IKK und Signal Iduna im Interview "Handwerk darf nicht belastet werden"

Gesetzliche und private Krankenversicherer an einem Tisch: IKK-Chef Gerd Ludwig und Signal-Iduna-Chef Reinhold Schulte reden über neue Ideen der Politik im Wahljahr und die Liquidität der Kassen.

Burkhard Riering

Die Chefs der IKK classic und Signal Iduna, Gerd Ludwig und Reinhold Schulte (re.), im Gespräch mit DHZ-Chefredakteur Burkhard Riering. - © Andreas Oertzen

DHZ: Herr Schulte, bald präsentieren Sie die letzte Bilanz Ihrer Ära. Wie wird sie ausfallen?

Schulte: Unsere Bilanzpressekonferenz ist im Juni, daher möchte ich noch keine Zahlen nennen. Was man aber sagen kann: Wir werden für 2012 den höchs­ten Überschuss unserer Unternehmensgeschichte ausweisen. Wir sind also sehr zufrieden. Wir verzeichnen einen enormen Anstieg der Kapitalanlagen um drei Milliarden auf über 56 Milliarden Euro. Über die gesamte Signal Iduna Gruppe haben wir eine durchschnittliche Nettoverzinsung von 4,5 Prozent erreicht, wobei die Lebensversicherung bei 4,9 Prozent liegt. Durch das sehr gute Ergebnis können wir die Reserven für unsere Kunden für die nächsten Jahre stärken.

Signal-Iduna-Chef Reinhold Schulte. - © Foto: Andreas Oertzen
Signal Iduna Schulte

DHZ: Und wie ist das Jahr bei der IKK classic gelaufen, Herr Ludwig?

Ludwig: Ähnlich gut. Wir profitieren von der robusten Wirtschaft, die Löhne steigen, die Beschäftigung wächst. Für 2012 erwarten wir bei einem Haushaltsvolumen von rund 8,5 Milliarden Euro ein operatives Plus von gut 240 Millionen Euro. Durch diesen Einnahme-Überschuss sind unter anderem die fusionsbedingten Mehraufwendungen, die wir für das laufende Jahr eingeplant haben, solide gegenfinanziert. Unsere nicht unbeträchtlichen Rücklagen müssen wir dafür nicht angreifen. Wir dürfen also zufrieden sein.

DHZ: Die Politik diskutiert derzeit Szenarien, die Ihr Geschäft direkt betreffen.

Schulte: Zunächst muss man bei aller politischen Debatte grundsätzlich festhalten: Wir haben eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Gehen Sie einmal im Ausland zum Arzt, da warten Sie erst stundenlang und dann ist die Versorgung auch nicht immer auf dem neuesten Stand der Technik. Daher will ja auch jeder, der im Ausland krank wird, sich nicht vor Ort behandeln lassen, sondern die nächste Maschine nach Hause nehmen.

Schulte: „Die Bürgerversicherung läuft auf eine Einheitsversorgung hinaus.“

Ludwig: Der Vorteil für die Kunden ist, dass die Systeme der gesetzlichen und der privaten Krankenversicherung gut nebeneinander bestehen können. Daran sollte man auch nicht rütteln. Es existieren ja auch andere politische Pläne wie die Bürgerversicherung …

DHZ: … was einem Umbau des Systems gleichkäme. Eine Bürgerversicherung präferieren SPD und Grüne. Das können Sie nicht gutheißen, Herr Schulte?

Schulte: Wir kämpfen auch für die Wiedereinführung der Beitragsautonomie der gesetzlichen Krankenversicherung. Wir sind überzeugt, dass der Wettbewerb innerhalb der gesetzlichen und der privaten Krankenversicherungen und der beiden Systeme an sich positive Impulse für die Gesundheitsversorgung aller Bürger gibt. Die Bürgerversicherung läuft auf eine Einheitsversorgung hinaus, der Staat übernimmt. Ein hoher Staatsanteil hat in anderen Ländern auch nicht funktioniert: Die medizinische Versorgung verschlechtert sich massiv. Und die Beiträge vieler Einzahler würden steigen.

Ludwig: „Das Schaffen von Jobs darf für den Mittelstand nicht zum Nachteil werden.“

Ludwig: Die Bürgerversicherung dürfte nicht die einzige Option in den politischen Debatten sein. Als handwerkliche Krankenversicherung sehen wir schon mit Sorge, dass das bisherige, arbeitsgebundene System der Beitragsfinanzierung an Grenzen stößt. Beschäftigungsintensive Wirtschaftszweige wie das Handwerk werden gegenwärtig immer stärker belastet, Branchen mit geringer Personalquote nehmen an der Finanzierung von Gesundheit dagegen kaum teil, selbst wenn sie hochproduktiv sind. Unser Vorschlag ist eine Ausgleichsabgabe, die solche systemischen Unwuchten mildert. Das Schaffen und Erhalten von Arbeitsplätzen darf für den Mittelstand nicht zum Nachteil werden.

Schulte: Im Fokus aller Fragen steht der demografische Wandel. Wenn jeder Dritte bald über 65 Jahre ist, wenn heute Geborene bis zu 100 Jahre alt werden, dann stellen sich Fragen nach Versorgung und Pflege. Wenn immer weniger Menschen in die gesetzliche Krankenversicherung einzahlen, wird die Versorgung umso kritischer. Und dass der Staat ob seiner explodierenden Sozialausgaben immer mehr Schulden macht, können wir uns nicht erlauben.

DHZ: Eine andere Debatte sind Prämien, die die Mehrheit der Kassen 2013 an ihre Kunden zahlen will.

Ludwig: Ich halte Prämien für einen kurzfristigen Trend. Wichtiger ist, dass wir uns gut aufstellen und Rücklagen bilden. Denn das Wachstumshoch ist bald vorbei, wir brauchen vorausschauende Stabilität. Wir investieren lieber in langfristige Verbesserungen der Leistungen für unsere Kunden.

DHZ: In dem Zuge wird der Wettbewerb unter den Kassen größer?

Ludwig: Entscheidend für jede Kasse ist ein starkes finanzielles Fundament. Allerdings bringt ein einheitlicher Beitragssatz, vorgegeben durch die Politik, hier Probleme mit sich. Hätten die Kassen die Finanzautonomie zurück, wären sie flexibler und könnten individuell die richtigen Weichen stellen.

Ludwig: "Wahljahre sind ja für Überraschungen gut."

DHZ: Werden Zusatzbeiträge in den nächsten Jahren ein Thema bleiben?

IKK-classic-Chef Gerd Ludwig. - © Foto: Andreas Oertzen
IKK Ludwig

Ludwig: Wahljahre sind ja immer für Überraschungen gut. Sofern aber keine komplette Kehrtwende in der Gesundheitspolitik erfolgt, werden Zusatzbeiträge sicher ein Thema bleiben, das uns die nächsten Jahre begleitet. Schon jetzt steigen die Ausgaben der Krankenkassen stärker als ihre Einnahmen. Die Finanzpolster in der gesetzlichen Krankenversicherung könnten schneller dahinschmelzen als mancher annimmt. Dazu trägt die Politik gerade kräftig bei.

DHZ: Inwiefern?

Ludwig: Durch die Abschaffung der Praxisgebühr, insbesondere aber durch die Reduzierung des Steuerzuschusses zum Gesundheitsfonds. Man darf nicht vergessen: Längst nicht alle Krankenkassen sind finanziell auf Rosen gebettet. Vom kommenden Jahr an könnten daher die Zusatzbeiträge zurückkehren. Für die IKK classic werden sie auf absehbare Zeit kein Thema sein; wir haben Vorsorge getroffen.

DHZ: Signal Iduna und IKK kooperieren seit Jahren? Warum eigentlich? Schulte: Wir sind beide im Handwerk zu Hause. Unsere Gemeinsamkeiten sind viel stärker als unser Wettbewerb. So haben wir für den Handwerker eine Rundumabsicherung geschaffen.

Ludwig: Unsere beiden Außendienste sind aufeinander abgestimmt, wir vermitteln alles, was der Kunde braucht. Das ist vielleicht das Entscheidende. Wir richten uns nach dem Bedarf des Kunden.