Brandbrief Aufträge für Sanierungen brechen ein: "Entlassungswellen drohen"

Dramatischer Appell: 15 Verbände haben einen Brandbrief an die Bundesregierung geschrieben. Der Einbruch bei Gebäudesanierungen gefährde Klima, Jobs und sozialen Frieden. Auch das Handwerk ist betroffen.

Das Geschäft mit Sanierungen ist fast zum Erliegen gekommen. - © Elenathewise - stock.adobe.com

Die Sanierungsrate bei Gebäuden ist eingebrochen. In einem offenen Brief an Bundesregierung und Bundestag hat ein Bündnis aus 15 Branchen-, Verbraucher-, Umwelt- und Klimaschutzverbänden große Sorge darüber geäußert.

Die Ursachen dafür sind vielfältig, dürften aber vor allem auf die Verunsicherung der Verbraucher zurückzuführen sein. Die anhaltende Diskussion um das Gebäudeenergiegesetz und die unklaren Förderbedingungen verunsichern die Kunden. Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Jörg Dittrich, hatte die Bundesregierung kürzlich aufgefordert, rasch für Klarheit zu sorgen:, "um fehlende Punkte zu ergänzen oder zu konkretisieren: bei der Förderkulisse, der Wärmeplanung und weiteren Details im Gesetz". Das sei notwendig, weil die Betriebe ihre Kundinnen und Kunden nur dann gut beraten könnten, wenn es Planungssicherheit gebe.

Auch die 15 Verbände rufen die Politik zum Gegensteuern auf. "Die Aufträge für energetische Modernisierungsmaßnahmen, sowohl bei Gebäudehülle als auch -technik sind massiv zurückgegangen oder sogar zum Erliegen gekommen“, heißt es in dem Brief. Diese Entwicklung gefährde Jobs, Klima und sozialen Frieden.

Konjunkturpaket für Gebäudehülle

Hohe Heizkostenrechnungen träfen Haushalte mit geringen Einkommen in schlecht modernisierten Häusern besonders hart. Das Verbändebündnis fordert daher die Bundespolitik auf, noch in diesem Sommer ein Klimakonjunkturpaket für den Gebäudesektor aufzulegen. 

Jutta Gurkmann, Mitglied der Geschäftsleitung beim Verbraucherzentrale Bundesverband, sagte: "Die Verbraucherinnen und Verbraucher brauchen Planungssicherheit." Nur wenn die Gebäudehülle und -technik energetisch saniert würden, werde die Klima- und Energiewende Erfolg haben. Das alleinige Umstellen auf erneuerbare Energien genüge nicht, eine Wärmepumpe in einem unsanierten Gebäude sei geradezu eine "Fehlinvestition": "Da zahlen Sie sich dumm und dusselig".

Nicht nur auf Nah- und Fernwärme setzen

Dem pflichtete Stefan Bolln, Vorsitzender des Bundesverbands Gebäudeenergieberater Ingenieure Handwerker.bei. "Wir müssen bei der Hülle mehr machen, wir müssen den Wärmebedarf senken." In den vergangenen Monaten sei der falsche Eindruck erweckt worden, dass sich das Problem mit Nah- und Fernwärme lösen lasse.

Die Verbände schlagen Alarm: Neben sinkenden Förderanträgen sei ein massiver Einbruch bei Sanierungen der Gebäudehülle sowie dem Absatz von Wärmeschutzprodukten und Wärmepumpen zu verzeichnen. "Im Fachkräftebereich drohten Entlassungswellen. Unternehmen, die aufgrund politischer Signale Kapazitäten aufgebaut haben, können diese bei fehlender Nachfrage nicht aufrechterhalten", schreiben die Absender. Ein Kapazitätsabbau müsse vermieden werden, da er die Sanierungs- und Neubauziele auch mittelfristig praktisch unmöglich machen würde.

Soziale Verwerfungen

Ohne eine deutliche Senkung des Energieverbrauchs, wie ihn die energetische Sanierung erreichen kann, sei die Energiewende weder wirtschaftlich, noch sozial-, noch klimaverträglich zu bewältigen. Durch hohe Energie- oder CO2-Preise allein lasse sich eine Steigerung der Energieeffizienz nicht erreichen. Die Absender des Briefes sprechen von einem "gefährlichen Trugschluss". 

Christian Noll, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF), warnte indes vor zu hohen Erwartungen an eine Förderung: "Es wird nie dazu kommen, dass der Staat für die kompletten Investitionskosten aufkommt." Dringend erforderlich ist nach Ansicht der Verbände dennoch ein Fahrplan für eine Sanierungsoffensive für den gesamten Gebäudebestand. Dabei müssten Förderprogramme, Ordnungsrecht, Beratung, private Finanzierung und Anpassungen im Mietrecht kombiniert werden, um sowohl das Erreichen der Klimaziele als auch eine sozial gerechte Umsetzung zu gewährleisten.

Energieberater Bolln betonte, dass sich auch mit "geringen investiven Maßnahmen" an der Gebäudehülle große Erfolge erzielen ließen. Ihn ärgere, dass in den vergangenen Monaten Zweifel gesät worden seien an der Wirksamkeit der Gebäudesanierung. Simone Jost vom Bundesverband energieeffiziente Gebäudehülle sagte, dass es auch im eigenen Interesse von Hausbesitzern sei, ihre Gebäude ertüchtigen zu lassen. Der Wert sanierter Immobilien liege um bis zu 35 Prozent höher als der unsanierter Vergleichsobjekte. "Man steigert signifikant den Wert der eigenen Immobilien."

Sanierungsgipfel gefordert

Die Verbände fordern einen zeitnahen Austausch mit der Bundesregierung und unterstreichen die Dringlichkeit eines Sanierungsgipfels, um diese Herausforderungen anzugehen. 

Andere Branchenvertreter hatten zuvor Alarm geschlagen. Neben dem Baugewerbe hatten sich auch die Maler und Lackierer besorgt über rückläufige Geschäfte geäußert. Dafür wird vor allem das Hickhack um das Heizungsgesetz sowie die unklare Förderung gemacht. Neben dem Malerhandwerk sind auch andere Ausbaugewerke, aber beispielsweise auch Gerüstbauer oder Elektriker, von der drohenden Flaute betroffen.