Festival eingereicht haben: 1.000 Filme aus 55 Ländern wurden ausgewählt und sind vom 4. bis 9. Mai in der baden-württembergischen Landeshauptstadt zu bestaunen.

Der Film "A Family Portrait" ist ein sehr abgedrehtes Familien-Fotoshooting. - © Foto: Trickfilm-Festival

Das weit verbreitete Vorurteil, Animationsfilme würden in erster Linie für Kinder gemacht, widerlegt das Festival schon seit Jahrzehnten: Auch im "Internationalen Wettbewerb", der wichtigsten Programmsektion, überwiegt der ernste Blick der Filmemacher auf die Probleme unserer Welt. Wer keine originelle oder interessante Geschichte zu erzählen hat, dessen Beitrag wird gar nicht erst gezeigt.

Willkommen im Horror-Haus

Auch Priit Tenders Beitrag aus Estland hat es in die Endauswahl geschafft und ist nicht gerade für Kinder gemacht: Der zehnminütige Kurzfilm "House of Unconsciousness" läuft in der Reihe "Best of Animation" und lässt die Hauptfigur einen wahren Horror-Trip durchleben. Vor dem "Haus des Unbewussten" begegnet ein in traditionellem Schwarz gekleideter und mit Leiter, Zylinder, Sonnenbrille und Bürste ausgestatteter Schornsteinfeger einer brennenden nackten Frau, die ihn mit verführerischen Lauten ins Innere des düsteren Gebäudes lockt.

Dort erwartet den schnurrbärtigen Handwerker jedoch ein grotesker Albtraum: Am Rande eines blutroten Flusses stillen Walrösser ihren Hunger mit menschlichen Innereien, skurrile Horrorgestalten hämmern sich mit der eigenen Zunge Nägel in die Stirn, und auch ein überdimensionales Tapir begegnet dem Handwerker nicht gerade freundschaftlich. Allen finsteren Visionen zum Trotz kämpft sich der Kaminkehrer mühsam aufs Dach durch, wo er schließlich unerschütterlich seine Arbeit verrichtet – doch auch beim Reinigen des Schornsteins erwarten ihn noch unliebsame Überraschungen.

Familienfoto mit Hindernissen

Einen verstörenden Albtraum erlebt auch der Handwerker im Kurzfilm "A Family Portrait" des Filmemachers Joesph Pierce: Im britischen Festival-Beitrag gerät ein zunächst harmlos anmutender Fotografen-Termin außer Kontrolle. Als der Handwerker hinter der Kamera einer vierköpfigen Familie letzte Anweisungen für das perfekte Familienfoto gibt, bringt er mit seiner Arbeit nach und nach Dinge ans Tageslicht, die vielleicht besser verborgen geblieben wären.

Das Lächeln des Vaters verwandelt sich zu einer grässlichen Fratze mit Teufelshörnern, im Mund der aufmüpfigen Tochter verbirgt sich eine Zitrone, und das Nasenloch der Mutter schwillt plötzlich auf übernatürliche Größe an und verschluckt schon im nächsten Augenblick den Kopf ihres verdutzten Gatten. Auch der Fotograf bleibt von diesen mysteriösen Auswüchsen irgendwann nicht mehr verschont – wohl dem, der im rechtzeitig auf den Auslöser drückt und dem solch grauenhafte Erfahrungen im Berufsalltag erspart bleiben.

Filmemachen am Fließband

Während die kreativen Filmemacher ihren Beruf gern als "echte Handarbeit" bezeichnen, liefert der diesjährige Trailer des Festivals einen originellen Gegenentwurf zu diesem Bild: Unter dem Titel "Filmfabrik" skizzieren die iranischen Regisseurinnen Alireza Hashempour und Malaeke Farhangadib vom Institut für Animation, Visual Effects und digitale Postproduktion der Filmakademie Baden-Württemberg die Entstehung eines Animationsfilms als industriellen Prozess, bei dem Traumfabrik und Filmprojektor miteinander verschmelzen.

Zum treibenden Beat von Maschinen wird in halsbrecherischem Tempo am Fließband geschnitten, gehämmert und vertont, und am Ende schleudert der Projektor einen fertigen Film auf die Leinwand: Der Hauptfilm kann beginnen. Da ist der kleine Handwerker, der am Fließband der Filmfabrik fleißig seinen Hammer schwingt, dann letztlich nur ein kleines Rädchen im großen Getriebe.