Kammertreffen Handwerk drängt auf größeren Einfluss in Europa

Deutsche und französische Handwerkskammern machen sich stark für Erleichterungen zugunsten kleiner und mittelgroßer Unternehmen. Doch das Handwerk hat es schwerer denn je in Brüssel. Das liegt auch an hausgemachten Fehlern der nationalen Regierungen.

ZDH-Präsident Jörg Dittrich (li.) und sein französischer Kollege Joel Fourny. - © Wilfried Mey/HWK Düsseldorf

Deutsche und französische Handwerker wollen in Brüssel gemeinsam erreichen, dass die Belange kleinerer Unternehmen intensiver berücksichtigt werden. Das versprachen Vertreter beider Länder beim 25. Deutsch-Französischen Handwerkskammertreffen.

Rund 200 Vertreterinnen und Vertreter kamen in Düsseldorf zusammen. Der Austausch der Handwerkskammern aus beiden Ländern findet alle drei Jahre statt. Viele deutsche Kammern pflegen Partnerschaften mit Institutionen im Nachbarland. In den Grenzregionen Saarland, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gibt es zudem viele Beispiele für eine Zusammenarbeit deutscher und französischer Betriebe.

Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), betonte: "Der deutsch-französische Austausch ist mehr als gelebte Partnerschaft. Er ist ein Schlüssel zu einem starken, resilienten und innovativen Handwerk in Europa." Auch Joël Fourny, Präsident des französischen Handwerksverbands CMA France, hob hervor: "In Frankreich wie in Deutschland ist das Handwerk ein tragendes Fundament der Wirtschaft." Generalkonsul Etienne François Pascal Sur pflichtete bei: "Das Handwerk bildet das Rückgrat der wirtschaftlichen Entwicklung." Die Zusammenarbeit der deutschen und französischen Kammern sei ein Vorbild für „gelebte europäische Kooperation“.

Merz leitet Neustart der Beziehungen ein

Dem Treffen kam besondere Bedeutung zu, weil nach dem Amtsantritt von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ein Neustart der deutsch-französischen Beziehungen erwartet wird. Merz reiste zu seinem Amtsantritt nach Paris zu Präsident Emmanuel Macron. Beide Seiten hoffen auf eine engere Zusammenarbeit, nachdem das Verhältnis unter Olaf Scholz als belastet galt.

Um die Stimmung im Handwerk ist es dies- und jenseits des Rheins nicht zum Besten bestellt. Deutschland steckt in der Rezession, in Frankreich wächst die Wirtschaft kaum. "Viele Menschen, auch im Handwerk, fühlen sich ohnmächtig und hilflos", beschrieb Dittrich die Lage. Sein Kollege Fourny sprach von einem "Klima der Unsicherheit" und "großen Lasten fürs Handwerk". Allerdings hat sich in beiden Ländern das Ansehen des Handwerks zuletzt stark verbessert. "Alle zwei Minuten wird in Frankreich ein neuer Handwerksbetrieb gegründet", sagte Fourny. Der Wiederaufbau der Kathedrale von Notre-Dame habe breiten Bevölkerungsteilen die Leistungsfähigkeit und Bedeutung des Handwerks verdeutlicht.

Fachkräftesicherung durch Zuwanderung

Im Mittelpunkt des Treffens standen die Themen Fachkräftebedarf, berufliche Bildung, Bürokratieabbau, Digitalisierung sowie die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Die Fachkräftesicherung bezeichneten die Spitzenvertreter beider Länder als "Herzensangelegenheit und zentrale bildungspolitische Zielsetzung". Die Resolution des Treffens hält fest: "Ohne gut ausgebildete Handwerkerinnen und Handwerker lassen sich die großen Herausforderungen der Zukunft, insbesondere nachhaltiges Wirtschaften sowie die digitale Transformation nicht umsetzen."

Auch die Integration von Fachkräften aus Drittstaaten und Geflüchteten gilt als Teil der Lösung. In der Resolution heißt es: "Die Handwerkskammern setzen sich für eine gezielte und praxisnahe Zuwanderung von Fachkräften aus Drittstaaten sowie für die Integration der in die Länder Geflüchteten ein, um dem Fachkräftemangel im Handwerk entgegenzuwirken." Die Politik müsse hierfür geeignete Bedingungen schaffen, die Vorteile von Zuwanderung klar kommunizieren und Bleiberechtsregelungen anpassen.

Ein Tag pro Woche Bürokratie

Weiteres Thema war der Abbau bürokratischer Hürden. Die Wettbewerbsfähigkeit müsse verbessert werden, "indem der bürokratische Aufwand und die zunehmende Regulierungsflut verringert werden", forderte Fourny. Französische Handwerker würden einen Tag pro Woche mit Verwaltungsaufgaben zubringen. Dittrich unterstrich: "Der Bürokratieabbau muss endlich konkret spürbar werden, Investitionshemmnisse müssen fallen und Planungs- wie Genehmigungsverfahren beschleunigt werden, besonders im Wohnungsbau." Wie bereits bei vorherigen Tagungen kritisierte Dittrich, dass die Europäische Union von Handwerkern als "Normenproduktionsfabrik" wahrgenommen werde. "Die Bürokratie ist so groß geworden, dass sie zum Staatsversagen führt."

Vertreter des deutschen Handwerks wünschen sich schon länger eine intensivere Zusammenarbeit mit den europäischen Nachbarn, um Brüssel zu einer mittelstandsfreundlichen Politik zu bewegen. Aus deutscher Sicht müsste der Lobbyismus verstärkt werden – und dafür ist in Brüssel auch mehr Personal erforderlich. Die Hauptlast tragen hier bisher die Deutschen. Das liegt auch daran, dass die europäische Kammerlandschaft zersplittert ist und keine gefestigten Strukturen besitzt. In einigen Ländern gibt es die Pflichtmitgliedschaft, in anderen Ländern ist die Kammermitgliedschaft freiwillig oder Handwerker haben sich lose in Vereinen organisiert. Viele Konzerne und auch die Industrie verfügen über eine schlagkräftigere Interessenvertretung in Brüssel.

Französische Kammern mit sich selbst beschäftigt

Zudem ist vor allem das französische Handwerk derzeit mit sich selbst beschäftigt. Fourny sprach von einer "Nabelschau". Hintergrund ist eine umfassende Umstrukturierung und Zentralisierung der Handwerksorganisationen. Die bislang stark dezentralen Strukturen der lokalen und regionalen Handwerkskammern (Chambres de Métiers et de l’Artisanat, CMA) werden schrittweise unter dem Dach der landesweiten Organisation CMA France zusammengeführt. Ziel dieser Reform ist es, Doppelstrukturen abzubauen, die Verwaltung zu verschlanken und die Dienstleistungen für die Betriebe zu standardisieren und zu verbessern. Allerdings wird der Prozess durchaus kontrovers diskutiert, da viele Betriebe um die regionale Verankerung fürchten. Das gab auch Fourny zu: "Wir verlieren zu viel Zeit mit der Umorganisation. Das Handwerk ist nicht gut genug vertreten bei der Regierung in Paris."

So wird wohl noch Zeit ins Land gehen, bis sich die Vision des deutschen Handwerkspräsidenten Jörg Dittrich vielleicht eines Tages erfüllt: ein einflussreiches Netzwerk europäischer Handwerkskammern zu schaffen. Das Ziel: Ein Gegengewicht zur übermächtigen Europäischen Kommission bilden und deren Vorstellung von Wirtschaftspolitik um die Perspektive kleiner und mittlerer Unternehmen zu erweitern.