Viele Handwerker engagieren sich ehrenamtlich für einen guten Zweck. Die Schornsteinfeger gelten als Paradebeispiel dafür. Ihre Glückstour für krebs- und schwerstkranke Kinder gilt als größte private Hilfsaktion in Deutschland.

Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt. Was Albert Schweitzer einst so trefflich formulierte, nehmen Schornsteinfeger und Kaminkehrer wörtlich. Die Handwerker der schwarzen Zunft machen ihrem Ruf als Glücksbringer alle Ehre. Jahr für Jahr sammeln sie auf ihrer Glückstour Spenden für krebs- und schwerstkranke Kinder. In diesem Jahr haben die Schornsteinfeger auf ihrer mittlerweile 18. Fahrradtour über rund 1.000 Kilometer die Rekordsumme von 289.744 Euro eingesammelt.
Soziales Engagement gehört im Handwerk zum guten Ton. Egal ob als gesamte Branche, als Betrieb oder als Einzelperson – viele Handwerker opfern ihre knapp bemessene Freizeit für wohltätige Zwecke. Sie sammeln Geld für Hilfsbedürftige, unterstützen mit ihrem Know-How gemeinnützige Initiativen oder Vereine in ihrer Region.
Die Schornsteinfeger stehen als Paradebeispiel für die enorme Kraft, die sich aus uneigennützigem Handeln entfalten kann. Ihre Glückstour gilt als größte privat organisierte Hilfsaktion in Deutschland. Seit 2005 haben die radelnden Schornsteinfeger mehr als vier Millionen Euro Spendengelder generiert. Jeder Cent geht direkt an betroffene Familien, Initiativen, die sich um schwerstkranke Kinder kümmern oder an Kliniken und Forschungsstätten.
Der Ruaß von Freilassing
Einer der eifrigsten Spender und Spendensammler steigt selbst gar nicht aufs Fahrrad. Aber Thaddäus Mußner, in der Branche besser bekannt als der Ruaß von Freilassing, schafft es wie kein Zweiter, mit seiner Hilfsbereitschaft Menschen mitzureißen und für eine gute Sache zu begeistern. Zum Start der diesjährigen Glückstour hat der Kaminkehrermeister in seiner oberbayerischen Heimatstadt ein Fest organisiert, bei dem allein schon 90.000 Euro für krebs- und schwerstkranke Kinder gespendet wurden. "Freilassing war schon zum dritten Mal Startpunkt der Glückstour. Und es war wieder der Wahnsinn, mit wieviel Herzlichkeit unser Anliegen hier unterstützt wird", zeigt sich Mußner dankbar.
Die Rolle des Glücksbringers übernimmt der Ruaß von Freilassing schon seit vielen Jahren. Kurz vor Silvester 2000 organisierte er ein kleines Schornsteinfegertreffen, bei dem 20.000 Mark für behinderte Kinder gespendet wurden. Vier Jahre später pilgerten im Sommer schon rund 400 Berufskollegen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nach Freilassing und sammelten 145.000 Euro.

Mit einem Teil des Geldes unterstützte Mußner seinen Kollegen Jürgen Stricker in Coburg, dessen Tochter an Krebs erkrankt war. "Unglaublich, was ein Kaminkehrer auf die Beine stellen kann", soll Jürgen Stricker damals gesagt haben. Dankbar gründete er den Verein "Kaminkehrer helfen krebskranken Kindern", einen Vorläufer der späteren Glückstour. Jürgen Stricker war selbst nicht vom Glück verfolgt. Wie seine Tochter ist auch er später selbst an Krebs gestorben.
Spendenfahrt kommt mit Glückstour richtig in Schwung
Aber seine Idee, krebskranken Kindern zu helfen, lebt weiter. Initiiert von Ralf Heibrok, Klaus Bewer und Werner Klein hatten Schornsteinfeger aus Bielefeld, die schon seit 2006 für einen guten Zweck in die Pedale traten, auch Jürgen Stricker unterstützt. Sie sorgten dafür, dass die Spendentour richtig Fahrt aufnahm und 2017 schließlich der Verein Glückstour gegründet wurde, geführt von Ralf Heibrok.
Mit einer Reihe von Helfern ist er fast täglich ehrenamtlich im Einsatz. "Ich habe noch nie etwas Sinnvolleres gemacht", betont der Schornsteinfegermeister aus Schloß Holte-Stukenbrock. Von anfangs 20 Mitgliedern ist der Verein auf 800 Mitglieder gewachsen. Für die 30 Startplätze bei der Glückstour gibt es eine Warteliste.
Schornsteinfeger übernehmen Patenschaften
Dabei müssen die Radfahrer nicht nur eine Woche lang kräftig in die Pedale treten. Jeder Teilnehmer zahlt 200 Euro Startgeld und muss mindestens 500 Euro Spendengelder einwerben. Kosten für Übernachtung und Verpflegung tragen die Radler selbst. Außerdem können Schornsteinfeger Patenschaften für Familien mit schwerst- oder krebskranken Kindern übernehmen. Jede Patenfamilie wird mit 3.000 Euro im Jahr unterstützt. Damit können zum Beispiel der behindertengerechte Umbau von Fahrzeugen oder teure Medikamente bezuschusst werden.
"Wenn eine Familie ein schwerstkrankes Kind betreuen muss, geht es schnell ans Eingemachte. Da ist jede Hilfe wichtig", weiß Heibrok um die Not der Betroffenen. Die Schornsteinfeger werden bei ihren karitativen Aktionen mit viel Leid konfrontiert. Thaddäus Mußner verarbeitet das mit Joggen oder Schwimmen. Die Kraft für sein Engagement schöpft er aus der Anerkennung, die ihm immer wieder entgegengebracht wird. "Wenn dich die Mutter eines kranken Kindes bei der Spendenübergabe voller Dankbarkeit umarmt oder fremde Menschen einfach danke sagen, ist das alle Mühe wert", sagt der Ruaß von Freilassing.
>>> Lesen Sie hier Teil 2 der Serie "Sozial engagiertes Handwerk"