Und wieder startet ein neuer VfB-Trainer so richtig durch. Hatte schon Markus Babbel als Nachfolger von Meistertrainer Armin Veh nach dessen Entlassung vergangene Saison eine erstaunliche Siegesserie hingelegt, so scheint es ihm nun sein Nachfolger Christian Gross gleichzutun. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler
Gross-artiger VfB
Meisterbetrieb: Treffsichere Greise
Auch wenn es mit der Tabellenführung wieder nichts wurde: Die Bayern sind kaum zu bremsen, weder von der Bundesliga-Konkurrenz, noch von einem verschossenen Elfmeter ihres Torwarts oder gar von jenen heftigen Schneefällen, die am Samstag im Heimspiel gegen Mainz junge Männer in wenigen Minuten ergrauen ließen: Lahm, van Bommel und Co. sahen aus wie Greise mit der weißen Pracht auf dem Kopf.
Als Mitte der zweiten Halbzeit dann plötzlich ein Räumkommando den Platz stürmte, um wenigstens die Strafraumlinien wieder frei zu schaufeln, dachte man schon, die wackeren Schipper würden sich mit ihrer Arbeit nur auf die Mainzer Hälfte beschränken. Hätte eigentlich auch genügt, schließlich wagten sich die Männer aus der Karnevalshochburg nur vereinzelt und ganz selten vors Münchner Tor.
Der 3:0-Erfolg war eine weitere Demonstration der Stärke, die Gäste verhinderten nur mit größter Anstrengung und einer Portion Glück ein Debakel. Dabei hatte Trainer Tuchel ja angeregt, einfach den Mannschaftsbus vorm eigenen Tor zu parken, um die Abwehr zu unterstützen. Letztlich ließ sich der Plan aber wohl wegen der niedrigen Einfahrt in der Münchner Arena nicht realisieren.
Die Bayern sind jedenfalls auf einem guten Weg, wenn nun nach Robben auch noch der zweite Lang-Unterhosenträger, Franck Ribéry, endlich zu Höchstform aufläuft, werden ihre Galas wohl noch eindrucksvoller. Der Münchner Physiotherapeut Fredi Binder hat zuletzt den Grund für die dauernden Verletzungen des Franzosen gefunden: In Ribérys Gebiss, wo man ja manches vermuten möchte, was da nicht hingehört, steckten tatsächlich noch alte Tamponaden von einem früheren Zahnarztbesuch, die dort munter vor sich hin gammelten. Der Entzündungsherd ist aufgespürt, dann kann er ja endlich loslegen.
Gesellenstück: Gross-artiger VfB
Und wieder startet ein neuer VfB-Trainer so richtig durch. Hatte schon Markus Babbel als Nachfolger von Meistertrainer Armin Veh nach dessen Entlassung vergangene Saison eine erstaunliche Siegesserie hingelegt, so scheint es ihm nun sein Nachfolger Christian Gross gleichzutun. Der Schweizer fuhr in seinen ersten fünf Spielen auf der Stuttgarter Kommandobrücke vier Siege und ein Remis ein und führte den Champions-League-Achtelfinalisten ganz entspannt aus dem Tabellenkeller. Aus der Lachnummer der Vorrunde ist wieder ein ernstzunehmender Gegner geworden, mit dem 4:1 gegen Dortmund am Sonntag haben die Schwaben die jüngste Erfolgsserie des BVB förmlich zertrümmert. Sogar ein verdaddelter Elfmeter von Marica und der zwischenzeitliche Ausgleich der Klopp-Elf brachten den VfB nicht aus dem Tritt.
Aber Probleme werden neuerdings im Ländle sowieso schnell und unbürokratisch gelöst: Ex-Kapitän Thomas Hitzlsperger, unter Gross nicht mal mehr zweite Wahl und drauf und dran, seinen Platz im WM-Kader zu verspielen, wurde kurz vor Transferschluss an Lazio Rom verscherbelt. Der Coach formte in wenigen Wochen ein Team, strich Torwart-Diva Jens Lehmann seine Sonderrechte und schaffte es, dass alle wieder an einem Strang ziehen. Seine unkonventionellen Methoden sorgten schon bei seinem Ex-Klub FC Basel für Erstaunen. Einst ließ er dort seine Spieler Pokale aus Schokolade verspeisen. Sie sollten den Erfolg verinnerlichen. Dass Hitzlsperger das Stuttgarter Vereinsgelände gestern mit einem alten Bettlaken über dem Kopf und von seinen früheren Teamkameraden verfolgt Hals über Kopf verlassen hat, ist übrigens nur ein Gerücht. Das Abstiegsgespenst zu vertreiben, diese Aufgabe ist für Kahlkopf Gross nämlich Chefsache.
Erstes Lehrjahr: Die Furcht des Peruaners
Zunächst mal wollen wir klarstellen, dass wir niemandem, der ein größeres oder kleineres psychisches Problem hat, zu nahe treten wollen. Dennoch hat die mysteriöse Flugangst von Paolo Guerrero schon fast komödienhafte Züge. Man stelle sich vor, wie der lebhafte HSV-Stürmer auf einem Flug zwischen Lima und Mexico City Anfang Januar dermaßen tobte, dass dem Piloten nichts anderes übrig blieb als umzudrehen. Das kennt man normalerweise nur von volltrunkenen Skandinaviern, die die steuer- und zollfreien Drinks hoch über den Wolken in vollen Zügen genießen. Guerrero ist zwar ein Partygänger, sinnloses Besaufen im Flieger hat er aber wohl kaum im Repertoire – obwohl das in seinem Fall vielleicht sogar eine ganz gute Lösung wäre.
So aber muss man sich eben etwas anderes einfallen lassen, um den stolzen Peruaner, der sich wegen seines Kreuzbandrisses in der Heimat behandeln ließ, wieder in den hohen Norden zurück zu schaffen. Insgesamt vier Flugversuche hat er bereits abgebrochen, einmal war die Mutter mit an Bord, einmal seine Freundin. Der HSV schickte sogar Teambetreuer Marinus Bester nach Südamerika. Der hatte es sich in der Boeing bereits neben Guerrero bequem gemacht, als jener plötzlich fluchtartig das Flugzeug verließ – Bester kam alleine in Hamburg an. Und einmal war sein Cousin mit am Flughafen, Guerrero fest entschlossen, es diesmal durchzuziehen – das stellten die Beamten in Lima fest, dass der Vetter kein gültiges Visum hatte und alleine wollte Guerrero keinesfalls fliegen.
Nun gibt es eine Vielzahl von Optionen: Die erste wäre, Paolo auf ein Schiff zu setzen und über den Seeweg in die Hansestadt zurück zu bringen. Dauert halt ein paar Wochen, aber mit einem Reha-Trainer könnte er sich in der Zeit ja richtig fit machen. Oder aber, die Hamburger erteilen dem Angreifer einfach die Freigabe. Der Vertrag läuft im Sommer ohnehin aus, mit van Nistelrooy holte man zuletzt einen weiteren Angreifer und irgendwie fragt man sich ja auch, wie Guerrero überhaupt nach Peru gekommen ist, wenn er sich doch so fürchtet vor den großen Vögeln. Vielleicht plagt ihn ja in Wahrheit eher so etwas wie „Bankangst“ – als Stürmer Nummer drei oder vier bei Bruno Labbadia.
Zwei linke Hände: Gut gelaunt auf Talfahrt
Was haben sie sich in Bremen stets ins Fäustchen gelacht, wenn der alte Rivale von der Isar mal wieder zum FC Hollywood mutierte. Medienwirksame Skandale, nach außen getragene Meinungsverschiedenheiten oder auch nur mysteriöse Formkrisen – all das findet beim SV Werder normalerweise nicht statt. In diesem noch so jungen Jahr allerdings ist nichts so, wie man es beim Pokalsieger gewohnt war: Plötzlich setzt es eine Niederlage nach der anderen, der ausgemusterte Kroate Jurica Vranjes ledert öffentlich gegen den Trainer und der Boulevard titelt ob der peinlichen Vorstellung beim 3:4 in Gladbach über die Bremer: "Ein Schaaf und elf Belämmerte." Selbst die personifizierte Beruhigungspille Klaus Allofs wird immer nervöser, schließlich hat sein Team seit sieben Spielen nicht mehr gewonnen, davon die letzten fünf allesamt verloren: "Wir machen nicht die Dinge, die wir die Woche über trainieren. Da sind handwerkliche Fehler", sagte der Manager nach der Pleite im Borussia-Park.
So mancher Leser dieser Zeilen wird ganz genau wissen, was damit gemeint ist. Kaum zu deuten dagegen das geradezu groteske Defensivverhalten der Grün-Weißen in Durchgang eins gegen die Gladbacher: Jene hatten vier Torchancen – und trafen viermal. Schön ist die Werder-Krise vor allem für die Reporter. Kurioserweise ist Trainer Schaaf nämlich nach Misserfolgen immer viel freundlicher als in richtig guten Phasen.