"Note 3" bei Bitkom-Studie Große Kluft im Handwerk: Mehr Faxgeräte als KI im Einsatz

Während manche Dachdecker bereits Drohnen für Inspektionen nutzen, arbeitet jeder vierte Handwerksbetrieb noch mit dem Faxgerät. Eine Studie mit über 500 Firmen offenbart: 89 Prozent wissen um die Chancen in der Digitalisierung, es überwiegen aber Berührungsängste.

Das Handwerk schwört noch auf klassische Kommunikation: Festnetztelefon nutzen alle der Befragten, drei Viertel setzt auf Briefpost und jeder Vierte hat auch ein Faxgerät regelmäßig im Einsatz. - © fotofabrika - stock.adobe.com

Die Digitalisierung kommt im Handwerk schleppend voran. Das zeigt eine aktuelle Studie des Digitalverbands Bitkom, für die über 500 Handwerksbetriebe befragt wurden. Besonders auffällig: Zwischen erkanntem Nutzen und tatsächlicher Umsetzung klafft eine große Lücke.

"89 Prozent der Handwerksbetriebe sehen in der Digitalisierung eine Chance für ihr Unternehmen", betont Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. "Aber obwohl die Hoffnung groß ist, wird in der Praxis viel zu wenig getan." Dieses sogenannte Value-Action-Gap zieht sich wie ein roter Faden durch die Untersuchung: Potenziale werden erkannt, doch Investitionen und Weiterbildungen bleiben weitgehend aus.

Die Mehrheit der Betriebe bewertet ihre eigene digitale Kompetenz nur als durchschnittlich. Auf einer Skala von eins bis sechs geben sich Handwerksunternehmen im Schnitt lediglich eine 3,0. Knapp jeder Zehnte stuft den eigenen Stand der Digitalisierung sogar als ungenügend ein. Gründe für den Stillstand gibt es viele: Datenschutz- und Sicherheitsbedenken stehen ganz oben auf der Liste. Nahezu alle befragten Betriebe (96 Prozent) sehen hier eine der größten Hürden. Hinzu kommen hohe Investitionskosten und mangelnde Digitalkompetenz bei Mitarbeitern sowie Inhabern und Geschäftsführern. Für Rohleder erstaunlich, wird auch eine mangelnde Internetversorgung als wichtiger Grund angeführt.

Sicherheitsbedenken und hohe Kosten als größte Bremsen

Besonders augenfällig sind die Defizite beim Einsatz von KI-Technologien. Während in anderen Branchen maschinelles Lernen, Chatbots oder Bilderkennung zunehmend fester Bestandteil der Arbeitswelt werden, beschäftigt sich ein großer Teil des Handwerks bislang nicht damit. Während in der Industrie bereits 67 Prozent der Unternehmen KI-Technologien testen oder einsetzen, sind es im Handwerk nur 13 Prozent.

Und auch innerhalb des Handwerks gibt es Unterschiede: 84 Prozent geben an, dass das Thema Künstliche Intelligenz für sie derzeit keinerlei Rolle spielt. Jeder 25. Betrieb hat KI überhaupt im Einsatz, jeder zehnte plant sie einzuführen. Laut Bitkom könnten Handwerksbetriebe KI beispielsweise für die automatische Terminplanung, Kostenkalkulationen oder die Qualitätskontrolle nutzen. Auch bei der Materialbestellung oder der Wartungsplanung biete die Technologie konkrete Einsatzmöglichkeiten. Handwerksbetriebe, die digitale Lösungen konsequent umsetzen, berichten von Zeitersparnissen von bis zu 30 Prozent bei administrativen Tätigkeiten und einer verbesserten Kundenzufriedenheit.

KI: viel Skepsis, wenig Praxis

Ob KI bereits im Einsatz oder nicht – viele Unternehmer durchaus ihren disruptiven Charakter: Ein Drittel glaubt, dass künstliche Intelligenz Geschäftsmodelle im Handwerk grundlegend verändern wird. 35 Prozent sind überzeugt, dass frühe Anwender von KI einen Wettbewerbsvorteil erlangen können. Doch die Kenntnisse, um dies zu nutzen, fehlen oftmals. "Es gibt eine regelrechte Berührungsangst", so Rohleder. "Dabei sind viele KI-Anwendungen niedrigschwellig verfügbar, sie lassen sich schnell ausprobieren und bergen kaum Risiken. Unser Appell lautet: Einfach mal machen."

Bemerkenswert: Eine Mehrheit der Betriebe erwartet, dass das Handwerk in seiner bisherigen Form künftig nicht mehr existieren wird. Für 56 Prozent ist die Digitalisierung gleichbedeutend mit dem Ende traditioneller Handwerkskunst. Weitere negative Folgen: 52 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass KI und Software künftig bestimmen werden, wie Handwerker arbeiten. Auch eine ständige digitale Überwachung und eine abnehmende Wirtschaftlichkeit des eigenen Geschäfts durch Digitalisierung prognostiziert die Mehrheit.

Trotz dieser sehr kritischen Haltung versuchen die Betriebe sich digitaler aufzustellen. Zwei Drittel der Betriebe verschicken Rechnungen und Angebote per E-Mail, und rund jeder Zweite ermöglicht seinen Kunden Online-Terminbuchungen. Rund 80 Prozent sprechen potenzielle Auszubildende über soziale Medien oder Online-Plattformen an.

Zwischen Drohne und Faxgerät

Digitale Vorreiter, wie etwa einige Dachdecker, verwenden Drohnen, um Dächer ohne Gerüst und Leiter zu inspizieren, oft in direkter Abstimmung mit ihren Kunden per Live-Übertragung. Auf der anderen Seite zeigt sich, wie langsam Traditionen aufgebrochen werden: Immerhin 26 Prozent der befragten Unternehmen nutzen weiterhin ein Faxgerät. Und während 76 Prozent der Betriebe einen wachsenden Bedarf an Digitalkompetenz sehen, investieren nur 43 Prozent gezielt in Schulungen oder Trainings.

Mit Blick auf die Zukunft mahnt Rohleder: "Das Handwerk muss jetzt aktiv werden. Wer weiter abwartet, läuft Gefahr, im Wettbewerb, um Kunden und Fachkräfte dauerhaft an Boden zu verlieren." Gerade bei zu wenig Personal könne KI den Mangel an Fachkräften abfedern.

10 Erkenntnisse der Studie für das Handwerk:

  1. Azubis als Digital-Treiber: Mehr als die Hälfte der Ausbildungsbetriebe im Handwerk (54 Prozent) profitiert bei der Digitalisierung von den Kompetenzen ihrer Auszubildenden.
  2. Größte Herausforderung ist Personalmangel: Für die Betriebe ist der Mangel an Auszubildenden (83 Prozent) und Fachkräften (75 Prozent) die größte Herausforderung, noch vor den Energiekosten.
  3. Mittelmäßige Selbsteinschätzung: Handwerksunternehmen geben sich für den eigenen Digitalisierungsgrad im Durchschnitt nur die Schulnote 3.
  4. Hohe Akzeptanz bei Basis-Diensten: Eine große Mehrheit (85 Prozent) der Betriebe bietet bereits mindestens einen digitalen Service an, wie zum Beispiel der digitale Versand von Angebot (68 Prozent) oder Rechnungen (62 Prozent).
  5. Künstliche Intelligenz kaum im Einsatz: KI wird erst von vier Prozent der Handwerksbetriebe genutzt. Nur 29 Prozent der Unternehmen geben an, überhaupt über Mitarbeiter mit KI-Kompetenzen zu verfügen.
  6. Sicherheitsbedenken als Top-Hemmnis: Fast alle Betriebe (96 Prozent) sehen Bedenken hinsichtlich IT-Sicherheit und Datenschutz als Hürde für die Digitalisierung.
  7. Positive Grundeinstellung zur Digitalisierung: Trotz der Bedenken sehen 9 von 10 Handwerksbetriebe (89 Prozent) die Digitalisierung als eine Chance für ihr Unternehmen.
  8. Wachsendes Bewusstsein für Digitalkompetenz: Drei Viertel der Betriebe (76 Prozent) sind der Meinung, dass ihre Mitarbeitenden mehr Digitalkompetenz benötigen – ein starker Anstieg im Vergleich zu 2022 (56 Prozent).
  9. Cloud-Nutzung ist etabliert: Über die Hälfte der Betriebe (56 Prozent) nutzt bereits Cloud-Anwendungen, das ist somit die Technologie, die am häufigsten genutzt wird.
  10. Keine Zeit für die Digitalisierung: Knapp drei Viertel der Handwerksbetriebe (72 Prozent) geben an, zu viel zu tun zu haben, um sich intensiv mit der Digitalisierung zu beschäftigen.