Konjunktur Geschäftslage im Handwerk: Es fehlt der Auftrieb

Das deutsche Handwerk muss seinen Aufstieg aus dem Konjunkturtal unterbrechen, zeigt eine Daten-Auswertung der Deutschen Handwerks Zeitung. Der Personalschwund belastet Betriebe. Wie die Geschäftslage in den einzelnen Branchen aussieht.

Statistik zum Geschäftsklima im Handwerk
© Deutsche Handwerks Zeitung

Die verfestigte Inflation und die von der Europäischen Zentralbank als Gegenmittel verfügten Zinserhöhungen lasten schwer auf der deutschen Wirtschaft. Sowohl die Brieftaschen der Verbraucher als auch die Investitionsbudgets der Unternehmen haben an Kaufkraft verloren. Das Handwerk bekommt die Zurückhaltung seiner Kunden zu spüren. Im ersten Quartal 2023 – weiter reichen die amtlichen Daten nicht – gingen die Umsätze zwar nominal um 9,8 Prozent über das Vorjahresniveau hinaus. Nach Abzug der Preissteigerung schlägt das Vorzeichen jedoch um; die DHZ schätzt den realen Rückgang auf zwei Prozent. Es verwundert also nicht, dass die Zahl der tätigen Personen Ende März um 1,2 Prozent unter dem Vorjahreswert lag. Auch die weitere Entwicklung im Laufe des Frühlings gibt wenig Anlass zur Hoffnung. Gemäß den von der DHZ ausgewerteten Umfragen berichteten 23 Prozent der Betriebe von steigenden Umsätzen, ebenso viele vermeldeten einen Rückgang. Der daraus resultierende Saldo von plus/minus null Punkten fiel erheblich schwächer aus als vor Jahresfrist bzw. im zehnjährigen Mittel mit jeweils plus 14 Punkten.

Auftragsreserven schmelzen weiter ab

Die Auftragsreserven schmolzen gegenüber dem Vorjahreswert (2,7 Monate) erneut ab und reichten Ende Juni für 2,5 Monate. Nichtsdestotrotz sind die Auftragsbücher relativ gut gefüllt. Sie speisen die hohe Auslastung im Handwerk. Dabei half auch, dass die Lieferproblematik zuletzt erheblich an Schärfe verlor. Mit einem mittleren Nutzungsgrad von 81 Prozent hielt der Indikator im zweiten Quartal 2023 das Vorjahresniveau.

Die Personalentwicklung folgte zwischen April und Juni nicht dem saisontypischen Muster. Zehn Prozent der Handwerksfirmen konnten die Belegschaft aufstocken, 16 Prozent vermeldeten einen Beschäftigungsrückgang. Gemessen am langjährigen Durchschnitt (13 zu 11 Prozent) verlief der Berichtszeitraum ungünstig.

Geschäftslage signalisiert Seitwärtsbewegung

Nach den Fortschritten zu Beginn des Jahres bewegte sich der Lage-Index im zweiten Quartal 2023 kaum aufwärts. 45 Prozent beurteilten ihre derzeitige wirtschaftliche Situation mit gut, 40 Prozent mit befriedigend. 15 Prozent waren mit dem Geschäftsverlauf nicht einverstanden. Letztlich resultiert aus allen Angaben ein Indexwert von 131 Punkten.

Branchen

Beim Blick auf die Branchen wird deutlich, dass vor allem das Bauhauptgewerbe auf eine Krise zusteuert. 26 von 100 Teilnehmern aus dieser Gruppe beklagten schrumpfende Umsätze im Frühling 2023. Saisontypisch sind Werte von rund einem Zehntel. Derzeit lasten die hohen Baupreise und die gestiegenen Finanzierungskosten wie Blei auf der Nachfrage.

Statistik zur Umsatzentwicklung im Handwerk
© Deutsche Handwerks Zeitung

Anders sieht es bei den Ausbaugewerken aus. Hier treiben der große Sanierungsbedarf, der Run auf neue Heizungen und der Solarboom die Auftragsreichweiten nach oben.

Gut lief es auch für Zulieferer und Kfz-Händler. Mit dem Nachlassen der Lieferprobleme konnten die deutschen Hersteller von Fahrzeugen, Maschinen und anderen Investitionsgütern ihre Produktion im laufenden Jahr ausweiten. Im ersten Halbjahr 2023 erreichten die Zulassungen neuer Pkw einen Zuwachs von 12,8 Prozent gegenüber 2022.

Die Verbraucherstimmung hat sich zuletzt wieder verschlechtert. Konsumexperten machten dafür die konjunkturellen Aussichten und die hartnäckig hohe Inflation verantwortlich. Trotz dieser Umstände meldeten Friseure, Fotografen, Schneider oder Goldschmiede, die mit anderen Gewerken im Handwerk für privaten Bedarf zusammengefasst werden, einen leichten Aufwärtstrend bezüglich der aktuellen Lage.

Viele Verbraucher konzentrieren sich stärker auf Discounterware und meiden Lebensmittelhandwerker. Laut Statistischem Bundesamt fuhr der Facheinzelhandel mit Lebensmitteln – einschließlich Bäckern und Metzgern – von Januar bis Mai ein reales Umsatzminus von 10,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein.

Ausblick: In schwierigem Gelände

Viele Institute gehen in diesem Jahr von einer leicht abnehmenden Wirtschaftsleistung in Deutschland aus. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass die deutsche Wirtschaft um 0,3 Prozent schrumpft. ­Gegenwind kommt von der Geldpolitik und der enttäuschenden Erholung der Weltwirtschaft. Wachstumsimpulse durch Investitionen fallen aus; ­wegen seiner gravierenden Standortnachteile – hohe Energiepreise und -Arbeitskosten, schwerfällige Bürokratie, schleppende Digitalisierung, Fachkräfteknappheit – fließen Milliarden an Investitionen aus Deutschland ab. Zudem ist die Konsumlaune immer noch schlechter als während des ersten Corona-Lockdowns 2020. Vor diesem Hintergrund schätzt das Handwerk die Geschäftsaussichten zum Einstieg in den Sommer 2023 schlechter ein als noch vor drei Monaten. Acht Prozent glauben an eine Aufhellung der Lage, für 18 Prozent zeigt der Trend nach unten. Immerhin prognostiziert die überwiegende Mehrheit stabile Verhältnisse. Der daraus errechnete Index nimmt mit 90 Punkten um acht Zähler ab.