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Orgelbauer Hey aus Urspringen Ging unsere Orgel an, ging woanders das Licht aus

Herbert Hey und seine Kollegen bauen Instrumente, die bis zu sechs Kilometer hörbar sind. Nicht nur der Klang der Instrumente, auch ein Auftrag in Korea und ein Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde lässt die Menschen aufhorchen. Als Orgel- und Harmonieumbaumeister sowie als Restaurator gibt Hey vielen Gemeinden einen individuellen Klang.

Herbert Hey, mit Jeans und grüner Jacke bekleidet, ein Lächeln in seinem freundlichen Gesicht, überquert den großen Hof und geht auf die weiße Tür zu, die den Eingang seiner Werkstatt markiert. Unter dem Dachstuhl steht in großen orangenen Buchstaben "Hey Orgelbau", darunter befindet sich eine Abbildung von Orgelpfeifen. Es ist bitterkalt, als Herbert Hey an dem vereisten Morgen im Januar die Tür zu seiner Werkstatt aufschließt. Die Tür führt in einen kleinen Flur. Hey biegt nach rechts ab und bleibt in einem großen, offenen, hellen Raum mit dunkel gefliestem Boden stehen. Links von ihm – mitten im Raum – steht eine Orgel, die ungefähr zwei Meter Breite und eine Höhe von circa 1,80 Metern misst. 25 Orgelpfeifen in verschiedenen Längen und Dicken, von klein bis groß sind eingefasst in hellem Holz. Der obere Teil der Orgelpfeifen wird von schnörkeligen Schnitzereien verziert. Rechts von der Tür, direkt an der Wand, steht eine weitere Orgel. Ohne ihre Pfeifen, die im Moment ausgebaut sind und den zwei Holztüren erinnert sie eher an einen Schrank als an ein Musikinstrument.

"Bei dieser Orgel müssen die Pfeifen noch restauriert werden", sagt Herbert Hey, macht einen Schritt in die Mitte des Raumes und deutet auf die Orgel. Für den Laien sieht sie im ersten Moment perfekt und wunderschön aus. Bei näherer Betrachtung allerdings wirken die Pfeifen mitgenommen. An einigen sind Dellen zu sehen, an anderen sind Fingerabdrücke zu erkennen.

Heys Werkstatt hat schon Orgeln aus aller Welt beherbergt. Im Moment lagert in einem kleineren Raum nebenan eine Orgel aus England, aus den 1970er Jahren. "Wir deutschen Orgelbauer sind stolz, auch mal eine Orgel nach England zu liefern", meint Hey mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme und einem Lächeln auf den Lippen. Das Instrument müsse technisch auf den neuesten Stand gebracht und klanglich umorientiert werden. Das gehört zum Alltag. Deshalb steht die Orgel nicht im Ganzen da. Im Werkraum sind überall das helle Holz und die Orgelpfeifen verteilt, auseinandergebaut liegt das Instrument sauber aufgereiht dort. Am Ende werden die Teile wieder zu einer prachtvollen Orgel zusammengesetzt.

Betrieb in der sechsten Generation

Die Geschichte der Firma Hey aus Urspringen geht zurück bis in die 1870er Jahre. Inzwischen ist das Unternehmen mit Herbert Hey an der Spitze in der sechsten Generation. Für Herbert Hey war eines schon in jungen Jahren klar: Er wird genau wie sein Vater und sein Großvater eine Ausbildung zum Orgelbauer absolvieren. "Ich habe es jeden Tag gesehen, vom Frühstückstisch bis zum Abendbrot, in der Familie Hey ging es immer um das Orgelbauen", und nie habe er es bereut.
Der Beruf ist "enorm vielschichtig und weitgreifend, er umfasst sieben Berufe in einem Handwerk", so Hey. Unter anderem wird mit Holz, Metall, Kunststoff und Leder gearbeitet. Als Orgelbauer müsse man alles können. Er hält eine ‚Nachtigall‘ in den Händen, ein aus Holz geschnitztes, handgroßes Instrument mit einer einzelnen kleinen, zehn Zentimeter langen Orgelpfeife. Um den Klang der Pfeife zu testen, pustet er in diese hinein und ein klarer, heller Ton – eben wie eine Nachtigall – erfüllt den Raum. Eine kleine Spielerei, die zu einer tragbaren Orgel gehört, die ebenfalls zur Restauration in der Werkstatt steht.

Mit mehr als 400 Kirchengemeinden in ganz Deutschland arbeitet der Betrieb zusammen, bei jeder einzelnen Orgel muss ein- bis zweimal im Jahr Service geleistet werden. "Service ist ein sehr großer Bereich, die Orgeln müssen durchgesehen und nach dem Gehör gestimmt werden", erklärt der Restaurator. Alles wird hier in Handarbeit angefertigt, sowohl bei der Restauration, als auch bei den Orgelneubauten. Ein Neubau sei in der heutigen Zeit schon ein Glücksfall, in der Nachkriegszeit hätte man zwei bis drei Orgeln im Jahr gebaut, heute sei es eine.

Auftrag aus Südkorea

Ein solcher Glücksfall war im Jahr 2012 der Auftrag aus Südkorea für die Weltausstellung EXPO in Yeosu. ‚Vox Maris‘ ist der Name der Orgel, die laut Guinness-Buch der Rekorde das lauteste jemals gebaute Musikinstrument ist. "Die Orgel war im geschlossenen Raum nicht spielbar, sie war zu laut. Die ist fünf bis sechs Kilometer hörbar, hat ein unglaubliches Klangvolumen."

Sie ist ein Freiluftinstrument und windet sich in harfenähnlicher Form um den in Yeosu stehenden Sky Tower. Di e bis zu zehn Meter langen Pfeifen sind aus Kupfer und eine gänzliche Neuentwicklung der Firma Hey, orientiert an Schiffspfeifen.

Herbert Hey erinnert sich gerne an diese Zeit. Sein Blick liegt in der Ferne als er erzählt: "Es war hochspannend. Wir haben uns vor dem Besuch der Koreaner vorbereitet, was wir Besonderes machen können. So eine Chance bekommt man nicht jeden Tag."

Für die ‚Vox Maris‘ wurden die Heys als ‚Beste Austeller‘ von der koreanischen und deutschen Botschaft ausgezeichnet. ‚Made in Germany‘ habe einen hohen Stellenwert in Korea.
Schwierigkeiten gab es damals nur mit der Stromversorgung "die ist anfangs zusammengebrochen. Ging unsere Orgel an, ging woanders das Licht aus", erzählt Hey, und lässt ein leises Lachen folgen.

Der Orgelbaumeister und Restaurator geht auf eine Treppe zu und nimmt die Stufen nach oben. Am Treppenabsatz bleibt er stehen und sieht sich um. Rechts von ihm stehen zwei lange Regale, auf ihnen Kartons, in schwarzer Schrift sind darauf Zahlen zu sehen. In den Kartons liegen Pfeifen, der Größe nach sortiert. Hey erklärt kleine Orgeln hätten circa 30 Pfeifen, große besäßen mehr als 100 davon. Das Größenspektrum der Orgelpfeifen bewege sich zwischen sechs Metern bis wenige Millimeter. Die größte Kirchenorgel, die Hey gebaut hat, steht in Bad Windsheim. Sie hat 60 Register und 4 Pedale, ist 13 Meter hoch und mehrere Tonnen schwer.

Jede einzelne Pfeife muss individuell angepasst werden, denn jede Kirche hat eine andere Akustik. Fichtenholz, Eichenholz – alles klingt anders. Die Zinn-Blei-Legierung der Pfeifen muss exakt berechnet werden. " Pfeifen sind wie ein Chor, männliche und weibliche Stimmen, helle und dunkle Stimmen", so der Orgelbaumeister, "sie müssen schon harmonieren". Ein höherer Bleianteil lässt den Ton weicher und weiblicher wirken, ein höherer Zinnanteil männlicher. "Ein Orgelbauer muss wissen, was er baut und wie es am Ende klingen soll. Darin liegt die Kunst", erläutert Hey. Dafür gäbe es Mensuren, die die Grundsatzentscheidungen für eine bestimmte Klangcharakteristik ausdrücken. Man könne vieles berechnen, Erfahrung müsse aber gepflegt werden "wie ein Bäcker sein Rezept", vergleicht der Orgelbaumeister zwei unterschiedliche Handwerke.

Nachwuchsmangel

Der Orgelbau hat sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Im Bereich der Elektrotechnik entsteht eine neue Thematik: Instrumente werden elektrifiziert, durch eine unglaubliche technische Raffinesse können Klangstimmen kombiniert werden. "Junge Leute zu gewinnen ist trotz allem eine große Aufgabe", gibt Hey zu bedenken. In der heutigen Zeit ist es schwerer, Nachwuchs zu finden, der das vielfältige Handwerk erlernen möchte. Viele Betriebe haben Generationsprobleme. Er ist davon aber nicht betroffen. Er hat Glück mit seinen zwei Söhnen Thomas und Christian.

Hey erreicht ganz hinten im Raum eine Ecke, wo auf grauem Flies aufgereiht ein paar Dutzend Orgelpfeifen liegen. Matt und angelaufen, zerdrückt und verbogen liegen sie auf dem Tuch. Ein trauriger Anblick. "Jemand hat sie einfach zerdrückt und in einen Karton gepackt. 60 Jahre lagen sie so da", meint Herbert Hey und schüttelt den Kopf, "aber auch schwierige Situationen machen Spaß". Natürlich wird der Orgelbaumeister sich deren annehmen. Bald werden die alten Orgelpfeifen wieder strahlen und die schönsten Töne erklingen lassen.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Kooperationspartner waren die Handwerkskammer für Unterfranken und die Deutsche Handwerks Zeitung.

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