Mehr als 18.000 Betriebsneugründungen im Handwerk werden jährlich von Frauen vorgenommen. Birgit Rodler ist eine dieser erfolgreichen Gründerinnen. Im Interview erzählt sie, wie sie sich als Handwerksunternehmerin behaupten kann und wie sie ihren heutigen Betrieb aus der Insolvenz gerettet hat.
Mit großer Tatkraft hat Birgit Rodler 2009 zusammen mit zwei Kolleginnen einen Näh- und Stickereibetrieb aus der Insolvenz herausgekauft und wieder auf Erfolgskurs geführt. So rettete sie nicht nur ihren eigenen, sondern auch zahlreiche weitere Arbeitsplätze.
Frau Rodler, Ihr Unternehmen AFW Creativ-Stickerei expandiert. Noch vor drei Jahren musste der Betrieb unter anderer Führung Insolvenz anmelden. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Rodler: Viel Mut und auch eine Portion Glück, das war die Basis für unsere Unternehmensgründung. Jetzt ist es vor allem unser persönliches Engagement, das den 20-köpfigen Betrieb erfolgreich macht. Wir sind sparsam, das zeigt sich auch an den schmalen Gehältern der sechs Gesellschafter. Wir sichern lieber uns und unseren Mitarbeitern die Arbeitsplätze, als selbst reich zu werden. Zudem arbeiten wir alle ganz normal im Betrieb mit. Ich selbst etwa stehe von morgens bis abends an dem Stickautomaten. Zeit für Marketing ist dann später oder am Wochenende.
Sie sind leidenschaftliche Unternehmerin. Aber Hand aufs Herz – gab es auf Ihrem Weg auch schwierige Situationen?
Rodler: Natürlich war die Geschäftsübernahme mit Risiken verbunden. Wir mussten schnell handeln. Bereits während der Insolvenzverhandlungen besuchten wir ehemalige Großkunden der alten Firma und warben für unseren neuen Betrieb. Zu der Zeit standen die Maschinen still, ein anderer Interessent hatte sich gemeldet und wir wussten nicht, ob wir überhaupt den Zuschlag erhalten. Es war jedoch wichtig, schnell zu handeln, Aufträge zu sichern und damit viele Arbeitsplätze. Wir hatten Glück, wir konnten das insolvente Unternehmen übernehmen. Zudem haben wir Großabnehmer wie den Deutschen Fußball-Bund von der handwerklichen Qualität unserer Waren überzeugt.
Das heißt, Sie haben mit AFW Creativ-Stickerei an alte Kundenbeziehungen angeknüpft?
Rodler: Ja, allerdings haben wir unseren Kundenstamm auch massiv erweitert. Die Maschinen in der Insolvenzmasse waren alt und konnten einige der heutigen Anforderungen nicht mehr erfüllen. Wir haben investiert und den alten Bestand nach und nach ausgetauscht. Wir besitzen jetzt unter anderem zwei neue Stickmaschinen sowie Geräte für Sublimations- und Digitaldrucktechnik. Damit können wir neben klassischen Aufträgen wie Wimpel für den DFB und Karnevalsmützen auch Beschriftung von Rucksäcken und Baseballcaps vornehmen.
Sind Sie auch erfolgreich, weil Sie als Frau die Dinge anders angehen als Männer?
Rodler: Ich glaube nicht, dass wir als Frauen grundsätzlich etwas besser oder schlechter machen. Es kommt auf das Engagement und den Weitblick an. Ich glaube allerdings, dass sich Frauen mit dem Schritt in die Selbstständigkeit schwerer tun. Sie denken an Familie und an die finanzielle Unsicherheit. Letztendlich können sie genauso wie Männer Betriebe leiten. Deshalb möchte ich jeder Frau Mut machen: Trauen Sie sich! .
Hat das zu Ihnen auch jemand gesagt, als Sie sich selbstständig machen wollten?
Rodler: Die 85-jährige Mutter meines ehemaligen Chefs hat mir Mut gemacht. Ich wollte mich eigentlich alleine selbstständig machen, mit nur einem Stickautomaten. Aber eines Tages kam sie zu mir und sagte, ich könne mir das ruhig zutrauen, einen ganzen Betrieb zu übernehmen. Und so habe ich zuerst meine Schwester Sonja Oelschlegel und meine Cousine Doris Rau ins Boot geholt. Dann kam in der Gründungszeit auch Bernhard Schubert von den Aktivsenioren hinzu. Er unterstützt uns bis heute besonders bei kaufmännischen Aufgaben.
Was haben Sie bei der Unternehmensgründung gelernt beziehungsweise was würden Sie anderen Frauen, die es Ihnen gleich tun wollen, mit auf den Weg geben?
Rodler: Es braucht Mut und Kraft, einen Betrieb zu gründen. Ohne die große Unterstützung meines Mannes wäre es schwer geworden. Auch sollte man nicht immer perfekt sein und alles alleine schaffen wollen, sondern auch Beratung und Hilfe annehmen. Und zu guter Letzt würde ich ihnen mit auf den Weg geben: Es ist toll, die eigenen Produkte auf der Straße oder sogar im Fernsehen zu sehen. Ich schaue gerne Fußballländerspiele – Männer genauso wie Frauen. Denn am Anfang wird immer unser Wimpel übergeben. Das belohnt jede Mühe. zdh/dhz
