Unternehmensführung -

Abkehr vom Acht-Stunden-Tag Handwerk fordert flexiblere Arbeitszeitgesetze

Der Acht-Stunden-Tag ist nicht mehr zeitgemäß und die Regelungen der Arbeitszeitgesetze zu starr für die Wirtschaft. ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer fordert daher lockerere Arbeitszeiten. Experten geben ihm Recht.

Vertrauensarbeitszeit, Job-Sharing oder Jahresarbeitszeit – die Liste flexibler Arbeitszeitmodelle ist groß. Doch die aktuellen Arbeitszeitgesetze sind oft starr und passen nicht zum Arbeitsalltag vieler Handwerker. Dieser Meinung ist Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), der vor wenigen Tagen im Interview mit der "Rheinischen Post" mit der Forderung nach einer Lockerung der gesetzlichen Arbeitszeit-Regelungen vorpreschte: "Ein zu enges Arbeitszeit-Korsett und zu starre und unflexible arbeitsrechtliche Vorschriften tun der Wirtschaft nicht gut”, sagte Wollseifer. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) müsse deshalb für mehr Flexibilität bei Arbeitszeiten und im Arbeitsrecht sorgen.

Wollseifer mahnt die Abkehr vom klassischen Acht-Stunden-Tag, die zuvor auch schon der Vorsitzende des Rats der fünf Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, gefordert hatte, aus gutem Grund an. Denn noch geht es den Betrieben gut – sie freuen sich über volle Auftragsbücher. Und Wollseifer will, dass das so bleibt – auch in Zeiten der Digitalisierung, die neue Anforderungen an die Mitarbeiter stellt, zu denen ein starrer Acht-Stunden-Tag nicht so recht passen will. "Dass es der Wirtschaft gut geht, ist kein Selbstläufer", so der Handwerks-Präsident. "Wir brauchen optimale Rahmenbedingungen, wenn wir auch weiterhin für hohe Steuereinnahmen und Rekordbeschäftigung sorgen sollen."

Auch Arbeitnehmer profitieren von flexibleren Regeln

Experten geben dem Handwerks-Präsidenten Recht. Zumal flexible Arbeitszeit-Regelungen längst nicht nur im Sinne der Arbeitgeber sind, die damit auf schwankende Auslastungen reagieren können. Vielmehr kommen sie auch den Angestellten zugute: "Die Mitarbeiter legen heute immer mehr Wert auf Zeitsouveränität und Flexibilität", sagt Ulrike Hellert, Direktorin am Institut für Arbeit und Personal an der FOM Hochschule in Nürnberg. Flexible Regelungen seien daher auch ein wichtiger Faktor im Wettbewerb um begehrte Fachkräfte.

Genau an dieser Stelle verzeichnen die Handwerksbetriebe einen Engpass: "Es ist so, dass manche Betriebe Aufträge nicht mehr annehmen können, weil ihnen schlicht das Personal fehlt und sie es einfach nicht mehr schaffen", sagt Wollseifer. Im Handwerk seien derzeit offiziell rund 150.000 Stellen offen. "Vermutlich sind es aber sogar fast doppelt so viele Stellen, wo wir Bedarf haben, und die wir kurzfristig besetzen könnten."

Derzeit erlaubt das Arbeitszeitgesetz Arbeitnehmern eine Tagesarbeitszeit von maximal acht Stunden. Unter Berücksichtigung des Samstags ergibt sich daraus eine wöchentliche Arbeitszeit von bis zu 48 Stunden. Vorübergehend ist auch ein Zehn-Stunden-Tag und damit eine 60-Stunden-Woche erlaubt. Nach Beendigung ihres Arbeitstages müssen Arbeitnehmer eine gesetzliche Ruhezeit von elf Stunden einhalten, bevor sie wieder arbeiten dürfen. Doch zwischen gesetzlichem Anspruch und der Wirklichkeit klafft längst eine große Lücke: Für viele Arbeitnehmer ist es etwa längst üblich, noch am Abend geschäftliche Mails wie beispielsweise Angebote an potenzielle Kunden zu verschicken. Wer um 22 Uhr eine solche Mail verschickt, dann aber morgens um 8 Uhr wieder im Betrieb auftaucht, verstößt gegen geltendes Recht, weil er dann die Mindestruhezeit von elf Stunden nicht mehr einhält.

Mehr Wettbewerbsfähigkeit in der Arbeitswelt 4.0

"Der Gesetzgeber muss hier tätig werden, damit deutsche Unternehmen in der Arbeitswelt 4.0 wettbewerbsfähig bleiben", betont Johan-Michel Menke, Fachanwalt für Arbeitsrecht in der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek in Hamburg. So wäre eine maximale Wochenarbeitszeit besser als eine Begrenzung auf maximal zehn Stunden pro Tag.

"Größere gesetzliche Spielräume, gegebenenfalls auch für Sonderregelungen auf Unternehmens- oder Betriebsebene, würden auch eine optimale Ausschöpfung der Arbeitszeitsysteme ermöglichen", sagt Menke. Dies gelte etwa für das Arbeitszeitkonto: Wenn ein Unternehmen einen kurzfristigen Auftrag erfüllen muss, arbeiten die Mitarbeiter regelmäßig nicht nur im Drei-Schicht-Betrieb, sondern auch am Wochenende oder an Feiertagen. "Auf dem Arbeitszeitkonto werden in dieser Zeit Plusstunden angesammelt, die zu einem späteren Zeitpunkt in Freizeit ausgeglichen werden."

Ein Modell mit hoher Selbstbestimmung ist die Vertrauensarbeitszeit. "Dabei arbeiten die Mitarbeiter projektbezogen: Was zählt, ist das Ergebnis zum vereinbarten Termin, nicht aber wann und wo die Arbeit erledigt wird", erläutert Arbeitsrechtsexperte Menke. Derartige Modelle würden durch eine Lockerung der Anforderungen im Arbeitszeitgesetz noch effektiver werden.

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