Dieser schlichte Stil passt zu ihm. Manfred Stolpe sitzt in der Aula der Potsdamer Sportschule. Kahle Wände, harte Stühle, ein paar Tische. Der SPD-Ortsverein Potsdam-West hat den früheren brandenburgischen Ministerpräsidenten zum Gespräch geladen. Wenige Tage vor seinem 75. Geburtstag am 16. Mai soll der SPD-Politiker ein wenig plaudern - über die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft.
"Häuptling der Streusandbüchse" wird 75
Potsdam (dapd). Dieser schlichte Stil passt zu ihm. Manfred Stolpe sitzt in der Aula der Potsdamer Sportschule. Kahle Wände, harte Stühle, ein paar Tische. Der SPD-Ortsverein Potsdam-West hat den früheren brandenburgischen Ministerpräsidenten zum Gespräch geladen. Wenige Tage vor seinem 75. Geburtstag am 16. Mai soll der SPD-Politiker ein wenig plaudern - über die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft.
Gespräche wie diese sind für den 74-Jährigen noch immer keine Seltenheit. Trotz seines Rückzugs aus der Tagespolitik im Jahr 2005 und einer Krebserkrankung hat sich Stolpe nicht aufs Altenteil zurückgezogen. Er kümmert sich um den Erhalt der "gebauten Kultur" in Brandenburg. Als Vorsitzender des Denkmalbeirats sucht er Geldquellen, um Herrenhäuser und Schlösser zu retten. Wichtig sind dem in Stettin geborenen Stolpe auch die deutschen Beziehungen zu Osteuropa, er ist Vorstandsmitglied im deutsch-russischen Forum "Petersburger Dialog". Die Schlösser und Osteuropa seien seine Hauptaufgaben, sagt Stolpe. Wie an diesem Abend als Zeitzeuge zur deutschen Geschichte zu sprechen, das sei "fakultativ", fügt er mit einem Schmunzeln hinzu.
Bei seinem Rückblick gesteht der einst beliebte Landesvater auch Niederlagen ein. Als Beispiele aus seiner zwölfjährigen Amtszeit als Ministerpräsident von 1990 bis 2002 nennt er die gescheiterte Länderfusion mit Berlin. Auch habe sich die SPD bei geplanten Großprojekten wie dem Luftschiffhafen Cargolifter in Brand oder der Chipfabrik in Frankfurt (Oder) täuschen lassen. Jedoch sei auch viel gelungen, ergänzt der einstige "Häuptling der Streusandbüchse", wie sich Stolpe in Anspielung auf den früheren sächsischen Ministerpräsidenten "König" Kurt Biedenkopf (CDU) nannte.
Als wichtigsten Erfolg betrachtet Stolpe die heutige Identifikation der Brandenburger mit ihrem Land. Die Menschen seien wieder stolz auf Brandenburg. Stolpe verteidigt auch den Sonderweg, den er nach der Wende eingeschlagen hat. "Wir haben das bewusst gemacht", sagt er und schlägt den Bogen zu den Auseinandersetzungen um eine mangelnde Aufarbeitung der SED-Diktatur. Seit Stolpes Nachfolger Matthias Platzeck (SPD) 2009 erstmals eine rot-rote Regierung bildete, werden immer wieder neue Stasi-Fälle in Politik, Justiz oder Polizei bekannt und diskutiert.
Er habe nicht den Weg der Rache gehen wollen, schildert Stolpe seine Zurückhaltung. Wer sich in der SED-Diktatur keiner schwerwiegenden Vergehen schuldig gemacht habe, dem sei eine zweite Chance gegeben worden. Wenn sich heute herausstelle, dass jemand damals gelogen habe, dürfe es kein Pardon geben. Ohne neue Fakten jedoch müssten die Menschen geschützt werden.
"Wir wollten möglichst viele Menschen mitnehmen", betont Stolpe. Er sei froh, dass sich nun eine Enquete-Kommission des Landtags mit der Aufarbeitung der Wendezeit befasse. So werde vielleicht eine Antwort auf die Frage gefunden, ob es besser gewesen wäre, Tausende Menschen "abzuservieren".
Auch Stolpe selbst musste sich lange heftiger Stasi-Vorwürfe erwehren. Als Jurist und Konsistorialpräsident der evangelischen Kirche hatte er zu DDR-Zeiten Kontakte zum Ministerium für Staatssicherheit (MfS), kümmerte sich unter anderem um Ausreisewillige. Im Streit um diese Vergangenheit zerbrach 1994 die von Stolpe gebildete Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP. Dem Ex-Kirchenmann konnten jedoch weder im parlamentarischen Untersuchungsausschuss noch gerichtlich Stasi-Verstrickungen nachgewiesen werden.
Dass ihn Erich Mielkes Geheimdienst als Inoffiziellen Mitarbeiter unter dem Decknamen "Sekretär" führte, sei ohne sein Wissen geschehen, hatte Stolpe einst betont. Die Brandenburger vertrauten ihm offenbar. Bei der Wahl nach dem Bruch der ersten Koalition erhielt die SPD 1994 die absolute Mehrheit und regierte fünf Jahre allein. 1999 reichte es dazu nicht mehr und Stolpe schmiedete eine rot-schwarze Koalition. CDU-Landeschef Jörg Schönbohm wurde Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident. Der Ex-General der Bundeswehr sagte einmal über Stolpe, der sei ein "Glücksfall für Brandenburg".
Die heutige CDU-Führung würde das wohl nicht mehr unterschreiben. Partei- und Fraktionschefin Saskia Ludwig bezeichnete Stolpe vor knapp einem Jahr als "politisches Fossil". Die CDU geht mit der SPD wegen des von Stolpe eingeschlagenen "Brandenburger Weges" hart ins Gericht. Stolpe sagt dazu: "In der ersten Wahlperiode haben wir Konsensdemokratie gestaltet, heute gibt es eine Streitdemokratie." Er leide darunter, dass der Konflikt gesucht werde statt das Land gemeinsam voranzubringen. Sein Motto habe immer gelautet: "Erst das Land, dann die Partei".
dapd
