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Handwerker und Uni forschen Gitarren aus heimischen Hölzern

Armin Hanika ist Gitarrenbauer. Genauer gesagt seit 32 Jahren Zupfinstrumentenmachermeister. Doch wenn man ihm zuhört, vermutet man tief im leidenschaftlichen Handwerker auch einen kleinen Physiker. Gemeinsam mit der TU Dresden hat er ein Verfahren entwickelt, das es ihm ermöglicht, auf Tropenhölzer beim Gitarrenbau zu verzichten.

Vor drei Jahren meldete sich das Netzwerk “Musicon Valley“ bei ihm. Der Baiersdorfer sah sich den Zusammenschluss verschiedener Instrumentenbauer und Forschungseinrichtungen an und stellte fest, dass man gut zusammenpassen würde. Tatsächlich hatte er schon eine Vision, die nur auf ihre Umsetzung wartete: Gitarren aus heimischen statt Tropenhölzern wollte er produzieren. Eigentlich schon seit 1990. Da hatte er sein erstes entsprechendes Modell auf den Markt gebracht: die Öko-KF. “Das war auch die Zeit, als die Grünen groß wurden“, blickt er lachend zurück. Doch das Ergebnis seines Experiments befriedigte ihn nicht: Das Kirschholz war zu weich für den Steg, die Mooreiche war zwar angemessen schwarz, aber besaß nicht die notwendige Oberflächenhärte für den Griff. “Warum sollten die Künstler mehr Geld bezahlen für ein Instrument, das weniger gut ist?“, fragte er sich damals selbst­kritisch.

Handwerk forscht?

Eine Lösung aber fand er nicht, denn die Parameter, die bestimmte Holzarten für den Gitarrenbau brauchen, haben Ahorn oder Pflaume eben nicht. Subjektive und objektive Kriterien spielen bei der Qualitätsbeurteilung eine Rolle. Jeder Künstler hat eigene Vorstellungen zu Klangfarbe, Ausgewogenheit und Tonschönheit. Objektiv sollte eine gute Gitarre nach dem Anklingen laut und schnell sein. Um diese Kriterien zu erfüllen, brauchen unterschiedliche Gitarrenteile wie Griffbrett, Steg, Boden oder Deckel verschiedene Eigenschaften bzw. Parameter.

Das Griffbrett muss oberflächenhart sein, der Hals braucht an seiner dicksten Stelle Biegefestigkeit. Sorption ist generell wichtig, denn eine gute Gitarre darf bei Feuchtigkeit nicht zu viel arbeiten. Vor allem aufgrund ihrer geringen Sorption und ihre hohen Härte werden daher immer noch Tropenhölzer verwendet. Doch der Gedanke, warum für gute Gitarren der Regenwald in Dritte-Welt-Ländern abgeholzt und endlose Transportwege in Kauf genommen werden müssen, wenn Holz doch vor der Haustür wächst, ließ Hanika nicht los.

Die notwendige Forschungsarbeit konnte er als Gitarrenbauer aber nicht leisten. Doch wie stellt man den Kontakt zu einer Uni her? “Ich habe vor einigen Jahren schon einmal einen Versuch gestartet, aber das ist teuer und der bürokratische Aufwand ist nicht zu leisten“, berichtet er. Also verschwand die Idee wieder in der Versenkung. Bis er über sein neues Netzwerk mit der Professur für Holztechnik und Faserwerkstofftechnik der Technischen Universität Dresden zusammenkam.

Er fuhr nach Dresden, die Wissenschaftler kamen nach Baiersdorf. Bald war klar, dass man versuchen wollte, durch thermische Modifikation, bei der unter bestimmtem Druck und unter Ausschluss von Sauerstoff das heimische Holz erhitzt wird, den Umbau und Alterungsprozess anzustoßen und zu beschleunigen, so dass die gewünschten Parameter von Palisander oder Ebenholz eben doch auch bei Ahorn oder Pflaume zu Tage treten. Mit Unterstützung des Netzwerkpartners “Musicon Valley“ stellte er die Förderanträge beim Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM). “Stunden gegen Forschung“ lautete der Deal. Der Zupfinstrumentenmachermeister schnitt also das bisher verwendete Tropenholz zu und schickte es nach Dresden. Dort wurden die entsprechenden Parameter für die einzelnen Bauteile je nach Holzart analysiert. Dann wurde geforscht. Viele Male gingen Hölzer – und zuletzt auch Gitarren – zwischen Bayern und Sachsen hin und her, bis man die richtigen “Rezepte“ gefunden hatte.

Basisgitarre beliebt

Hanika brachte seine Stunden und Werkstoffe ein, die TU übernahm die Forschung, gefördert wurde alles übers ZIM. Zwei Jahre dauerte der Prozess. Heute kann man in Baiersdorf von der Standard- über die Options- bis zur Custom-Shop-Gitarre je ein Modell “native“ bestellen. “Die Basisgitarre aus thermomodifiziertem Holz wird sehr gut nachgefragt“, freut sich Hanika. Sie liegt bei ca. 1.200 Euro gegenüber ihrem Gegenstück aus Tropenholz für 800 Euro.

Doch “im Meistergitarrenbereich sind die Kunden noch vorsichtig“, seufzt er. Dabei ist der Klang teilweise sogar besser. “Der Musiker aber ist ein konservatives Wesen“, weiß Hanika. “Er setzt auf Altbewährtes.“ Nachhaltiger ist heimisches Holz auf jeden Fall. Das beliebte Ebenholz aus Sri Lanka, das schon Stradivari für seine Geigen verwendete, ist mittlerweile übrigens fast ausgestorben, der Handel mit dem qualitativ gleichwertigen Ersatz aus Madagaskar streng reglementiert. Das kann er von seinen nicht behaupten. Ein weiterer Vorteil: “Ich kann sie selbst zuschneiden und so die optimale Schnittrichtung festlegen.“ Und das entstandene Restholz wird dann auch noch zum Heizen genutzt.

Preisgekrönt

Die erfolgreiche Kooperation mit der TU Dresden, in der dieses einzigartige Torrefizierungsverfahren (thermische Behandlung) entwickelt und zur Serienreife gebracht wurde, war dem Wirtschaftsministerium dann auch den ZIM-Preis als Handwerksprojekt des Jahres 2019 wert.

Also? Alles gut? Mitnichten. Der umtriebige Meister plant bereits sein nächstes Projekt: “Zum einen möchte ich über unser Ulmen-Quartett den Gitarrenbau mit heimischen Hölzern bekannter machen. Zum anderen experimentieren wir gerade am Griffbrett. Da haben wir noch keinen heimischen Ersatz gefunden.“ So viel sei aber aus der Zukunftswerkstatt verraten: “Thermoelsbeere könnte bald den indischen Palisander vertreiben.“

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