Der Bioboom erreicht den Friseursalon. Ob Pflanzenfarben, Haarshampoo ohne künstliche Zusatzstoffe oder gar ein Haarschnitt nach den Mondphasen – Naturfriseure und Biokosmetiker wie Kirsten Nieb oder Britta Coers bieten nicht nur Ökofans eine Alternative. Sie profitieren vom Trend zu mehr Natürlichkeit und erobern so eine Marktnische. Ein Selbstversuch.
Jana Tashina Wörrle

Schon von außen strahlt mir warmes, orangefarbenes Licht entgegen. Drinnen bin ich fast geblendet, denn die Lampen reflektieren in den großen Spiegeln. Es duftet süß und nach Unbekanntem. Rosenholz vielleicht? Beim Betreten vom Friseur- und Kosmetiksalon von Britta Coers werde ich automatisch ruhig, obwohl drinnen normaler Geschäftsalltag herrscht.
Baderin3Wasser plätschert, Scheren klappern, im Hintergrund sanfte Klaviermusik. Auch wenn das Ladengeschäft der "Baderin", wie sich die Handwerksunternehmerin selbst nennt, nicht gerade groß ist und breite Holzregale mit braunen Papiertüten darin mitten durch den Raum verlaufen, fühlt man sich schnell wohl und geborgen.
Hautprobleme und pure Überzeugung
Genau das ist Ziel der Natur- und Biofriseure. Sie wollen ihren Kunden ein Rundum-Wohlfühlpaket bieten und setzen auf ein ganzheitliches Konzept. Neben dem kompletten Verzicht auf chemische Zusatzstoffe in Haarfarben und Kosmetikprodukten gehört es auch dazu, den alltäglichen Lebenswandel der Kunden miteinzubeziehen und individuelle Probleme zu besprechen. Eine große Rolle spielt auch die Ernährung. "Ich möchte meinen Kunden dort abholen, wo er gerade steht", erzählt Kirsten Nieb, deren Salon mit dem Namen "der Naturfriseur", in Rheinstetten bei Karlsruhe beheimatet ist.
Mit Abholen meint sie, jedem Kunden das anzubieten, was er gerade braucht. "Manche haben schlimme Hautprobleme und vertragen nur Naturprodukte und andere kommen aus purer Überzeugung", sagt Nieb. Die einen brauchen eine ausführliche Beratung und die anderen wissen ganz genau, was sie wollen.
Honig auf die Augen
Der erste Besuch beim Naturfriseur kann aber auch erst einmal nur ein Ausprobieren sein, auf der Suche nach einer Alternative. Und so erlebe ich in Berlin Prenzlauer Berg bei der Baderin eine kleine andere Welt. Den Namen für ihren Salon hat Britta Coers ganz bewusst gewählt. Er deutet auf den mittelalterlichen Beruf des Baders hin, der so etwas wie ein Heiler war und sich gleichzeitig um die Körperpflege der Menschen kümmerte.
Die andere Welt beginnt bei Britta Coers mit einem Tee. Dann geht es zur geplanten Kosmetikbehandlung: Augenbrauen zupfen und Wimpern färben soll es bei mir sein. Doch als ich mich auf die Holzliege lege, riecht es nicht wie sonst bei Kosmetikern nach Desinfektionsmittel. Das Wattepad, das nun jetzt meine Augenlider beruhigen soll, duftet nach Honig. Doch dann wird gezupft und das ist auch in dieser Atmosphäre nicht angenehmer.
Das Qualitätsbewusstsein steigt
260.825 Friseurinnen und Friseure sind momentan in den 79.630 Salons in Deutschland beschäftigt. Damit gehört dieser Beruf laut dem Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks zu den personalintensiven Branchen im Handwerk. Noch besetzen die Natur- und Biofriseure nur eine Nische, doch vor allem in den Großstädten stößt man immer häufiger auf sie. "Einen messbaren Trend erleben wir hier bislang nicht", sagt zwar Joachim Weckel, Abteilungsleiter für Wirtschafts- und Umweltfragen beim Friseurverband. Doch er gibt zu, dass das Qualitätsbewusstsein der deutschen Friseurkunden steige.
"Wenn ich zum Friseur gehe, erwarte ich in erster Linie einen guten Haarschnitt", sagt Weckel. Doch dabei seien die Ansprüche ganz verschieden und so gehöre für einige heute auch die gute Natürlichkeit der Produkte dazu. Ähnlich wie die steigende Nachfrage nach Biolebensmitteln, könnte so ein Trend entstehen. "Noch bilden die Naturfriseure aber eine eigene Marktnische", sagt der Friseurkenner.
Und diese Nische wollen einige Betriebe für sich nutzen. So hat sich auch Kirsten Nieb vor dreieinhalb Jahren entschieden, ihren Friseursalon nach alter Form komplett aufzugeben. Erst versuchte sie beides zu bedienen, die klassischen Friseurkunden und die Naturfriseurliebhaber. "Aber hier war ich dann ständig in der Situation, den Kunden erklären zu müssen, was das Besondere an den Pflanzenprodukten ist und sie dazu überreden, das auch mal zu testen", sagt Nieb.
Kein Trend, sondern Lebenswandel
Heute ist sie zwar noch stärker als Beraterin tätig, aber überreden muss sie niemanden mehr. "Ich setze jetzt auf die ganz einfachen Dinge, eigentlich reicht sogar ein einziges naturbelassenes Haarwaschmittel ", sagt die Biofriseurin. Wer möchte bekommt aber auch eine aufwendigere Behandlung mit pflanzlicher Kosmetik oder gar einen Haarschnitt passend zu den Mondphasen. "Das ist aber kein Muss", sagt Nieb und lacht. "Ich selbst lebe auch nicht danach."

Ähnlich sieht es Britta Coers. Den Haarschnitt nach Mondphasen hat auch sie im Programm. Aber da der perfekte Zeitpunkt zum Haareschneiden immer ist, wenn der Mond im Löwen steht und das nur alle vier Wochen der Fall ist, ist sie froh, dass nicht allzu viele Kunden bei Haarschnitt auf den Mond setzen.
Obwohl auch die Baderin vom steigenden Biointeresse der Kunden profitiert, möchte sie nicht von einem Trend sprechen. "Dauerwellen sind Trend oder rot gefärbte Haare. Was wir hier machen, hat für die meisten mit einem ganzen Lebenswandel zu tun", sagt Coers. Kaum jemand, der sich einmal für ein biologisches und naturnahes Leben entschieden hat, kehre auf diesem Weg wieder um.
"Erst kommt das Bio-Essen, dann die Kosmetik und als letztes dann der Naturfriseur", erklärt sie und erzählt von ihrem eigenen Wandel. Nach der klassischen Friseurlehre und der Meisterausbildung wollte sie erst einmal nicht mehr im Friseursalon arbeiten. Sie machte das Abitur nach, studierte, bekam Kinder und erst Jahre später als sie sich schon für ein neues Leben nach einer ganzheitlichen Sichtweise, mit alternativen Heilformen entschieden hatte, kam auch die Idee vom eigenen Friseursalon zurück. "Ich wusste damals aber ganz klar, dass ich das nur als Naturfriseurin machen würde", sagt sie heute nach neun Jahren Erfolg als selbstständige Unternehmerin.
Und den Erfolg strahlt sie auch aus. Nach der zweiten Tasse Tee geht es dann für mich auf der Kosmetikliege weiter. Wieder schöne Musik und leckerer Duft um mich herum, der Rest ist nicht viel anders als sonst bei der Kosmetikbehandlung – aber schön sieht es am Ende aus und ich bin vollkommen entspannt.
Keine Discounterpreise
So wenig spürbar ist der Umstieg für andere Kunden von Britta Coers und Kirsten Nieb aber nicht. Denn der Großteil kommt immer noch, weil er Hautprobleme hat und keine anderen Produkte mehr verträgt. Ein Muss ist und bleibt für die Naturfriseure dabei die Ganzheitlichkeit ihres Ansatzes. "Wenn jemand Kopfhautprobleme hat oder ganz stumpfes Haar, kann das auch an der falschen Ernährung liegen oder am Stress", erklärt Kirsten Nieb. Bevor sie sich gemeinsam mit dem Kunden für eine Behandlung entscheidet, klärt sie auch solche möglichen Probleme ab. Und für diese Sonderbehandlung muss sie mit ihrer Zeit gut haushalten.
"Ich habe heute nur noch eine Angestellte in Teilzeit, damit ich mit dem Kunden in Ruhe reden kann und niemand stört", sagt die Unternehmerin, bei der jeder Kunde heute vier bis sechs Wochen Vorlaufzeit für einen Termin einplanen muss. Dementsprechend anders als beim Discountfriseur sind bei ihr natürlich die Preise. Die Stunde bei Naturfriseurin Nieb kostet etwa 50 Euro, abgerechnet wird nach Viertelstunden.

Kampfpreise sind es bei der Naturkosmetik nicht gerade, aber im Vergleich bin ich mit zehn Euro fürs Wimpernfärben und sieben für Augenbrauenzupfen gut dabei. "Die Preise sind nicht mit den Selbst-Föhn-Friseuren an der Ecke vergleichbar, aber doch mit jedem anderen Qualitätskollegen", sagt die Baderin. Anders als Kirsten Nieb hat sie ihren Personalstab nicht verkleinert für das Naturfriseurdasein. Wenn sie mehr Platz hätte, würde sie sogar mehr Mitarbeiter anstellen als zwei Vollzeitkräfte und eine Teilzeitkraft.
Verschiedene Welten
Momentan hat Britta Coers eine Auszubildende, doch die muss aus Sicht der Naturfriseurin doppelt lernen. "Alles was die Haarpflege- und Kosmetikprodukte betrifft und alles was mit dem Haarefärben zu tun hat, ist bei uns ja ganz anders als es in der Berufsschule gelehrt wird", sagt die Friseurmeisterin. Andersherum kann ihr Lehrling vieles von dem Wissen aus der Schule nicht bei der täglichen Arbeit gebrauchen und muss es trotzdem bei der Prüfung draufhaben. Wieder zwei verschiedene Welten.
Britta Coers schlägt deshalb vor, dass man die Besonderheiten der Naturfriseure als freiwilliges Modul in der Berufsschule anbieten könnte. "Jeder muss doch in der Ausbildung einen Schwerpunkt wählen und warum nicht auch das Wissen der Naturfriseure einbeziehen", sagt sie. So könne jeder frei entscheiden, ob er etwas über diese Methoden lernen will oder nicht und beide Berufswege würden den jungen Leuten offenstehen.
