Rückläufige Ausbildungs- und Schülerzahlen Handwerk fordert "Pakt für Fachkräftesicherung"

Im Handwerk macht sich der Rückgang der Lehrstellenbewerber deutlich bemerkbar. Aufgrund der abnehmenden Schülerzahlen fordert das Handwerk dem Ausbildungspakt einen "Pakt für Fachkräftesicherung" folgen zu lassen. Von Karin Birk, Berlin

Handwerk fordert "Pakt für Fachkräftesicherung"

"Derzeit sind noch rund 9.000 Lehrstellen unbesetzt", sagte Holger Schwannecke, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) der Deutschen Handwerks Zeitung . Dies seien 50 Prozent mehr als noch vor Jahresfrist. In vielen Handwerksberufen werde noch händeringend nach Auszubildenden gesucht. Als Hauptgrund für den Rückgang nannte Schwannecke die abnehmende Zahl der Schulabgänger. Die aufgrund der Wirtschaftskrise rückläufigen Lehrstellenangebote bei Zulieferbetrieben in der Kraftfahrzeugbranche oder der Metallbranche spielten eine untergeordnete Rolle.

Wie Schwannecke sagte, liegen die Vertragszahlen, die am Dienstag in der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg vorgstellt werden, in den neuen Bundesländern um 8,0 Prozent und in den alten Bundesländern um 5,8 Prozent unter den Vorjahreszahlen. Insgesamt sei die Zahl der neuen Ausbildungsverträge bis Ende September im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bundesweit um 6,1 Prozent oder um 9.324 auf 143.121 zurückgegangen.

Erfahrungsgemäß würden sich zwar die Zahlen etwa durch Nachvermittlungsaktionen bis zum Jahresende noch etwas verbessern, die Rekordzahlen der beiden Vorjahre werde das Handwerk aber nicht mehr erreichen. Auch für die kommenden Jahre gibt der ZDH-Geschäftsführer keine Entwarnung. "Wir erwarten für die kommenden Jahre eine Verschärfung dieses Problems“, sagte er. Der Grund: Auch im Westen werde die Zahl der Schulabgänger weiter abnehmen. Deshalb fordert Schwannecke: "Wir müssen als Nachfolger des Ausbildungspaktes einen Pakt für Fachkräftesicherung schließen. Es gilt, alle Potenziale für dieses Ziel zu erschließen."

Die Lage auf dem deutschen Ausbildungsmarkt sorgt insgesamt weiter für Streit. Zwar ging die Zahl der offiziell angebotenen Lehrstellen von Oktober 2008 bis September 2009 mit knapp 475.000 Stellen gegenüber dem Vorjahr um 7,1 Prozent zurück, wie die Bundesagentur für Arbeit zusammen mit den Initiatoren des sogenannten Ausbildungspaktes mitteilte. Allerdings lag die Zahl der Bewerber ohne Lehrstelle mit 9.600 erstmals seit Beginn der Statistik im Jahr 1991 unter 10.000.

BA-Vorstandsmitglied Reinhart Becker sagte: "Wir haben einen moderaten Rückgang an Ausbildungsstellen, aber einen deutlicheren Rückgang bei den Bewerbern." So sei die Zahl der Schüler, die eine Lehrstelle suchen, um 86.700 auf jetzt 533.400 gesunken. Ein Hauptgrund neben den zurückgehenden Geburtenzahlen sei der zunehmende Trend zu höheren Schulabschlüssen. Rechne man zu den über 17.000 offenen Lehrstellen die rund 20.000 freien Plätze zur Einstiegsqualifizierung, so stünden jedem noch suchenden Jugendlichen rechnerisch fast vier Angebote zur Verfügung, ergänzte Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK).

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) begrüßte die Entwicklung: "Zum zweiten Mal in Folge gibt es mehr unbesetzte Ausbildungsstellen als unversorgte Bewerber. Das ist ein guter Erfolg für die Paktpartner." Dem schloss sich die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, Dagmar G. Wöhrl, an. "Unsere Unternehmen haben mal wieder bewiesen, dass sie ihrer Ausbildungsverantwortung gerecht werden", sagte sie.

Kritik an der Bilanz kam von den Gewerkschaften. "Der Ausbildungspakt präsentiert uns heute wieder eine frisierte Bilanz", sagte DGB-Vize Ingrid Sehrbrock. Während der Pakt Jahr für Jahr eine entspannte Lage auf dem Ausbildungsmarkt verkünde, hätten 1,5 Millionen Menschen zwischen 20 bis 29 Jahren keine abgeschlossene Ausbildung. Das seien 15 Prozent dieser Altersgruppe.

Auch IG-Metall-Vorstandsmitglied Regina Görner sprach von "frisierten Zahlen". Nach ihren Berechnungen waren Ende September statt 9.600 noch rund 83.000 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz. In dem 2004 zwischen Wirtschaft und Politik geschlossenem Ausbildungspakt verpflichtete sich die Wirtschaft, jährlich jedem ausbildungsfähigen und ausbildungswilligen Neubewerber ein Angebot zur Ausbildung zu machen. Das kann neben einer Lehrstelle auch ein Praktikumsplatz sein. Altbewerber, das ist mittlerweile jeder zweite Aspirant auf einen Ausbildungsvertrag, umfasst das Versprechen jedoch nicht. Im Gegenzug für die Zusagen der Wirtschaft verzichtete die Politik auf die Einführung einer Ausbildungsplatzabgabe für nicht ausbildende Betriebe. Mittlerweile wurde die Vereinbarung mehrmals verlängert.

mit Material von ddp