Die Gerüstbaubranche bleibt trotz Krise stabil, sieht aber dringenden Handlungsbedarf beim Wohnungsbau. Auf der Bundesfachtagung in Hamburg warben Branchenvertreter dafür, sich für die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) zu öffnen.
Die deutsche Gerüstbaubranche hat auf ihrer Bundesfachtagung in Hamburg über die Chancen der Digitalisierung diskutiert und die Politik zu mehr Unterstützung im Wohnungsbau aufgerufen. Die Branche übersteht die Krise im Wohnungsbau nach eigener Einschätzung relativ gut, indem sie sich auf Nischen und Infrastrukturprojekte konzentriert.
Krise im Wohnungsbau, Hoffnung auf Politik
Marcus Nachbauer, Bundesinnungsmeister und Präsident des Bundesverbandes Gerüstbau, sprach von "unruhigen Zeiten". Besonders die Bauwirtschaft spüre die Krise. Der Wohnungsbau habe die Gerüstbaubranche zwar getroffen, aber der "große Knall" scheine ausgeblieben zu sein. Firmen kompensieren Probleme im Wohnungsbau, indem sie in Nischen und Infrastrukturprojekte wie Brücken- oder Bahnsanierungen gehen.
Hoffnung setzt die Branche laut Nachbauer nun in die neue Bundesregierung und den versprochenen "Bau-Turbo". "Der muss aber wirklich kommen. Denn Lippenbekenntnisse hatten wir in den vergangenen Jahren wahrlich genug", betonte Nachbauer. Die Politik müsse den Unternehmen wieder mehr Vertrauen entgegenbringen, "statt die Betriebe durch immer neue Vorschriften zu gängeln". Die Branche hofft, dass bei einer Rückkehr des Wohnungsbaus auch die Mitarbeiter verfügbar sind.
Die politischen Impulse bezüglich Infrastruktur bewertet die Branche positiv. Unsicherheit gibt es aber über die konkreten Maßnahmen der neuen Ministerin Verena Hubertz (SPD) zum Wohnungsbau. Dabei gibt es laut Nachbauer viel zu sanieren und viel neu zu bauen. Die Zahl der nicht gebauten Wohnungen wird immer größer.
Wahlen und Verabschiedung
Bei den Wahlen wurde Marcus Nachbauer einstimmig als Bundesinnungsmeister und Präsident des Bundesverbandes bestätigt. Frank Dostmann wurde einstimmig zum stellvertretenden Bundesinnungsmeister und Vizepräsidenten für Technik gewählt. Sandro Rende wurde zum stellvertretenden Bundesinnungsmeister und Vizepräsidenten für Wirtschaft, Recht und Ausbildung bestimmt. Alle Kandidaten wurden ohne Gegenstimme gewählt.
Infrastruktur und Digitalisierung im Fokus
Ein Fachvortrag von Gerüstbauunternehmer Karsten Weise über den Rückbau der Talbrücke Sechshelden zeigte die wachsende Bedeutung von Infrastrukturprojekten für die Branche, besonders angesichts der schwachen Konjunktur im Neubau.
Ein weiteres Thema war der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) im Handwerk. Eine Diskussionsrunde mit IT-Experten und Unternehmern zeigte Chancen und Hürden. Viele Teilnehmer sehen, dass KI den Arbeitsalltag verändern wird. KI-gesteuerte Planungssoftware kann zum Beispiel komplexe Gebäudestrukturen analysieren.
Karl-Heinz Krawczyk, Dachdeckermeister und Unternehmensberater, berichtete von KI-Einsatz im Dachdeckerhandwerk, etwa bei der Auswertung von Dokumenten. Er sprach aber auch von Orientierungslosigkeit vieler Kollegen und fehlender Zeit für Innovation. Ältere Software und fehlende Strukturen erschweren den Einstieg. Prozesse seien oft nicht dokumentiert, was KI erschwert.
Fehlende Prozesskultur
Frank Schimmer, Gerüstbauunternehmer, stimmte zu und sprach von einer "fehlenden Prozesskultur". Er forderte "Prozesslandkarten" (eine Art Plan der Arbeitsabläufe), um Prozesse zu digitalisieren. Es sei schwierig, passende Software für die kleine Gerüstbaubranche zu finden.
Walter Stuber, Gerüstbauunternehmer und Vorreiter bei KI, sieht die Technologie als Arbeitserleichterung. Er nutzt KI zur Vertragsprüfung und konnte so seinen Angebotsprozess verschlanken. Die KI vergleicht Angebote und bewertet Material- und Personalverfügbarkeit. Sie hilft auch bei der Fristenkontrolle. Bei der Baustellendokumentation können Kolonnenführer Berichte in die KI diktieren, die das Bautagebuch auswertet. Auch Vorarbeiten für die Gefährdungsanalyse seien mit KI möglich.
IT-Experte René Piel von IT Team Six ermunterte die Handwerker, die Scheu vor KI abzulegen. Man könne schrittweise beginnen, etwa mit E-Mails oder Vertragsprüfung. Er und Gregor Clausen von CP-Pro Solutions appellierten, mehr Informationen und Baupläne untereinander zu teilen. Viele Handwerker sind laut Quelle skeptisch, betriebliche Infos zu teilen, obwohl dies der Branche helfen würde.
