Haarlänge egal Warum immer mehr Friseure Haare für die Meere spenden

Haare sind eine nachwachsende und wertvolle Ressource mit hervorragenden Filtereigenschaften. Dennoch werden sie nach dem Schneiden meist weggeworfen. Immer mehr Friseure spenden jetzt diesen "Abfall" und engagieren sich so für Meere und Umwelt. Wie das funktioniert – und wie sich Friseursalons beteiligen können.

Friseurmeisterin Katja Fischer sammelt abgeschnittene Haare in eine Papiertüte.
Friseurmeisterin Katja Fischer spendet die abgeschnittenen Haare ihrer ­Kunden für den Umweltschutz. - © Jörn Perske

Von Neuenstein in Hessen bis nach Brignoles im Süden Frankreichs sind es 1.117 Kilometer – eine lange Fahrt, an deren Ende das blau funkelnde Wasser der Côte d’Azur lockt. Hierher schickt Katja Fischer regelmäßig dicke Papiertüten mit abgeschnittenen Haaren aus ihrem Salon. "Die Haare sind viel zu schade, um sie wegzuschmeißen", findet die Friseurmeisterin. Denn ihr französischer Kollege Thierry Gras hat eine Möglichkeit entwickelt, wie sich aus dem Abfallprodukt Filter für Meerwasser herstellen lassen.

Motoröle, Benzin, aber auch Fette und Substanzen aus Sonnencremes belasten das Ökosystem der Meere. Haare können diese Verschmutzungen herausfiltern, bis zu acht Liter pro Kilogramm Haare. 2015 gründete Thierry Gras die "Coiffeurs justes", die fairen Friseure, um diese Eigenschaften der Haare systematisch zu nutzen.

Haare als Wasserfilter in Häfen

Sie sammeln Haare aus Salons in ganz Frankreich und aus Nachbarländern und lassen sie in Brignoles in Stoffhüllen stopfen. Die daraus entstandenen langen Würste setzten sie zunächst ins Wasser von Cavalaire-sur-Mer und reinigten so das Hafenbecken. Doch Gras produzierte auch Haarfilter auf Vorrat und schickte sie nach einem Tankerunglück zur Insel Mauritius.

Katja Fischer ist von dieser Idee begeistert: "Für mich ist das Thema Umwelt in unserem Beruf schon lange von Interesse und gerade die Verschmutzung der Meere bewegt mich sehr", sagt die sozial engagierte Unternehmerin. Sie bezahlte 25 Euro Jahresbeitrag bei den Coiffeurs justes, kaufte Papiersäcke für den Versand der Haare à ein Euro pro Stück und legte los. Wenn ein Sack voll ist, sendet sie ihn per Post nach Frankreich – so lange, bis ihr die Säcke ausgehen. Dann will sie der kürzlich gegründeten deutschen Variante der fairen Friseure beitreten.

Französische und deutsche Friseure spenden Haare fürs Meer

Erst Anfang dieses Jahres haben Friseurmeister Emidio Gaudioso aus dem niedersächsischen Bückeburg und Unternehmensberater Thomas Keitel "Hair help the oceans" gegründet. Zunächst wollten sie sich den französischen Umweltaktivisten anschließen. "Aber die haben inzwischen 17.000 Partnersalons und brauchen keine Haare mehr“, erklärt Thomas Keitel.

Also setzten die beiden Geschäftspartner ein eigenes Modell für Deutschland auf. Innerhalb der ersten zwölf Wochen schlossen sich bereits 500 Friseursalons an. Sie zahlen 21 Euro pro Monat, dafür werden die Haare vor Ort von einem Paketdienstleister abgeholt. In Bückeburg haben Gaudioso und Keitel eine Halle gemietet, in der sie die Haare sammeln und bisher ehrenamtlich mit ihren Teams daraus Würste beziehungsweise Filzmatten formen. Nach dem französischen Vorbild planen sie, Langzeitarbeitslosen über diese Aufgabe die Chance zu geben, wieder in Arbeit zu kommen. Gespräche mit den Ämtern laufen.

Filter aus gespendeten Haaren schon in Flüssen und Kanalisationen einsetzen

Mit dem Reinigen des Wassers wollen sie früher ansetzen als die Franzosen. "Das Meer beginnt vor unserer Haustür. Alles, was bei uns in die Kanalisation geht, fließt zum Meer", erklärt Keitel seine Idee. Deswegen wollen er und Gaudioso an den Flüssen vor Ort, an Schleusen und Häfen beginnen, auch bei den Kanalisationen. "Allein Berlin hat 180.000 Gullideckel“, rechnet Keitel vor, an wie vielen Stellen die natürlichen Filter eingesetzt werden könnten. Bisher ist das Projekt in Deutschland zu jung, um hier Kunden aufweisen zu können. Doch Keitel ist zuversichtlich. Das Medienecho sei enorm.

Das spürt auch Friseurmeisterin Katja Fischer. Nach Berichten in mehreren Tageszeitungen hat sie ganz neue Kunden gewonnen. "Da waren viele Jüngere dabei, Friday-for-Future-Aktivisten, die ausdrücklich wegen der Aktion kommen", freut sich Fischer. Die Corona-Krise hatte - wie bei den meisten ihrer Kollegen - die Einnahmen ihres Salons "Der Haarstall" massiv einbrechen lassen. Nun hilft ihr Umweltengagement nicht nur den Meeren, sondern auch ihrem eigenen Unternehmen.

Lange Haare für Perücken spenden

Kommt eine Kundin zu Katja Fischer, die ihre langen Haare abschneiden lassen will, so landet der Zopf nicht in der Meer-Tüte. "Auch diese Haare spenden wir, aber nicht fürs Meer, sondern um daraus Perücken machen zu lassen", erklärt Fischer. Sie habe sich einer Partnerorganisation von "Wigs for Kids" angeschlossen, die für krebskranke Kinder kostenlos Echthaarperücken anfertigt.

Solche Initiativen gibt es einige. So sammelt der Bundesverband der Zweithaar-Spezialisten (BVZ) seit 13 Jahren Haarspenden und versteigert diese unter Echthaar verarbeitenden Unternehmen. Der Erlös geht an gemeinnützige Institutionen, 2022 ist das beispielsweise das "look good feel better"-Patientenprogramm von DKMS LIFE.

Auf seiner Webseite www.bvz-rapunzel.de hat der BVZ alle wichtigen Informationen gesammelt, worauf Friseure beim Haare spenden achten müssen. Die Haarspenden müssen:

  • mindestens 30 cm lang sein
  • dürfen nicht chemisch behandelt sein, also weder gefärbt, gesträhnt noch dauergewellt
  • am Ansatz und an den Spitzen fest zusammen gebunden sein
  • trocken sein