Frankfurt und Slubice arbeiten eng zusammen Grenze an der Oder ist immer weniger spürbar

Auf der Frankfurter Stadtbrücke herrscht reger Betrieb. Unzählige Deutsche überqueren täglich mit Einkaufstaschen oder Collegemappen in der Hand die Oder auf dem Weg in die polnische Nachbarstadt Slubice, zahlreiche Polen kommen nach Frankfurt herüber. 20 Jahre nach Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags wird die Grenze hier immer weniger spürbar.

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Grenze an der Oder ist immer weniger spürbar

Frankfurt (Oder) (dapd-lbg). Auf der Frankfurter Stadtbrücke herrscht reger Betrieb. Unzählige Deutsche überqueren täglich mit Einkaufstaschen oder Collegemappen in der Hand die Oder auf dem Weg in die polnische Nachbarstadt Slubice, zahlreiche Polen kommen nach Frankfurt herüber. 20 Jahre nach Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags wird die Grenze hier immer weniger spürbar. Nur die Reste der alten Zollanlage auf deutscher Seite und polnische Schilder jenseits der Oder erinnern daran, dass man in ein anderes Land wechselt.

Vergessen sind die langen Pkw-Staus, seit vor dreieinhalb Jahren die Passkontrollen wegfielen. Deutsche fahren schnell zum Tanken, Zigaretten holen oder Spargelkauf in das 18.000 Einwohner zählende Slubice, das bis 1945 als Dammvorstadt zu Frankfurt gehörte. Polen kaufen in Frankfurt Elektronik und Bekleidung. Beide Stadtzentren sind zu Fuß nur fünf Minuten entfernt. Auch die Studenten der Europa-Universität queren die Brücke zu den Slubicer Wohnheimen oder zum modernen Komplex des Collegium Polonicum am östlichen Oder-Ufer.

Die Stadtparlamente haben gemeinsame Ausschüsse, Ende Juni eröffnen beide Städte ein Kooperationszentrum, die Bürgermeister treffen fast jede Woche zusammen. "Das läuft unkompliziert. Wenn es Probleme gibt, fahr' ich schnell rüber", sagt Frankfurts Oberbürgermeister Martin Wilke (parteilos). "Wir sind beide Ingenieure, analysieren die Problemlage und suchen Lösungen." So werde über gemeinsame Projekte zur Ansiedlung von Unternehmen oder zum Ausbau des Tourismus gesprochen. Auch die Wohnraumsituation soll ein Thema werden. Wohnungen sind in Slubice knapp, stehen in Frankfurt aber leer.

Die Menschen sollten merken, dass die Zusammenarbeit für sie Vorteile bringe, sagt Wilke. So wie kürzlich beim Europäischen Feuerwehrtreffen, dass beide Städte - wie seit Jahren viele andere Feste - gemeinsam ausrichteten und feierten. Der Leiter des Collegium Polonicum, Krzysztof Wojciechowski, verweist darauf, dass schon 1.800 Polen in Frankfurt und eine zunehmende Zahl von Deutschen in Slubice wohnen. Polnische Schüler machen in Frankfurt Abitur, in Slubice ist eine deutsch-polnische Kita geplant.

Freilich empfindet mancher Frankfurter die offene Grenze nicht nur als Vorteil, insbesondere angesichts der gestiegenen Zahl der Autodiebstähle. "Es braucht Zeit, bis die Menschen sich wirklich als Einwohner einer Doppelstadt fühlen", sagt der Künstler Michael Kurzwelly, der vor Jahren den Verein "Slubfurt" - ein Kunstwort aus beiden Städtenamen - initiiert hatte. Für manchen sei es nach seinen Erfahrungen auch noch nicht spannend genug, die andere Seite zu erkunden. "Wir brauchen einen langen Atem."

Hinzu kommt die Sprachbarriere. Die meisten Frankfurter sprechen bis heute kein Polnisch. Immerhin gibt es Lösungsansätze für dieses Problem: Viele Hinweisschilder in beiden Städten sind mehrsprachig, einige Frankfurter Geschäfte stellten polnischsprachige Verkäufer ein, auf dem Grenzbasar in Slubice spricht ohnehin jeder Händler die notwendigen Brocken Deutsch. Selbst Polizisten lernen Polnisch und gehen mit Kollegen aus dem Nachbarland auf Streife.

Ein großes Manko ist die fehlende Nahverkehrsverbindung nach Slubice. Vor fünf Jahren war der Versuch, eine Straßenbahnlinie einzurichten, am Nein der Frankfurter bei einer Bürgerbefragung gescheitert. Seither tut sich die Politik schwer. "Wir brauchen eine grenzüberschreitende Verbindung, das sieht man an den Pendlerströmen auf der Brücke", sagt Wilke. Der Frankfurter Bahnhof etwa sei auch der Bahnhof der Slubicer. Aber die Menschen müssten in ein solches Projekt einbezogen werden. Auch Kurzwelly sagt: "Wir brauchen so schnell wie möglich eine Nahverkehrslinie. Es gibt schließlich einen gemeinsamen Stadtraum."

dapd