Geschickt eingefädelt Guido Maria Kretschmer: "Ich komme aus dem Handwerk"

Guido Maria Kretschmer im Gespräch mit der Deutschen Handwerks Zeitung über Handarbeit, Qualität und Fashion-Notfälle.

Guido Maria Kretschmer zählt zu den bekanntesten Modedesignern Deutschlands. Neben dem besten Hobbyschneider Deutschlands in "Geschickt eingefädelt" sucht er bei Vox auch regelmäßig die "Shoppping Queen". - © Britta Pedersen/picture alliance/dpa

Steht bei Ihnen noch eine Nähmaschine zuhause?

Guido Maria Kretschmer: Ja, selbstverständlich! Noch bevor ich einen Schrank hatte, hatte ich eine. Als ich von zuhause auszog, kam sie mit. Meine Mutter sagte nur: „Wenn er seine Nähmaschine hat, ist er glücklich.“ Ich liebe es zu nähen. Auch heute sitze ich daran. Das ist auch für die Sendung wichtig. Die Kandidaten müssen sehen, dass ich weiß, wie man einen Reißverschluss vernäht. Ich komme schließlich aus dem Handwerk.

DHZ: Was bedeutet das für Sie?

Das Handwerk ist die Basis von allem. Ich habe als Hobbyschneider angefangen, so wie jeder Designer und Handwerker. Das entwickelt sich aus einer Leidenschaft. Bei Musikern ist das nicht anders. Leider ist uns das made in Germany gerade im Textilen verloren gegangen. Wir waren einmal eine große Textilnation, die leider ihr Know-how ins Ausland geschoben hat. Jetzt fehlen uns die guten Zwischenmeister. Es ist wichtig, dass man den Menschen wieder erzählt, was Handwerk ausmacht: Professionalität und Standards. Da darf nicht geschummelt und gehuschelt werden. Mode ist hautnah am Körper. Der Gegenüber bekommt sofort den Eindruck, ob das gut verarbeitet ist oder nicht. Beim Bau ist das nicht anders. Ich lebte lange in Spanien. Ich weiß, wie ein System ist, in dem es keine Meisterprüfung gibt. Da wird gepfuscht.

Wenn Sie vom Fernseh-Rummel nach Hause kommen und entspannen möchten: Shoppen oder Schneidern?

Schneidern! Ich mag das Kontemplative ora et labora. Bummeln ist auch sehr schön. Vor allem in Städten mit kleinen Läden in denen es verschiedene Angebote gibt. Aber wenn ich jetzt die Wahl hätte, würde ich lieber nähen.

Wie oft kommt es vor, dass Sie in einem Fashion-Notfall zu Nadel und Faden greifen?

Als Mann ist das natürlich schwierig. Ich kann mir in zwei Stunden kein neues Sakko nähen. Aber ich habe schon Frauen gerettet. Auf dem Leipziger Opernball hab ich eine Prominente in ihr gerissenes Kleid eingenäht. Sie musste pinkeln, wir sind aufs Klo. Ich habe die Naht aufgetrennt, zugenäht, fertig. Gottseidank hatte ich ein Nähset aus dem Hotel dabei.

Die dunkle Jahreszeit fängt an und vor Deutschlands Flimmerkisten wird wieder fleißig gehäkelt und gestrickt. Sollten sich Leute nicht an Kreativerem versuchen?

Da gibt es wirklich welche, die stricken sich verrückt. Aber wenn der Gegenüber das wertschätzt, ist das doch gut. Und wenn man stricken kann, kann man auch nähen. Wichtig ist, dass man bei der Handarbeit an denjenigen denkt, für den es bestimmt ist. Was ist das für ein Mensch? Ein durchgeknalltes Enkelkind? Das freut sich über ein abgedrehtes Strickteil. Liebe und Zuneigung sollte sich im Design wiederfinden.

Ihr Kleiderschrank: Wieviel kommt von der Stange, wieviel von kleinen Designern?

Gottseidank habe ich ein Kleiderzimmer! Fünfzig Prozent waren schon immer da. Das sind Lieblingsteile, die ich schon ewig habe. Zwanzig Prozent sind Musterteile aus meinen Kollektionen. Weitere 25 Prozent sind eine Mischung aus Super-Designern und anderen Sachen, die ich bei anderen guten Leuten sehe. Manchmal kaufe ich mir Damenhandtaschen und lege die in den Schrank, weil ich die schön finde.

In Deutschland gibt es zwei Entwicklungen. Zum einen immer mehr Malls, zum anderen bilden sich kleine Schneidereien heraus. Wie stehen Sie dazu?

Mainstream-Mode heißt natürlich, dass viele Leute schnell gute Looks für einen günstigen Preis bekommen. Das ist demokratisch. Andererseits geht da die Vielfalt verloren. Es gibt immer weniger handwerklich gut Gemachtes. Man sollte mischen und in den jungen Läden vorbeischauen. Natürlich ist es da etwas teurer, aber es gibt Sachen, die du nicht an jeder Ecke findest.

Schaffen Sie mit Ihrer Sendung ein Bewusstsein, dass Kleidung nicht auf der Stange hängt, sondern in Handarbeit hergestellt wird?

Natürlich! Ich erzähle ja immer von Kunst, Kultur, Geschichte. Wer hat den Swift erfunden? Wer war Lord Cardigan? Das gehört für mich untrennbar zu Mode und Design. An der Universität könnte ich darüber stundenlang referieren. Die Leute müssen wissen, dass man nicht irgendwo Baumwolle reinsteckt und am Ende kommt ein fertiges Teil heraus. Das ist von Menschen gemacht. Dem muss man mit Respekt begegnen.