Wissenschaftler entwickeln dramatische Prognosen
Von Uli Steudel
Halb Holland unter Wasser
Eigentlich müssten wir voller Zukunftsängste stecken. Eigentlich müsste die Jugend längst wieder auf die Barrikaden gehen. Beim Klimakongress der Handwerkskammer Schwaben in Augsburg konnten die Gäste eine Ahnung davon bekommen, wie drastisch sich der Lebensraum schon im Verlauf dieses Jahrhunderts verändern wird, wenn der Mensch wie gewohnt die Atmosphäre mit Kohlendioxid aufheizt.
Die Szenarien, die dabei entwickelt wurden, schöpfen ihre Glaubwürdigkeit aus ihren Quellen. Mit den Professoren Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Olav Hohmeyer von der Uni Flensburg war es den Organisatoren gelungen, zwei weltweit anerkannte Wissenschaftler zu gewinnen, die beide am UN-Weltklimabericht mitgearbeitet haben. Dieser so genannte IPCC-Bericht hatte im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt, weil sich mehr als 2.000 Wissenschaftler aus aller Welt erstmals darauf geeinigt hatten, dass sich der Klimawandel beschleunigt und der Mensch ihn verursacht.
Die Prognosen, die der Klimaforscher Rahmstorf entwickelte, lassen Schlimmes erwarten. Gegenüber 1950 wird sich die globale Durchschnittstemperatur bis 2100 um vier Grad Celsius erhöhen, über Land sogar um sechs Grad Celsius. Aber schon eine Erwärmung um drei Grad Celsius habe irreparable Folgen für das Klima: Das Grönlandeis schmilzt ab, der Meeresspiegel steigt um sieben Meter, halb Holland unter Wasser.
Doch selbst wenn es gelingt, bis Ende des Jahrhunderts den kompletten Ausstieg aus der Energieerzeugung aus fossilen Quellen zu schaffen, ist eine Erwärmung um zwei Grad Celsius nicht mehr aufzuhalten, prognostiziert Rahmstorf. Seiner Meinung nach ist eine weltweite Wende jedoch nicht in Sicht. Dabei liefere die Sonne Energie im Überfluss, man müsse sie nur kostengünstig anzapfen. „Technologisch bin ich da optimistisch, politisch allerdings weniger“, sagte Rahmstorf.
Große Chancen für
das Handwerk
Auch Olav Hohmeyer hält die fossile Energieerzeugung für den Kern des Problems. Als einzigen Ausweg sieht er die Steigerung der Energieeffizienz und den Einsatz regenerativer Energiequellen. Die Lösung des Klimaproblems biete große Chancen für das Handwerk. „Ich hoffe, Sie ergreifen sie“, sagte der Europavertreter im Weltklimarat und war sich darin einig mit dem österreichischen Zukunftsforscher Christian Hehenberger, der schon frohlockte, dass vor allem Bauhandwerker vor lauter Cash schon bald die Kasse nicht mehr zubekommen.
Ein differenziertes Fazit zog Ulrich Wagner unmittelbar nach dem Kongress. Es sei eindrucksvoll gelungen, die Potenziale für Handwerksunternehmen in Zeiten des Klimawandels aufzuzeigen. Enttäuscht war der Hauptgeschäftsführer der gastgebenden Handwerkskammer jedoch von der Resonanz auf den Kongress bei den Betriebsinhabern. „Nur wer seine Chancen früh genug erkennt, kann davon auch richtig profitieren.“ Eigentlich sollte das jedem klar sein.